
Kranoldmarkt (Archivbild) | Foto: Daniela von Treuenfels
Daten und Fakten – auf dem Weg zum neuen Kranoldplatz wären belastbare Informationen hilfreich. Doch das Bezirksamt zeigt sich in der Beantwortung von BVV-Anfragen erstaunlich unwissend.
Viele lieben ihn, mache meiden ihn, aber alle sind sich einig: Der Kranoldmarkt mittwochs und samstags auf dem Kranoldplatz gehört einfach zu Lichterfelde Ost – so wie der Bär zu Berlin.
Auch wenn der Kranoldplatz umgebaut wird und der Markt für die Phase des Umbaus an einen anderen Standort verlegt werden müsste – was allerdings keinesfalls sicher ist –, soll der Markt auf jeden Fall langfristig auf dem Kranoldplatz bleiben. Das ist einhelliger Konsens in der Nachbarschaft, unter den Markthändlern, deren Kundschaft und der Politik im Bezirk.
Vor dem Hintergrund des geplanten Umbaus des Platzes und den damit auch für den Kranoldmarkt verbundenen Herausforderungen stellt sich die Frage, was das Bezirksamt als Marktbetreiber über dessen aktuelle Situation weiß, welche Planungen und Strategien es für eine Weiterentwicklung des Marktes verfolgt und welche Zukunftsideen dort entwickelt werden, um den Kranoldmarkt für die Zukunft fit zu machen.
Der Kranoldmarkt: Läuft. Irgendwie.
Der Bezirksverordnete Dennis Egginger-Gonzales (Linke) fragte nach, und erfuhr: Auf dem Kranoldmarkt waren im Juni diesen Jahres 27 oder 28 Monatshändler aktiv (die Angaben des Bezirksamtes schwanken). Dazu kommen Tageshändler. Im Mai und April 26 waren an einem Markttag höchstens 10 von ihnen auf dem Markt vertreten – insgesamt waren somit an einem Markttag maximal 38 Händler vor Ort.*
Keine Auskunft kann das Bezirksamt dagegen zu der Frage geben, wie viele Markstände und wie viele Marktfahrzeuge in den Jahren 2021 bis 2025 mittwochs und samstags durchschnittlich auf dem Kranoldmarkt standen. Fest steht offenbar einzig und allein, dass sich die Monatshändler mit insgesamt 15 Fahrzeugen unterschiedlicher Größe und maximal 10 Tageshändler (ob mit oder ohne Fahrzeug bleibt unklar) eine Stellfläche von 785-800 qm teilen, darunter laut Bezirksamt ein Stand mit 76 qm – also mit knapp 10 Prozent der zur Verfügung stehenden Fläche.
Die rein rechnerische Auslastung der auf dem Kranoldplatz für die Markthändler zur Verfügung stehenden Stellfläche beträgt mit Blick auf die Monatshändler nach den vom Bezirksamt gelieferten Zahlen 83,5% (800 qm Stellfläche und 668 qm Platzbedarf). Bei einem Umbau des Kranoldplatzes würde somit für die Monatshändlern weniger Platz gebraucht als auf dem Kranoldplatz derzeit zur Verfügung steht. Weniger Platz würde auch dann noch gebraucht, wenn die Auslastung der Stellfläche unter Einbeziehung der Tageshändler (Platzbedarf lt. Bezirksamt max. 80 qm) berechnet wird: Sie beträgt in diesem Fall höchstens 93,5%.
Zur wirtschaftlichen Situation des Marktes wird gelegentlich behauptet, der Kranoldmarkt sei einer der Umsatz stärksten Berlins. Belege für diese Behauptung lassen sich allerdings nicht finden und unabhängig überprüfen lässt sich ebenfalls nicht. Dazu befragt, erklärt das Bezirksamt, es sei nicht Aufgabe der Verwaltung, Umsätze der Händler zu erfragen oder zu dokumentieren.
Fest steht jedoch, dass seit 2021 16 Monatshändler ihre Verträge gekündigt haben – darunter die beliebte Fleischerei Glaser, die heute einen Stand auf dem Karl-August-Platz in Charlottenburg betreibt. Zugleich sind in diesem Zeitraum 8 Monatshändler neu auf den Kranoldmarkt gekommen. Die Kündigungsgründe der 16 Händler, die den Markt verlassen haben, hat der Bezirk nach eigenen Angaben nicht erfragt.
Sicher ist auch: Einige Preise auf dem Markt haben es in sich:1 KG Kabeljaufilet war am 12. Juni an einem Stand für 50 € zu haben, 1 KG Rotbarschfilet für 40 € und 1 KG Seelachsfilet immerhin für 32 €. 1 Croissant gab‘s für 2,40 € und Kartoffeln bei einem alteingesessenen Händler für Preise zwischen 3,80 € (Cilena) bzw. 4 € (Annabelle) und 4,40 € (Linda bio).
Regional, biologisch, vegan? Produktpalette bleibt unklar.
Der Markt ist vor allem samstags gut besucht, insbesondere von älteren Menschen. Jüngere Leute und Familien mit Kindern sieht man dagegen eher weniger auf dem Kranoldmarkt. Wer eine Weiterentwicklung des Marktes anstrebt, könnte überlegen, wie neue Zielgruppen erreicht werden können. Mehr regionale, biologische und mehr vegane Produkte? Eine vielseitigere Gastronomie? Um hierzu gute Ideen zu entwickeln und kluge Entscheidungen zu treffen, braucht man: eine sachliche Grundlage.
Die scheint es jedoch nicht zu geben, wie die Antworten des Bezirksamtes zeigen: Eine Auskunft darüber, wie viele Tageshändler Lebensmittel und wie viele von ihnen Non-Food-Produkte anbieten, kann der Bezirk ebenso wenig geben wie darüber, welche Produkte sie überhaupt anbieten. Die Bezirksverwaltung weiß darüber hinaus auch nicht, wie viele der Markthändler mit Monatsverträgen und wie viele der Tageshändler ganz überwiegend oder ausschließlich regionale oder biologisch erzeugte Produkte und wie viele ganz überwiegend oder ausschließlich Produkte mit internationalem Charakter anbieten.
Auf die Frage, was der Bezirk dafür tun würde, um das Angebot von Lebensmitteln und Non-Food-Produkten regionaler und biologischer zu gestalten, antwortet die Verwaltung, dass Händler bevorzugt behandelt würden, wenn sie eine entsprechende Anfrage stellen würden. Vereinzelt würden Händler auch angefragt.
Das gastronomische Angebot: keine Weiterentwicklung in Sicht
Dem Bezirk und damit der Marktverwaltung ist auch nicht bekannt, ob von den Tageshändlern ein gastronomisches Angebot gemacht wird. Bei den Händlern mit Monatsverträgen gibt es laut Bezirksamt zwei gastronomische Angebote – einen deutschen Imbiss und einen Fischimbiss. Ob diese beiden Betriebe überwiegend oder ausschließlich biologische Speisen anbieten und ob auch vegane Speisen angeboten werden, ist dem Bezirk wiederum nicht bekannt.
Gefragt, was seitens der Marktverwaltung unternommen wird, um das gastronomische Angebot auf dem Kranoldmarkt weiterzuentwickeln und in welche Richtung eine solche Weiterentwicklung gehen sollte (biologisch, regional, vegan), antwortet das Bezirksamt, dass der Ausbau der Gastronomie auf dem Kranoldmarkt kein Ziel sei, der Markt sei vielmehr „ein Paradebeispiel eines klassischen Wochenmarktes“ und „ein Streetfoodmarkt ist nicht gewollt“.
Gestaltung mit den Markthändlern? Mal sehen, vielleicht.
Die Frage, ob die Markverwaltung angesichts eines an vielen Orten zu beobachtenden Marktsterbens – so wie dies andernorts gemacht wurde – ins Auge gefasst habe, gemeinsam mit den Markthändlern darüber zu beraten, wie man den Kranoldmarkt zukunftssicher machen kann, wird vom Bezirksamt so beantwortet: Dies sei bisher nicht geschehen, werde aber in Erwägung gezogen.
Immerhin heißt es an anderer Stelle, man stehe mit den Markthändlern in einem engen und regelmäßigen Kontakt. Eine Bitte des Bezirksamtes an die Markthändler, eine offizielle Vertretung zu bestimmen, hat es allerdings nicht gegeben. Dies entziehe sich seinem gesetzlichen Auftrag, so das Bezirkssamt in seiner Antwort auf die schriftliche Anfrage der Linken.
* Sämtliche Informationen über das Wissen des Bezirksamtes Steglitz-Zehlendorf zum Kranoldmarkt in diesem Text basieren auf dessen Antworten auf
die schriftliche Anfrage 430/VI vom 06.05.2026,
https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/ka020_r.asp?KALFDNR=2126
die schriftliche Anfrage 431/VI vom 06.05.2026,
https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/ka020_r.asp?KALFDNR=2127
und auf die schriftliche Anfrage 432/VI, ebenfalls vom 06.05.2026.
https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/ka020_r.asp?KALFDNR=2128
Stephan Voß
Der Autor ist Mitglied des Bündnisses für einen lebendigen Kranoldplatz.
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Größere Veränderungen werfen ihre Schatten voraus: derzeit erfährt das direkte Umfeld des Kranoldplatzes eine Neugestaltung. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Kaum Wissen, keine professionelle Kommunikation. Eine Zukunftsstrategie für den Markt entsteht so nicht.
Ein Kommentar von Stephan Voß
Eine Anfrage des Bezirksverordneten Dennis Egginger - Gonzales (DIE LINKE) brachte es ans Licht: Im Bezirksamt ist über das tatsächliche Marktgeschehen auf dem Kranoldplatz vergleichsweise wenig Wissen vorhanden.
Und es gibt keine erkennbaren Strategien, den Markt für die Zukunft fit zu machen (