
Installationsansicht Beverly Buchanan. Weathering mit Ima-Abasi Okon, Haus am Waldsee, 2025 | Foto Julian Blum
Erstmals widmet sich eine Einzelausstellung in Deutschland den Werken der afro-amerikanischen Künstlerin Beverly Buchanan. Eine absolute Empfehlung zum Hingehen und Hingucken.
Das Haus am Waldsee in Zehlendorf, 1923 erbaut, ist eine bürgerliche Villa und ein Ausstellungsort mit Zugang zu besagtem See. Menschen in Wochenendlaune genießen den Blick auf das Wasser und den Geruch des Herbstlaubs; im Café liefert das Zischen der Espressomaschine den Hintergrund für gepflegte Gespräche zum Kuchen. In den Ausstellungsräumen dagegen geht es gerade um weniger kommode Aspekte des Lebens: Vergänglichkeit, Ausgeliefertsein, die Fragilität menschlicher Existenz. Erstmals widmet sich eine Einzelausstellung in Deutschland der phänomenalen afro-amerikanischen Malerin, Bildhauerin und Landschaftskünstlerin Beverly Buchanan (1940 – 2015). Die noch viel mehr war: Naturwissenschaftlerin, Sammlerin, Schriftstellerin.
Beverly Buchanan wuchs als adoptierte Tochter eines Lehrer- und Dozentenehepaares im Bundesstaat South Carolina in den USA auf, in einer ländlichen Umgebung, deren von Armut und Ausbeutung beherrschte Vergangenheit Menschen und Architektur geprägt hat. Trotz eines großen Interesses am Zeichnen studierte Buchanan erst Medizintechnik, Parasitologie und Public Health, lebte und arbeitete lange in New York. Erst mit dem Beginn der 1970er Jahre begann sie sich systematisch mit Kunst und Malerei zu befassen. Ihre frühen Werke, die sie neben der Berufstätigkeit schuf, spiegelten ihre eigene Auseinandersetzung mit der Großstadt: Bilder von imaginären schwarze Mauern, Skulpturen aus Beton, Ruinen gleich.
30 Jahre lang bestimmten die „Shacks“ das Schaffen von Buchanan
1983 gab sie ihren Beruf und das geregelte Leben in der Stadt auf und zog zurück in den Süden, wo sie sich schließlich in Athens (Georgia) niederließ. Sie wollte dort sehen, so sagte sie in einem in der Ausstellung nachzulesenden Interview, „was ich als Künstlerin erreichen konnte.“ Zu Beginn der 1980er Jahre begann sie, sich intensiv mit den von ihr unter der Bezeichnung „Shacks“ zusammengefassten Gebäuden zu beschäftigen: prekären Behausungen, wie sie in den Südstaaten vor allem in den Siedlungen der schwarzen, benachteiligten Bevölkerung gang und gäbe waren. In unzähligen Varianten zeichnete Buchanan diese Häuschen, die ihre Bewohner aus dem zusammenzimmert hatten, was gerade da war: Ein paar Latten, einige Äste, ein Stück Wellblech.

Beverly Buchanan, Shack South Inside Out (Detail), 1990, Installationsansicht Beverly Buchanan. Weathering mit Ima-Abasi Okon, Haus am Waldsee, 2025 | Foto Julian Blum
In ähnlicher Weise baute sie selbst ihre „Shacks“ in Miniaturform, aus Materialien, die sie eher zufällig fand. Eine ganze Siedlung ist im Haus am Waldsee zu sehen: hölzerne Häuschen, bunt, phantasievoll, kaum ein rechter Winkel irgendwo. Und die Kirche darf nicht fehlen (Buchanans Urgroßvater war methodistischer Pfarrer und hatte seine eigene Gemeinde). Dabei ist es eine poetische Welt, welche die Künstlerin erschafft: Für sie stehen die Häuser für allgemeingültige und doch individuelle Geschichten von Menschen. Zu einigen der „Shacks“ hat sie „Legenden“ geschrieben, in Ton und Gehalt traditionellen Märchen gleich. Irgendwo zwischen Realität und Fiktion steht auch der hölzerne „Shack South inside out“ – zu klein, als dass ein Mensch darin stehen könnte, das Innere gewissermaßen nach außen gekehrt, verletzlich. Kein Schutz gegen die Widrigkeiten des Lebens, nicht einmal gegen Wind und Wetter. Aber vielleicht ein Zeichen des Willens, zu überleben.
Vergänglichkeit kontrastiert mit Hoffnung auf Zukunft
„Weathering“ (Verwitterung) ist der treffende Titel dieser Überblicksausstellung. Wie die „Shacks“ sind auch die großen Landschafts-Kunstwerke von Buchanan so konzipiert, dass sie Vergänglichkeit mitdenken. Die „Marsh Ruins“, drei 1981 von ihr an der Küste von Georgia gestaltete Zementhügel, sind eines ihrer bekanntesten Werke in diesem Stil. Den Punkt der Verwitterung greift Ima-Abasi Okon auf, die Mit-Künstlerin dieser Ausstellung. Quer durch den Garten des Hauses am Waldsee hat sie einen Pfad gemäht, der hinunter zum See führt. Nur wenige Wochen und einige Herbststurmtage nach Ausstellungsbeginn ist er kaum noch zu sehen. Im Haus selbst hat Okon dagegen Blumenaquarelle Beverly Buchanans zusammengestellt: farbenfrohe Zeichnungen, mit deren Verkauf die Künstlerin ihr prekäres Leben zuweilen finanzierte. Auch die Wände der Ausstellungsräume, von Okon mit einer Mischung aus Pollen und Wasser gelb gestrichen, sagen: weitermachen, es gibt eine Zukunft!

Beverly Buchanan, Marsh Ruins, 1981, Farbfotografie, 9×13 cm, Courtesy of the Estate of Beverly Buchanan und Andrew Edlin Gallery, New York
Als ein Mensch endlos vieler Ideen erscheint Beverly Buchanan in den ausgestellten Skizzen, handschriftlichen Notizen, Fotos und kleinen Erzählungen. Immer im Dialog mit der sie umgebenden Landschaft, ihrer Architektur und den dort lebenden Menschen. Im wahrsten Sinne des Wortes geerdet, mit der Schubkarre in den Händen, Stiefel an den Füßen. „Ich hoffe, dass ich mir etwas von der Energie bewahren kann, die in einigen meiner Zeichnungen zum Ausdruck kommt!“ sagt Beverly Buchanan im Interview. „Wie würdest Du diese Energie definieren?“, wird sie gefragt. „Tornado“. Man glaubt es, wenn man ihr Werk sieht.
Beverly Buchanan, Weathering mit Ima-Abasi Okon, Haus am Waldsee e.V., Argentinische Allee 30, 14163 Berlin, 2.10.2025 – 1.2.2026, Di bis So 11–18 Uhr.
Benita Schauer
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (