
Neue Angebote, historische Architektur: „The Knast“ in der Söhtstraße | Foto: Soeht 7
Ateliers und Ausstellungsräume, Restaurant, eine spektakuläre Bar und regelmäßige Events gibt es schon im „Knast“ in Lichterfelde. 2026 soll nun auch das Hotel mit neun Zimmern und vier individuell gestalteten Suiten eröffnen – ein „Hideaway“ fern vom Trubel des Berliner Zentrums.
Tag des Offenen Denkmals im September 2025. Rund 150 Menschen drängeln sich vor dem Eingang des ehemaligen Frauengefängnisses in der Söhtstraße in Lichterfelde. Eigentümer Dr. Joachim Köhrich erläutert persönlich und engagiert die Baugeschichte des Gebäudes. Zusammen mit seiner Partnerin Janina Atmadi hat der Unternehmer schon die Berliner Heckmann-Höfe erfolgreich als Kreativquartier entwickelt. Im Jahr 2017 erwarb er die Liegenschaft in Lichterfelde und hat das ehemalige Gefängnisgebäude samt Garten seitdem Stück für Stück in den Kulturstandort „The Knast“ umgewandelt, an dem Kunst, Kulinarik und Geselligkeit eine ganzheitliche Verbindung eingehen sollen. 2024 erhielt er für die sorgfältige Instandsetzung des Gefängnisses den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege.
Wenige Wochen nach der öffentlichen Führung bin ich mit Janina Atmadi, die den „Knast“ als Geschäftsführerin leitet, zu einem Gespräch verabredet. Zu Fuß biege ich von der Ringstraße in die Söhtstraße ein und nehme noch einmal bewusst wahr, wie gut sich der 1902 – 1906 entstandene Gefängnisbau und das zeitgleich erbaute Amtsgericht mit ihren Volutengiebeln, Türmen und Zierelementen an die Umgebung anpassen. Das war von den Architekten Sarkur, Mönnich und Thoeme so gewollt; schließlich sollten potentielle Bewohner der zu Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Villenkolonie Lichterfelde durch die Gegenwart einer Haftanstalt nicht von ihren Bauvorhaben abgeschreckt werden.
Ein zugleich sehr offener und doch zurückgezogener Ort ist dies auch heute noch. Nach der Auflösung des Gefängnisses im Jahr 2010 wurde die Liegenschaft eine Zeit lang vor allem für Filmaufnahmen (am bekanntesten: „Monuments Men“ und die Serien „Berlin-Babylon“ und „Im Knast“) genutzt. Ab 2016 entwickelte der Kulturmanager Jochen Hahn dort die Vision einer „musisch-kreativen Denkfabrik“; daran knüpfen die neuen Eigentümer in Teilen an. „Joachim Köhrich liebt besondere Immobilien, und als wir dies hier sahen, war das Konzept eigentlich gleich da“, sagt Janina Atmadi.
Brandschutz und Denkmalschutz: zwei gleichermaßen große Herausforderungen
Zwei Zellentrakte gab es im Gefängnis, einen größeren für Männer und einen kleineren für Frauen. Im heute geradezu freundlich wirkenden Lichthof des früheren Männertrakts finden an langer Tafel regelmäßig sogenannte „Zellentraktdinner“ statt. Die Räume im zweiten und dritten Stock sind an den Verein „Pride Art e.V.“ vermietet und werden von Künstlern als Atelier- oder Ausstellungsräume genutzt. Wer als „Resident Artist“ im „Knast“ arbeiten will, bewirbt sich beim Verein um eine Zelle. An den drei- bis viermal jährlich stattfindenden Ausstellungen sind zunehmend auch Künstler von außerhalb beteiligt, und das Publikum reist aus ganz Berlin an, berichtet Atmadi. Bei der denkmalgerechten Gestaltung der Zellentüren wurde neben der Denkmalschutzbehörde ein passionierter Sammler – ja wirklich: von Zellentüren – zu Rate gezogen. Um aber sowohl Denkmalschutz (Bestandswahrung) als auch Brandschutz (Fluchtwege) gerecht zu werden, stehen viele der Türen heute ausgehängt in den Zellen. Joachim Köhrich fasste es am Tag des Offenen Denkmals launig zusammen: „Die Herausforderung war es, ein Gebäude, aus dem niemand fliehen durfte, in eines umzuwandeln, aus dem man jederzeit fliehen kann.“

Heute Ort für Ausstellungen und Events: der ehemalige Männertrakt | Foto: Janina Atmadi
Besonders am Herzen liegt Janina Atmadi die Bar im Kuppelsaal, der ehemaligen Kapelle des Gefängnisses. Auf Dielen aus einem Opernhaus stehen dort heute anstelle harter Holzbänke bequeme Sessel, die Atmosphäre ist wohnlich. „Hier können auch Familien aus der Nachbarschaft einfach mal auf einen Drink vorbeikommen!“ Vorausgesetzt, alle Familienmitglieder sind über 18, eine Regelung, die gleichermaßen für das Restaurant gilt, dessen regional und saisonal ausgerichteten Küche Liebhaber guten Essens auch von weiter her anlockt. Küchenchef Michael Zscharschuch, oder auch einmal als Gast Sternekoch Tim Tannenberger, arbeiten just dort, wo sich vormals die Gefängnisküche befand: „Brot und Wasser, nur in besser“, scherzt Janina Atmadi.
2026 soll nun endlich auch das Hotel eröffnen. Pier Andrea Mestre, der vor vier Monaten ernannte General Manager, hat zehn Jahre lang ein Boutique-Hotel in Venedig geleitet, das er in dieser Zeit zum Anlaufpunkt für Gäste der Fondazione La Biennale di Venezia und für internationale Kunstliebhaber machte. Bester Laune führt er mich durch die Räume, zeigt er eines der in warmen Farben und mit haptisch angenehmen Materialien eingerichteten Zimmer, von denen die meisten durch Zusammenlegung zweier Zellen entstanden sind. Die vier großzügigen Suiten im ausgebauten Dachgeschoss werden individuell ausgestaltet. Ein anspruchsvolles „Hideaway“ auch für internationale Gäste soll dieser Ort sein, fern vom Trubel im Zentrum der Hauptstadt.
Ein Standort, der neue Erfahrungen bieten soll
Was bedeutet der „Knast“ für Lichterfelde? Für Janina Atmadi ist das ganz klar: „Der Kiez findet bei uns einen Ort vor, den es so bisher nicht gibt. Bei uns haben wir eher sinnliche Events, bei denen die Leute etwas Neues erleben können. Unser Standort bereichert den Kiez qualitativ, aber auch um Erfahrungen, die viele Leute noch nicht gemacht haben. Wir möchten hier zu einem offenen, geselligen, anderen Lifestyle beitragen.“
The Knast, Söthstraße 7, 12203 Berlin, www.theknast.de. Die nächste öffentliche Führung zu Geschichte und Architektur gibt es am Mittwoch 29. Oktober 2025 um 17.00 Uhr. Für alle Neugierigen: Das Restaurant ist Dienstag bis Samstag ab 15.00 Uhr (Wine & Cheese) bzw. ab 17.00 Uhr (regulär) geöffnet, die Bar ab 18.00 Uhr.
Benita Schauer
Die Stadtrand-Nachrichten finanzieren sich durch Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Wenn es Ihnen hier gefällt, Sie etwas Spannendes entdeckt oder etwas Neues gelernt haben, können Sie uns via Paypal ein Trinkgeld dalassen.
Herzlichen Dank!
Hier geht es zu unserem Paypal-Konto










Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
[caption id="attachment_104578" align="aligncenter" width="300"]
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
[caption id="attachment_104576" align="aligncenter" width="300"]
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
[caption id="attachment_104573" align="aligncenter" width="300"]
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
[caption id="attachment_104574" align="aligncenter" width="300"]
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (