
Chardia Budiman (Zweite von links) und ihre Mitstreiterinnen vom Kreativnetz Neukölln verlängerten ihren Vertrag für die Ladenstraße. Fotos: Gogol
Zum Design-Herbst lädt die Ladenstraße im U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte ein. Am Sonnabend ging es los – doch selbst wer es wusste, musste erst einmal suchen. Kein Schild wies auf den besonderen Tag hin. Es sei eine relativ spontane Idee gewesen, erklärte Chardia Budiman, Vorsitzende des Kreativnetzes Neukölln. Erst vor drei Wochen habe man die Idee dazu gehabt und quasi bis zum Sonnabend noch daran gearbeitet.
Gefeiert wird mit dem Start in den Design-Herbst die Verlängerung des Vertrages mit dem Kreativnetz und ihren „Berliner Stücken“. Einen Monat lang haben 30 Designer ihre in Berlin entworfene und gefertigte Mode und Einrichtungstextilien im ehemaligen Schlecker präsentiert und verkauft. „Es war ein Experiment, wir wussten nicht, was auf uns zukommt“, erinnert sich Budiman. Doch die Sorgen waren umsonst. „Es hat eingeschlagen wie eine Bombe“, freut sich die Berliner Designerin. Als dann das Angebot kam, noch länger bleiben zu können, habe man das gerne angenommen, erzählt Budiman. Das Weihnachtsgeschäft würde man gern noch mitnehmen. Bis Ende des Jahres werden die Designer also ihre Stücke präsentieren und verkaufen können. Das Angebot habe man erweitert, mehr Mode für Männer und in größeren Größen ist schon da beziehungsweise kommt noch rein. Zudem werden als Special regelmäßig Designer vor Ort sein, so dass die Besucher und Kunden Gelegenheit haben, mit diesen in Kontakt zu treten. Auch Workshops für Kinder und Erwachsene sind angedacht.
Im neuen Jahr wird das Kreativnetz mit seinen „Berliner Stücken“ wahrscheinlich weiterziehen, wieder irgendwo in Berlin als Zwischennutzer einziehen – hofft zumindest Budiman. Denn zum einen sei das Umherwandern Teil des Konzepts, zum anderen aber fehle auch einfach das Geld, um permanent irgendwo einen Laden anmieten zu können.
Nur für einen Tag hat auch das Label „Say my name“ einen Laden in der Ladenstraße. Hinter „Say my name“ stecken die Kreativen Benni Zech, Basti Mowka, Niko Primbas und Franz Schönherr. Im vergangenen Jahr machten die vier jungen Männer ihr Abitur. „Wir hatten Lust etwas zusammen zu machen, etwas Kreatives“, erzählt Zech. Der Name ihres Labels habe keine tiefgründige Bedeutung, sei eher durch Zufall entstanden, als man zusammensaß, über das Projekt nachdacht und dann im Radio das Lied „Say my name“ von Destinys Child lief. Mit den Initialen „SMN“ verkaufen die jungen Männer Pullover und T-Shirts. „Es sind Sachen, die wir selbst gerne tragen“, so Zech. Geld verdienten sie damit nicht wirklich, es gehe ihnen viel mehr um den Spaß, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Leben müssen die vier auch nicht davon, sie studieren oder absolvieren eine Ausbildung. Einen eigenen Laden können sie sich deshalb auch – „leider“ – noch nicht leisten. Eine eigene Homepage ist noch im Aufbau, so dass sie ausschließlich über ihre Facebookseite www.facebook.com/smnberlin zu erreichen sind.
Ebenfalls nur für einen Tag präsentiert die Volkshochschule Steglitz-Zehlendorf junge Mode, die im Modekurs von Veronika Urban entstanden sind. Seit sechs Jahren bereitet sie junge Menschen auf die Aufnahmeprüfung für die Modeschulen vor. In 18 Wochen lernen die Kursteilnehmer unter anderem Zeichnen, bekommen Hausaufgaben, die sie lösen müssen und haben am Ende eine Mappe, mit denen sie sich bewerben können. Und die Vermittlungsquote sei gut, so Urban. Von zwölf Teilnehmern des Juni-Kurses fanden elf einen Platz. Zwei Kurse finden pro Jahr statt, kostenlos, denn er wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert.
Noch bis 17 Uhr sind die Kreativen in der Ladenstraße anzutreffen. Unterstützt werden sie auch von den anderen Ladeninhabern, betont Chardia Budiman. So veranstalten diese eine Tombola, bei der es tolle Preise zu gewinnen gibt.
(go)












Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (