
Architektur und Natur – Rosemarie Gebauer schaut auf beides | Foto: Rosemarie Gebauer / TRANSIT Buchverlag
Rosemarie Gebauer ist Biologin und Botanikerin. Bekannt ist sie für ihre schön gestalteten literarischen Pflanzenbücher und ihre Forschungen zur Herkunft von Pflanzennamen. In ihrem jüngsten Buch hat sie nun das Metier gewechselt – oder doch nicht?
Gebauer, die in der Villenkolonie Lichterfelde lebt, hat lange Spaziergänge während der Corona-Zeit zum Ausgangspunkt genommen, um sich intensiv mit den dortigen Straßennamen zu beschäftigen. Nach welchen Persönlichkeiten wurden die Straßen benannt? Wer hat die Namen ausgesucht? Aus welchem Anlass wurden und werden Straßen immer wieder einmal umgetauft? Und wer waren die Menschen, die dort wohnten, nachdem Johann Anton Wilhelm Carstenn (damals noch ohne Adelstitel) 1865 das Gut Lichterfelde erworben und mit der systematischen Anlage der Villenkolonie begonnen hatte?
Sozusagen organisch erwandert sich Gebauer ihr Forschungsgebiet: Von der an den Gründer erinnernden Carstennstraße aus steckt sie im ersten Kapitel mit Ringstraße und Drakestraße erst einmal das Terrain ab. Aber wie oft im Buch, biegt sie bald in einen unterhaltsamen Seitenpfad ein: Auf die Straßenschilder im Viertel schafften es lange fast nur erfolgreiche Männer. Dort standen sie dann mit ihrem Ruhm und ihrem Nachnamen, wenn sie bürgerlich waren; mit dem Vornamen, wenn dem Haus Hohenzollern angehörten. Frauen hingegen existierten im Kontext von Straßennamen (ähnlich wie bei Schiffen) offenbar nur mit Vornamen. In Lichterfelde finden wir deshalb die Paulinen- (nach Pauline Wesenberg) und die Martha-Straße (zu Ehren von Martha Ippel). Die Benennung war als Reverenz gedacht: Die Ehemänner von Pauline und Martha hatten in den 1890-er Jahren jeweils das erste Haus am Platz – oder vielmehr: in der Straße – errichten lassen.
Historisch geht es weiter im Text: Die Lichterfelder Friedrichstraße ist, anders als jene in Mitte, nach Friedrich III., dem „99-Tage-Kaiser“ des Jahres 1888, benannt. Aber zur kaiserlichen Entourage zählten nicht nur Blutsverwandte, weder im Leben noch auf dem Stadtplan: Nach dem Erzieher Friedrichs, dem Archäologen Ernst Curtius, wurde die Curtiusstraße benannt; der Dichter Emanuel Geibel, seinerseits ein enger Freund Curtius‘, gab der Geibelstraße ihren Namen. Die Namenspatrone aus der Zeit der Einigungskriege von 1864-1871 erhalten ein eigenes Kapitel; ebenso Männer, die während des Ersten Weltkriegs einer Ehrung für würdig befunden wurden. Der als nationaler Held bejubelte U-Boot-Kommandant Otto Weddigen war erst eine Woche tot, als 1915 die damalige Bellevuestraße seinen Namen erhielt.
Den Umbenennungen von Straßen zwischen 1933 und 1945 widmet Gebauer viel Aufmerksamkeit. Detailreich berichtet sie über jene, die ihre Namen von den Nationalsozialisten nach der Besetzung des Sudetengebiets im Oktober 1938 erhielten, wie der Gräfenberger Weg oder die Jägerndorfer Zeile. Ob die Kadettenstraße, wie in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren diskutiert, wieder zur „Sternstraße“ werden sollte, lässt sie offen – so wahrscheinlich ein Bezug zu dem jüdischen Musikpädagogen und Dirigenten Julius Stern sei, fehlten doch weiter die Dokumente, die dies sicher belegten. Vielleicht eine Erkenntnis für manchen Leser: die große Zahl an Häusern, die mit Mitgliedern der Bekennenden Kirche in Verbindung gebracht werden können, deren Büro in der Drakestraße 32 lag.
Gebauer schaut nicht nur auf die Schilder, sondern auch auf den Straßenbelag, der seine eigenen Geschichten erzählt. So ist auf der Höhe der Lotzestraße 21a deutlich ein Wechsel des Straßenpflasters zu erkennen – Zeichen des ehemaligen Grenzverlaufs zwischen den Bezirken Zehlendorf und Steglitz. Die Autorin nimmt sich Zeit, weist auch auf ein von Nachbarn mit viel Liebe gepflegtes Beet am Straßenrand oder einen neugestalteten Park hin, auf eine Bank, die zum Verweilen einlädt. Das Herz der Pflanzenforscherin lässt sich nicht verbergen: Die zahlreichen Fotos im Buch nehmen fast nie nur Gebäude, Plätze oder Denkmäler in den Blick. Immer spielt auch das Grün eine gewichtige Rolle, blicken wir auf den blühenden Rhododendron in einem Vorgarten, oder sehen durch zarte Birkenstämme hindurch das Polizeigebäude in der Augustastraße.
Dies ist kein Architekturführer. Die Architekten der Villenkolonie, ob Gustav Lilienthal (der erstaunlicherweise hier keine Straße bekam), Walter Kyllmann oder Richard Tietzen, um nur einige zu nennen, sind für Gebauer Teil eines Gesamtschauspiels. „Ein sprudelnder Brunnen aus Architektur, Gartenkultur und Geschichte“, nennt es die Autorin. In ihrem letzten Kapitel vereint sie unter anderem die Straßen, die ihre Bezeichnung nach Künstlern, Forschern und Philosophen erhielten. Wie in ihren Blumenbüchern verbindet sie Namenkunde mit Hinweisen auf Dichtung und Kunst. Als Wissenschaftlerin dokumentiert sie die Länge der Straßen und die Zahl der dort zu findenden denkmalgeschützten Häuser. Als von Menschen und Schicksalen faszinierte Autorin erzählt sie Details, die sie im ausgiebigen Studium von alten Adressbüchern, Stadtplänen, historischen Schriften und im Gespräch mit den Nachbarn erfahren hat. Ihr Zugang ist persönlich und von der Liebe zu Lichterfelde und seinen Bewohnern geprägt. Ein Buch, das vielen hier Lebenden eine willkommene Einladung sein dürfte, mit noch offeneren Augen unterwegs zu sein.
Rosemarie Gebauer liest aus ihrem Buch am Mittwoch 15.10., Mittwoch 29.10. und Donnerstag 20.11., jeweils um 18.00 Uhr im Kaffeehaus Frau Lüske am Karlplatz, Baseler Straße 46, 12205 Berlin.
Benita Schauer

Das neue Buch von Rosemarie Gebauer | Foto TRANSIT Buchverlag
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