Die Malerin Claudia Hauptmann (r.) während der Laudatio. | Foto: myr

 

In der Petruskirche am Oberhofer Platz ist derzeit die Ausstellung „bibelbezüglich“ mit Werken der Künstlerin Claudia Hauptmann zu sehen.

Zur Vernissage sprach Ulrike Meyer. Wir veröffentlichen die Laudatio im Wortlaut:

 

Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir,
o heilige Gottesgebärerin.
Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,
o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau.

 

Dieses kurze Gebet stammt aus dem 3. Jahrhundert und ist eines der ältesten Mariengebete, mit dem die Menschen in ihrer Not die Mutter Jesu um Hilfe anflehten. So wurde im Laufe der Jahrhunderte der Topos der Schutzmantelmadonna geschaffen; und seit dem 13. Jahrhundert, mit zunehmender Marienverehrung, gehört die Schutzmantelmadonna zu einem der beliebtesten Motive in der christlichen Kunst.

Auch in der Petruskirche können wir heute eine Schutzmantelmadonna bewundern. Ausgestattet mit wenigen typischen Attributen des Genres, provoziert diese Schutzmantelmadonna der Malerin Claudia Hauptmann in zeitgemäßer, vor allem aber in tabubrechender Bildsprache.

Nackt, schutzlos und hochschwanger steht Maria inmitten einer riesigen Abfallhalde aus Plastik auf dem Podest, auf das sie die Kirche mit ihrer Glaubensgemeinschaft gestellt hat. Sie, die Himmelskönigin, die traditionell in einem lieblichen Garten sitzt, wird von der Last ihrer Verantwortung fast erdrückt und trägt schwer an der Bürde, die mit ihrer Idealisierung und Überhöhung verbunden ist.

 

Die Säule | Foto: Claudia Hauptmann

 

Dies wird durch eine überdimensional große, gefährlich spitze Krone symbolisiert – die zugleich auch auf die Last durch die Männer, der sogenannten „Krone der Schöpfung“, verweist. Die Männer gestikulieren so wild im Innern von Marias Krone, dass diese herunterrutscht und ihr den Blick verstellt. Zu ihren Füßen betet eine von Männern dominierte Gemeinde und deren Gebetbücher werden durch ihren Fetisch Handy ersetzt, sie folgen nun den Glaubenssätzen der digitalen Welt.

Zwar schützt die hochschwangere Maria mit ihrem blauen Mantel die Männer vor der vermüllten Umwelt, aber ihr Kind, das sie bald als den Hoffnungsträger der Menschheit gebären wird, wird dieser Vermüllung ebenso schutzlos ausgesetzt sein wie sie selbst. Ihr goldener Heiligenschein wurde bereits durch einen banalen Pappteller ausgetauscht.

Diese Schutzmantelmadonna der Gegenwart hat nach wie vor eine wichtige, stützende Funktion in der Glaubensgemeinschaft mit ihrer zerstörerischen Konsumhaltung. Wie eine Säule ragt Maria hervor, trägt den Glauben und die Hoffnung – bezeichnenderweise heißt das Gemälde genau so, „Die Säule“.

Mit diesem an visuellen Metaphern reichen Gemälde befinden wir uns schon mitten in der „bibelbezüglichen“ Bildsprache von Claudia Hauptmann. Sie greift die Sprache der christlichen Ikonographie auf, bindet sie reflektierend in unsere Gegenwart ein und findet so zu einer individuellen, kritischen Erzählweise über religiöse und gesellschaftskritische Themen.

 

Im Schneckenhaus | Foto: myr

 

Auf dem ersten Blick poetischer, aber dennoch beängstigend kritisch, ist Claudia Hauptmanns Spiel mit der Redewendung “Sich ins Schneckenhaus zurückziehen“.

Das Gemälde „Im Schneckenhaus“ zeigt eine Maria, die sich schutzsuchend mit ihrem Sohn in ein Schneckenhaus zurückgezogen hat, abgekapselt von der bedrohlichen, kriegerischen Außenwelt – mit riesigen Militärstiefeln wird über sie und ihren Sohn hinweg marschiert. Der tiefe Abdruck des Soldatenstiefels ist über ihrem zerbrechlichen Schutzraum in der Erde zu sehen. Rechts und links von Maria haben sich auch noch andere Menschen schutzsuchend in Schneckenhäusern versteckt. Gemeinsam harren sie aus und warten, dass die Kriegsstürme vorüberziehen.

Aber Maria befindet sich nicht wirklich in Sicherheit, denn sie ist in Sorge, weil der Sohn in ihren Armen bereits die Uniform eines Soldaten und Militärstiefel trägt – sein Schicksal ist vorherbestimmt, aber in diesem Kontext wird er nicht der Erlöser der Menschheit sein.

Bezeichnenderweise hat Claudia Hauptmann dieses Bild 2022 gemalt; in dem Jahr, in dem Putin seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat und seitdem weitere tausende Menschen auf der Flucht sind. Nach ihrer Rettung werden die Flüchtlinge, die tagelange über das Mittelmeer zu uns kommen, häufig in glänzende, gold-silbrige Thermo-Rettungsfolien gehüllt. In den Gemälden „Epiphinas“, „Adveniat“ und „Kleiner König“ spielen diese gold-silbrigen Rettungsfolien eine zentrale Rolle. Sie werden über ihre eigentliche Funktion hinaus inszeniert und erfahren durch den Kontrast mit dem dunklen Bildhintergrund eine deutliche Überhöhung.

In dem Bild „Epiphanias“, welches auf eines der ältesten kirchlichen Feste, den Dreikönigstag, verweist, kommen nicht die Heiligen Drei Könige zur Anbetung des Neugeboren, sondern drei Flüchtlinge, eingehüllt in glänzenden Rettungsfolien, die auf den ersten Blick an wertvolle Königsmäntel erinnern. Aber links oben im Bild deutet ein Schiff der zivilen Seenotrettung auf ihren Fluchtweg über das Mittelmeer hin und auf das harte Schicksal der Männer.

 

Epiphanias | Foto: myr

 

Der Eindruck eines königlichen Mantels entsteht auch in dem Bild „Adveniat“, dessen Titel an die alljährlichen Weihnachtsaktionen der kirchlichen Hilfswerke erinnert. Ein leuchtendes Fenster weist einem Flüchtenden in seiner Schutzfolie den Weg, gibt ihm Hoffnung auf Rettung und Erlösung. Und der ganz in Gold gehüllte „Kleine König“ symbolisiert mit seiner Krone, dass jedes gerettete Menschenleben von unschätzbarem Wert ist und eine einzigartige Würde besitzt.

Die Darstellungen der Rettungsfolien ebenso wie das blaue Tuch in dem Bild „Wiegenlied“ oder der Kopfputz der Könige und der Marien-Mantel in „Bescherung“ zeigen, dass Claudia Hauptmann die hohe Kunst der Draperie meisterlich beherrscht. Diese künstlerische Technik, den Faltenwurf mit seiner dreidimensionalen Struktur, seinen Licht- und Schattenlinien darzustellen, verstärkt ihre Kompositionen, geben ihnen Tiefe und Lebendigkeit. Claudia Hauptmann hat sich der altmeisterlichen Maltechnik verschrieben, die sie u.a. auch auf ihren Reisen nach Italien, Belgien oder den Niederlanden studiert hat.

 

Detail aus Kleiner König | Foto: myr

 

Sie benutzt keine fertigen Farben aus der Tube, sondern sie mischt all ihre Farben mit ihrer geheimen Mischung aus Öl und Ei-Tempera selbst an; ebenso baut sie eigenhändig ihre Keilrahmen und bespannt sie mit Leinwänden oder sie verwendet kompakte Holzfaserplatten als Malgrund, die sie mit zahlreichen Vorarbeiten präpariert.

Ihre Arbeiten sind minutiös und detailreich komponiert. Claudia Hauptmann legt genaue Entwürfe an, selbst ihre Vorzeichnungen sind schon kleine Kunstwerke. Zeugnis davon geben die beiden Bilder „Bescherung“, eines ist der mit Kohle und Deckweiß auf Packpapier gebrachte Entwurf zu dem finalen Bild in Öl und Tempera auf Hartfaser daneben. Die Farbgebung des finalen Bildes entwickelte sich in komplementären Farben zu dem kobaltblauen Mantel Marias.

Mit dem Bild „Bescherung“ verweist Claudia Hauptmann kritisch auf den heutigen Weihnachtskonsum und der damit verbundenen Paketflut. Die Heiligen Drei Könige erscheinen in diesem Bild wie die Postboten der DHL und der kleine Stern von Bethlehem oben links im Bild beleuchtet schwach diese riesigen Pakettürme. Der Detailreichtum in den Gemälden von Claudia Hauptmanna ist überwältigend, ebenso wie die Verknüpfung und Interpretation von Bibelbezügen mit unserer Gegenwart.

Das beweist auch das Bild „Natale“. Natale kommt aus dem Italienischen und bedeutet nicht nur Weihnachten, sondern bezieht sich auch auf die Geburt an sich und ist zugleich ein männlicher Vorname. Alle drei Bedeutungsebenen von Natale hat Claudia Hauptmann in ihrem Gemälde grandios miteinander zu einer theatralischen Szenerie mit dichter Atmosphäre verschmolzen.

 

Natale | Foto: myr

 

Inmitten einer Männerschar sitzt eine in sich gekehrte, blonde Frau wie auf einem „Gebärstuhl“, eingehüllt in eine goldene Rettungsfolie und geschmückt mit roten Sandaletten sowie rot lackierten Fußnägeln. Konzentriert beobachtet sie die unter ihrem Stuhl in gleißendem Licht stattfindende Geburt eines Kindes. Wie in einer leuchtenden Guckkastenbühne wird diese Szenerie präsentiert, die sowohl an einen Kreißsaal als auch an eine Krippe erinnert. Jedoch das einzige Publikum, das dem Stern von Bethlehem gefolgt ist, ist ein kleiner, hockender Junge, der sich intensiv die Geburt anschaut, daneben liegend der traditionelle Ochse. Die Heiligen Drei Könige sind auf ein Holzspielzeug reduziert und werden von der Frau an einer kleinen Schnur zur leuchtenden Krippe herangezogen.

Das komplexe Gemälde zeigt zugleich die Attraktion eines Jahrmarktes und die Intimität des Geburtsvorgangs. Bei näherem Hinsehen fallen die vielen Details dieser Erzählung auf, mit denen die Menschen charakterisiert werden: Einem Weckmann wird der Kopf abgebissen, ein Handy wird aus der Einkaufstasche gestohlen, eine Hand schlägt einen Jungen auf den Kopf, ein als Engel verkleidetes Kind reißt am Ärmel des Weihnachtsmanns, ihm wiederum fällt die Maske vom Gesicht und ein Mann gönnt sich einen Schluck aus seiner Bierflasche. Niemand beachtet „das Wunder der Geburt“ in ihrer unmittelbaren Nähe.

Das Gemälde „Natale“ ist reich an Requisiten, Licht, Kostümen sowie an räumlicher Anordnung von Darstellern und Objekten. Und jedes Gesicht trägt eigene Charakterzüge, die darauf verweisen, dass Claudia Hauptmann sich auch als Porträtmalerin einen Namen gemacht hat. Um wie vieles ruhiger sind die Bilder „Ein gutes Jahr“ und „Wiegenlied“ – wir hören gewissermaßen, wie das bekannte Wiegenlied „Guten Abend, gut‘ Nacht“ in der Vertonung von Brahms die Babys beruhigt.

Wie wir gesehen haben, bestechen die Gemälde von Claudia Hauptmann in ihrer starken Symbolik und vielschichtigen Komposition. Abschließend möchte ich dazu die Kunsthistorikerin Sabine Elsner zitieren, sie sagt: „In der Kunst von Claudia Hauptmann ist die Verbindung von aktuellen und gesellschaftlichen Themen mit altmeisterlicher und handwerklicher Perfektion einzigartig“.

Von dieser Einzigartigkeit der Künstlerin Claudia Hauptmann dürfen wir uns mit der Ausstellung „bibelbezüglich“ in den Bann ziehen lassen, uns an ihr erfreuen, uns von ihren christlichen und gesellschaftskritischen Themen inspirieren lassen und uns neugierig auf die Suche machen, um Claudia Hauptmanns vielschichtige Gemälde zu entschlüsseln. Und vielleicht finden Sie ja auf einem der Gemälde den winzigen Marienkäfer.

 

Ulrike Meyer, Laudatorin | Foto: Ch. Kurz-Becker 

 

Text: Ulrike Meyer
Anfragen unter: ulrikemeyer.berlin@posteo.de

 

 

Ausstellung „bibelbezüglich“

von Claudia Hauptmann
04. Dezember 2025 bis 28. Januar 2026
in der Petruskirche, Oberhofer Platz, 12207 Berlin
https://www.petrus-kultur.de/ausstellungen

Die Türen Petruskirche sind zu den Gottesdiensten und jeden Mittwoch und Samstag
von 10 bis 13 Uhr für Besucherinnen und Besucher geöffnet sowie vor oder nach jeder Kulturveranstaltung.

 

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