
Foto: Ulrich Rossmann
65 Jahre Berliner Mauer – zum Jubiläum hat eine Künstlerin eine 30 Meter lange Wand errichtet. Das Kunstobjekt wird kontinuierlich weiterentwickelt.
von Anja Beecken
Zum 65.Mal jährte sich in diesem Jahr das Ereignis des Baus der Mauer. Das Bauwerk verdeutlichte die deutsch-deutsche Teilung in unglaublich anschaulicher Art. Puristisch und hässlich zeigen sich in Berlin in Form von Gedenkstätten noch immer letzte erhaltene Teile, unschlagbar authentisch.
Es werden keine Schutzmaßnahmen ergriffen, um den Erhalt auch über weitere Generationen zu sichern, das ist absichtlich so, der Verfall der Mauer ist also sichtbar. Ihr Anblick ist ein gemeinschaftliches Erlebnis damals wie heute, eine gemeinsame Erfahrung und eine gemeinsame Empfindung.
Zur 65-Jahrfeier nun erleben wir ein neues Phänomen, Künstler beginnen solche Mauern zusätzlich zum Original neu zu erfinden und neu zu errichten. Zur Hervorhebung dieses Ereignisses, zur Anschauung des damaligen Schreckens, der damaligen unmenschlichen Trennung, des Abschneidens von Lebensbereichen, von Freiheit, um die Idee einer Gefangennahme zu veranschaulichen, denn etwas Anschaulicheres als eine unüberwindbare Wand gibt es nicht.
65 Jahre später scheint es plötzlich möglich, sich diesem Trauma unseres ganzen Landes auch auf eine spielerische künstlerische Weise zu nähern. Das ist neu, und es gibt zeitgleich zufälligerweise Beispiele dafür:
So wie am Brandenburger Tor die „Berliner Mauer“ zur Jahrfeier drei Tage im August als temporäre Installation errichtet wurde, so entstand in genau denselben Maßen, 30m Länge, 3m Höhe und ebenfalls aus Aluminium eine Wand in einem Garten in Wannsee. Ich präsentierte das Werk im Juni 2026 gleich zweimal im Rahmen einer Veranstaltung zur „Berliner Mauer“ im Garten der „Galerie am kleinen Wannsee. Das nächste Mal wird die Mauer bei einer Wochenendveranstaltung am 14.und 25 November zu sehen sein.

Foto: Ulrich Rossmann
„Meine Berliner Mauer“ steht parallel des ursprünglichen Verlaufes bei Dreilinden, die Mauer lief ja überall zwischen Ost und West, teilte das ganze Land. Das Bauwerk wurde 2021 im Bauamt eingereicht und genehmigt, und wurde im Mai 2025 fertig. Als „Berliner Mauerkunst“ habe ich mir einen Zyklus nach dem Vorbild Goyas Caprichos erdacht; die 80 gesellschaftskritischen und seinerzeit rasch verbotenen Radierungen des spanischen Malers und Grafikers habe ich in der Hamburger Kunsthalle als Kind bewundern dürfen.
Als Kind waren die Geschichten, die die Bilder erzählten, von nie dagewesener Phantasie, aber auch von ganz klaren Geschichtsbezügen. Nie vorher hatte ich von Hexenverbrennungen oder Inquisitionen gehört. Und ich war erschüttert, dass es noch gar nicht so lange her war, damals gerade mal 150 Jahre.
Während Goya Ende des 18. Jahrhunderts in seinen Caprichos mit der Obrigkeit abrechnet, und radikale Auswüchse von Autorität wie Inquisition, Hexenverbrennung oder Gefangennahme unter dem harmlosen Begriff der „Laune“ oder „Einfall“ darstellt, riskiert er seine Arbeit am Hofe und vermutlich auch sein Leben.
Die Mauerkunst im 20. Jahrhundert entstand nur auf der Westseite als Symbol von Meinungsfreiheit und Vielfalt. Überhaupt wäre es auf der Ostseite der Mauer undenkbar gewesen individuelle Malerei entstehen zu lassen, für mich wird hier die Kunst und Phantasie als Symbol von Freiheit.
Meine Caprichos nun entstehen im 21. Jahrhundert und stehen als Symbol für Freiheit, es sind diese spontanen Einfälle, mit „links“ „naß in naß“ hingeworfen, frei jeglicher Vorabüberlegungen, jeglicher Absicht und frei jeglichen Konzeptes. Es sind Bilder, die in der Natur existieren könnten, ohne Aggregatzustand, ohne Maßstab, ohne klare Räumlichkeit.
Für meine Zwecke, also meine „Caprichos“, habe ich mir 75x75cm große Aluminiumplatten herstellen lassen, die ich mit Öl spontan spielerisch bemale und aufhänge. Sie trotzen jeder Wetterlage und hängen teilweise schon über ein Jahr an der Wand.
Seit 1991 bin ich in Ost und West unseres Landes tätig, und setze mich mit dem Zusammenwachsen unseres Landes auseinander, ein Prozess, der noch immer nicht abgeschlossen ist. Als Künstlerin habe ich eine Wanderausstellung durch Ost und West mit dem Künstler Oliver Barth konzipiert, in der es um das Thema des gleichberechtigten Miteinanders und das Zusammenwachsen von Ost- und West geht.
Am 20. November wird dazu eine Ausstellung in Aschersleben in der Kreativwerkstatt neben der Neo Rauch Stiftung eröffnet.
Anja Beecken
Die Autorin ist Künstlerin und Architektin, ihr Arbeitsort ist die „Galerie am kleinen Wannsee“
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Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (