In der Bezirksverordnetenversammlung im Juni hatte es die CDU-Fraktion bereits angekündigt, nun macht sie ernst und beginnt damit, Bezirksstadtrat Michael Karnetzki (SPD) Aufgaben zu entziehen. Das erste Projekt ist die Jugendfreizeiteinrichtung Schottenburg. Seit etwa 20 Monaten kann die Jugendfreizeiteinrichtung nur eingeschränkt arbeiten, weil die Räume im Keller – Tonstudio, Band-Probenraum und Café – geschlossen sind. Grund dafür sind fehlende Baupläne, so dass die Räume von der Bauaufsicht geschlossen wurden. Die Konsequenz für die Schottenburg: eine gesunkene Attraktivität, weniger Besucher, weniger Ehrenamtliche. Die Mitgliederzahlen brechen ein.
Dass das Verfahren so lange dauert, begründete Bezirksstadtrat Michael Karnetzki (SPD) mit einem normalen Planungsablauf. Die Entwürfe des Architekten lägen erst jetzt vor. Doch die Planungen könnten wegen der Personalsituation im Hochbauservice nicht weiter geführt werden, antwortete Bezirksstadträtin Christa Markl-Vieto auf eine Große Anfrage der CDU-Fraktion. Sie sah ebenfalls Versäumnisse in der Bauabteilung. Würde man sofort weiterarbeiten und ein beschleunigtes Baugenehmigungsverfahren einleiten, könnten die Arbeiten noch in diesem Jahr beginnen und möglicherweise sogar angeschlossen werden, so Markl-Vieto.
Dass das Verfahren sich ziehe, dafür gab der CDU-Fraktionsvorsitzende Torsten Hippe Karnetzki die Schuld. Deshalb hatte er zusammen mit der Grünen-Fraktion einen Antrag mit dem Titel „Hilfe für Bezirksstadtrat Karnetzki“ eingebracht. Der sieht vor, die Bauangelegenheit Schottenburg aus dem Bereich des Bezirksstadtrates herauszunehmen und die Aufgabe dem Bezirksamt zu übertragen. Man brauche einen Entscheider mit mehr Kreativität als der eines „preußischen Postobersekretärs“, so Hippe. Er habe die Hoffung verloren, dass Karnetzki es alleine schaffe, die Maßnahme umzusetzen.
Karnetzki konnte die Hilfe, die in diesem Antrag stecken soll, nicht erkennen und warf Schwarz-Grün vor, die Fakten falsch darzustellen. Doch Nina Stahr (Grüne) war die Historie egal, sie forderte Bezirksamt und BVV auf, endlich damit aufzuhören, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben. Es ginge doch darum, in die Zukunft zu schauen und mit gemeinsamen Kräften die Schottenburg wieder so herzustellen, dass sie vollständig genutzt werden kann. Deshalb unterstütze sie diesen Antrag, weil er genau dies ermögliche. „Das gesamte Bezirksamt muss sich verantwortlich fühlen“, betonte sie.
Doch wer ist „das Bezirksamt“, das das Verfahren an sich ziehen soll, fragte sich Georg Boroviczeny (Piraten); sein Fraktionsvorsitzender Eric Lüders sah nur Uneinigkeit im Bezirksamt aber wenig Kooperation. Der Antrag der CDU sehe nur danach aus, als ob man helfen wolle, als ob man etwas tun wolle, „doch am Ende kommt gar nichts raus“, so seine Prognose. Nach all der Kritik der CDU in den vergangenen Monaten habe er sich da mehr erwartet.
Seine Fraktion lehnte genauso wie die SPD den Hilfeantrag ab. Angenommen wurde er trotzdem mit den Stimmen von CDU und Grünen.
Es wird nicht das letzte Projekt sein, das er Karnetzki entziehen will, kündigte Hippe an. Das nächste soll das Stellenbesetzungsverfahren im Hochbauamt sein.










Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (
Dem Karnetzki sollte man noch was ganz anderes entziehen als die Zuständigkeit für die Schottenburg. Ich denke da an seine gesetzliche Mündigkeit. Aber wer wollte für den schon die Verantwortung übernehmen?