Ein „Geisterrad“ erinnert an der Sundgauer Straße an eine tödlich verunglückte Radfahrerin. | Foto: Ulrich Clemens

 

Tempo 30 auf Nebenstraßen, Tempo 50 auf Hauptstraßen – dieses Prinzip lässt sich nicht überall durchhalten. Manche Straßenabschnitte sind so gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer, dass die Geschwindigkeit für PKW reduziert werden muss. Bürgerinitiativen fordern weitere Tempo-30-Zonen an unterschiedlichen Orten im Bezirk.

Ein Beitrag von Ulrich Clemens, BI Sundgauer Straße

Der gesamte Bezirk ist im Bereich seiner Straßen, Brücken, Schienen- und Bahnhofsanlagen (U-Bahn, S-Bahn plus Abstellwerkstätten) intensiv und dauerhaft überbeansprucht.  Zahlreiche Straßenbaustellen strapazieren die Anwohnerschaft, den Durchgangsverkehr sowie den ruhenden Verkehr (Parkplätze).

Der Sanierungsbedarf mehrerer Brücken ist seit längerem behördlich bekannt. Die fortschreitende Belastung der Baustatik durch zu starke Dauernutzung, insbesondere durch Schwerlastverkehr wie beispielsweise die S-Bahn-Brücken an den Bahnhöfen Zehlendorf und Sundgauer Straße sowie an der Seehofstraße macht in naher Zukunft umfangreiche Sanierungen nötig.

Umfangreiche Großbaustellen rund um die Neugestaltung des S-Bahnhofes Zehlendorf sind bereits angekündigt. Die Gesamtsanierung am Steglitzer Kreisel führt zu Einschränkungen und Belastungen für alle Verkehrsteilnehmer. Auch die Baumaßnahme an der U-Bahn-Abstellanlage am Endbahnhof Krumme Lanke gehört zu den Großbauprojekten im Berliner Südwesten.

An Baustellen, Engstellen und ausgeschilderten Gefahrenstellen und besonders in Momenten des Staus ist geduldiges Fahrverhalten, Rücksichtnahme und Verständnis gefragt. Und trotzdem kommt es immer wieder zu bedauernswerten Unfällen, mag Anlass oder Ursache dem persönlichen Fahrverhalten oder einfach einer unübersichtlichen lokalen Straßensituation geschuldet sein.

Die bezirkliche Unfallstatistik ist alarmierend: Polizeilich wurden im Jahr 2024 im Bezirk knapp 10.000 Verkehrsunfälle registriert – das sind 830 Unfälle im Monat, rund 28 pro Tag.  Die ganz vielen Beinahe-Unfälle sind hier natürlich nicht mitgezählt.

 

Erinnern und mahnen – Bürger fordern Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer. | Foto: Ulrich Clemens

 

Die Wohnbevölkerung des gesamten Bezirks wird in kommenden Jahren nachweislich wachsenden Verkehrsbelastungen ausgesetzt sein. Nicht nur die Anwohner an zahlreichen Hauptverkehrsstraßen, Großkreuzungen und Autobahnzufahrten müssen mit mehr Lärm, mehr Schadstoffen und schneller werdendem Fahrzeugtempo leben, sondern auch tausende Pendler, die täglich zwischen Berlin und Brandenburg und darüber hinaus beruflich unterwegs sein müssen.  

Laut Berlin-Statistik sind im Jahr 2024 rund 263.000 Pendler aus Berlin ins Umland gependelt, das ist eine leichte Steigerung von 1%; in umgekehrter Richtung, von Brandenburg nach Berlin waren es 844.000 Pendler. Natürlich sind darunter viele Berufstätige mit dem ÖPNV und in Fahrgemeinschaften unterwegs gewesen, beispielsweise zum Flughafen BER oder zur Autofabrik Tesla in Grünheide.

Die prognostizierten Zahlen sagen für die nächsten Jahre einen Anstieg um 100.000 Menschen voraus, vorwiegend in Randbezirken, wo ausreichend Bauland für Wohngebäude ausgewiesen wird. Sicherlich werden darunter zahlreiche “Neuberliner“ beruflich pendeln wollen oder müssen. Touristen und Besucher von Großveranstaltungen kommen hinzu, ebenso das wachsende Carsharing- Angebot.

Die Unfallbilanz für 2024 zeigt für die 1,53 Mio. in Berlin zugelassenen Kfz eine besorgniserregende Tendenz. Insgesamt haben 55 Menschen bei Unfällen ihr Leben gelassen, darunter 24 Fußgänger und Fußgängerinnen, 11 Radfahrende. Die Altersgruppe der Senioren war besonders gefährdet, 335 Senioren und Seniorinnen wurden schwer verletzt, 27 starben. In der Bilanz der letzten Jahre zeigt sich bei weitgehend konstanter Gesamtzahl aller Unfälle eine deutliche Zunahme in der Gruppe der Senioren sowie der jugendlichen E-Scooter-Fahrer. Die jetzt veröffentlichen Zahlen für 2025 weisen eine ähnlich steigende Tendenz auf.                          

Nicht nur Unfallforscher, Polizei und Straßenverkehrsbehörden wissen genau, dass erhöhte Geschwindigkeit, rücksichtsloses Fahrverhalten und mangelnde Aufmerksamkeit im Straßenverkehr die entscheidenden Risikofaktoren im Unfallgeschehen sind. Genau darum fordern auch mehrere Anwohner-Initiativen ein striktes, durchgängiges Tempo 30-Gebot. Viele Menschen hier wissen sehr genau um die lokalen Verkehrsgefahren, erleben Angstzustände und bekunden durch Petitionen und aktives Demonstrieren mehr Schutzmaßnahmen für Nachbarschaft und Wohnumfeld. Diese Straßen in Wohngebieten dürfen nicht mehr als Durchgangsrouten genutzt und in Kfz-Navi-Geräten angezeigt werden, Ampelschaltungen müssen unbedingt fußgängerfreundlich eingestellt, gefährliche und schlechte Radwege müssen unbedingt ausgebessert werden. Das ist und bleibt das Gebot der Stunde.

Warum Verkehrserziehung immer wichtiger wird

In jeder Grundschule steht ab der 3. Jahrgangsstufe die allgemeine und ortsgebundene Verkehrserziehung auf dem Sachkunde-Lehrplan. Besuche der bezirkseigenen Jugendverkehrsschule zwecks Radfahrschulung und -prüfung unter Aufsicht der Verkehrspolizisten sind obligatorisch und zeugnisrelevant. Angesichts anwachsender Kfz-Zulassungen, engen zugeparkten Wohnstraßen und massiv gesteigertem Lieferverkehr muss die Verkehrserziehung in der Grundschule verbessert und ausgeweitet werden.  Eltern, Senioren, Kitas und Anwohnerschaft müssen über Gefahrenstellen und Missstände aufgeklärt werden. Konkrete Gefahrenstellen müssen von den zuständigen Behörden (Polizei, Ordnungsamt, BSR, BVG, etc.) umgehend beseitigt werden. An unfallträchtigen Straßenabschnitten muss Tempo 30 angeordnet werden, Verkehrskontrollen und -überwachung inklusive.

Tempo 30 schützt Leben. In diesem Sinn haben über hundert Anwohnerinnen und Mitbürger mehrmals Kundgebungen und Demonstrationen abgehalten, zuletzt am 13. September 2025 in der Sundgauer Straße. Ihre Forderungen: Neue, rot markierte Radwege, ausgebesserte Gehwege, verlängerte Ampelphasen, helle Straßenbeleuchtung. Es sind meist altbekannte Lokalprobleme, die jedoch immer häufiger und intensiver in denselben Straßen- und Kreuzungsabschnitten und obendrein mit gefährlichen Unfallfolgen auftreten. Hier muss der Blick aller Beteiligten viel stärker auf Prävention, auf Verkehrskontrollen und aktive Sicherheitsmaßnahmen gelenkt werden. Im Gedenken an die zahlreichen Unfallopfer, deren Anzahl alljährlich eine sehr traurige Statistik füllt, sollten wir unserer eigenen Lebensqualität mehr Aufmerksamkeit schenken.               

Ulrich Clemens
Der Autor ist Mitglied der BI Sundgauer Straße
Kontakt:
tempo30@sundgauer-strasse.de       
Unser Ziel: ganztägig Tempo 30 in der Sundgauer Straße

 

Termin:

Am 17. März findet ein Vernetzungstreffen der ehrenamtlichen Initiativen in Steglitz-Zehlendorf statt. Einladende sind die Koordinierungsstelle für Natur-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung im Bezirk Steglitz Zehlendorf in Abstimmung mit den Initiativen Klimafreundliches Stadtparkviertel, Zukunftslust und BI Sundgauer Straße

 

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