Die Verhandlungen zwischen dem Land Berlin und dem Flüchtlingsheimbetreiber Gierso Boardinghaus Berlin GmbH sind endgültig gescheitert. Seit Mittwoch, 13. September, werden zwei Unterkünfte in Steglitz-Zehlendorf freigezogen. Die Bewohner der Unterkünfte in der Goerzallee und der Klingsorstraße ziehen in die sogenannte MUF (Modulare Unterkunft für Flüchtlinge) in der Wolfgang-Heinz-Straße in Buch/Pankow. Aber nur für einen Monat, dann dürfen sie wieder zurück nach Zehlendorf.
Das Land Berlin hatte dem Flüchtlingsheimbetreiber Gierso Boardinghaus Berlin GmbH bereits Ende Juni gekündigt. Als Grund für die Kündigung wurde damals Erpressung genannt. Der Betreiber soll die Überweisung einer siebenstelligen Summe bis Ende des Monats vom Landesamt für Flüchtlinge (LAF) gefordert haben. Anderenfalls würde man die Unterkünfte schließen, hieß es. Kurz nach der Kündigung wurden die Verhandlungen allerdings wiederaufgenommen. Jetzt steht fest, dass die beiden Parteien zu keiner Einigung kommen konnten.
Gierso will Unterkünfte „vertragsfrei“ stellen
In einer Pressemitteilung vom 8. September führt Gierso an, dass das LAF in einem Schreiben vom 6. September mitgeteilt hätte, die beiden Unterkünfte Goerzallee und Klingsorstraße zu räumen, soweit es Belegungen durch das LAF betrifft. Außerdem deutet der Flüchtlingsheimbetreiber an, dass die Gespräche seitens des LAF abgebrochen wurden und nicht mehr gewünscht sind. Dabei habe Gierso dem LAF angeboten, die Unterkünfte als vertragsfreie Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, heißt es in der Pressemitteilung weiter.
„Vertragsfrei“ würde in diesem Fall allerdings bedeutet, dass die mit dem LAF ursprünglich vereinbarten Tagessätze für die Unterbringung der Flüchtlinge keine Gültigkeit mehr haben. Würde das LAF also die Menschen weiterhin in den beiden Unterkünften unterbringen wollen, müsste es vermutlich deutlich höhere Tagessätze akzeptieren, die sonst bei tageweiser Unterbringung verlangt werden. Damit entzog die Gierso dem LAF die Grundlage für eine Belegung.
Shuttlebus soll Kinder zur Schule nach Zehlendorf fahren
Am Freitag, 8. September, teilte man den Geflüchteten mit, dass sie nun umziehen müssen. Den Familien aus den beiden Unterkünften wurde allerdings angeboten, zurück nach Zehlendorf zu ziehen, sobald die Gemeinschaftsunterkunft in der Lissabonallee fertig ist. Das soll voraussichtlich im Oktober der Fall sein. Bis dahin können die Kinder ihre Schulen im Bezirk weiterhin besuchen. Ein Shuttlebus soll sie jeden Morgen von Buch nach Zehlendorf und wieder zurück bringen.
Neben den Unterkünften in Steglitz-Zehlendorf betreibt Gierso drei weitere Einrichtungen in Charlottenburg, Pankow und Spandau. Laut dem Netzwerk „Berlin hilft!“, einem Informationsportal rund um das Thema Geflüchtete in Berlin, stehen die genauen Pläne für diese drei Unterkünfte noch nicht fest.
(eb)











Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (