
Die SPD lässt nicht locker. Sie will, dass der Name Treitschke vom Straßenschild verschwindet. Archiv-Foto: privat
Eigentlich dachte man, dass mit dem eindeutigen Bürgerentscheid die Diskussion um die Umbenennung der Treitschkestraße abgeschlossen sei. Doch mit einem Antrag, die Treitschke- in Bischof-Kurt-Scharf-Straße umzubenennen, brachte die SPD-Fraktion das Thema noch einmal aufs Tapet. Die SPD hatte als einzige Fraktion den Bürgerentscheid abgelehnt, weil sie der Meinung war, dass es Aufgabe der Bezirksverodneten sei, über eine Umbennung zu entscheiden.
Lange wurde am Mittwochabend von den Bezirksverordneten über den Antrag diskutiert – oder besser gesagt, es wurden bekannte Argumente wieder hervorgeholt und Vorwürfe erhoben. So warf die SPD-Fraktion den Grünen vor, ihre Ideale zu verraten und gegen ihre eigenen Überzeugungen abzustimmen, während die darauf verwiesen, dass sie sich dazu verpflichtet hatten, das Ergebnis des Bürgerentscheids zu akzeptieren, auch wenn Sie eine Umbenennung für wünschenswert erachteten. „Es fällt nicht leicht, gegen eine Umbenennung der Treitschkestraße zu stimmen“, so der Grüne-Fraktionsvorsitzende Uwe Köhne, „doch wir werden nicht vertragsbrüchig werden“, sagte er mit Hinweis auf den Vertrag mit der CDU, mit der die Grünen eine Zählgemeinschaft bilden.
Die CDU warf nun ihrerseits der SPD wieder vor, dass sie das Thema nur wieder hervorhole, weil sie sonst nichts zur Politik des Bezirkes beizutragen und Angst habe, ihr Dauerthema zu verlieren. „Sie stellen ihre Ideologie über das Bürgerinteresse. Sie machen Politik für sich selbst“, schleuderte der CDU-Fraktionsvorsitzende Torsten Hippe der SPD entgegen. Woraufhin Norbert Buchta, Fraktionsvorsitzender der SPD, antwortete, dass seine Partei auch weiterhin für eine Umbenennung der Treitschkestraße kämpfen werde. „Überzeugung tut manchmal weh. Die muss man manchmal auch gegen die Bürger verteidigen und sich dafür schlagen lassen“, betonte er.
Auch die Piraten, die noch vor dem Bürgerentscheid zusammen mit der SPD und den Grünen für eine Umbenennung geworben hatte, sind bereit sich dem Bürgervotum zu beugen. Es sei legitimes Recht der Anwohner zu sagen, dass eine Umbenennung zu viel Aufwand nach sich ziehe. „Man kann nicht sagen: Ihr habt nicht richtig abgestimmt“, so der Fraktionsvorsitzende Eric Lüders, der aber zu gleich der Meinung war, dass zu wenig Leute befragt wurden.
Den wahrscheinlich wahrsten Satz in der Diskussion sagte Hippe: „Es kommt nichts Neues hinzu“. Und so war bei der Abstimmung über den SPD-Antrag das Ergebnis deutlich: CDU, Grüne und Piraten stimmten dagegen.
(go)










Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Das Erinnerungsprojekt „Sie wollten leben!“ macht 100 jüdische Menschen und ihre Lebensgeschichten auf Litfaßsäulen sichtbar. Einer der 25 Rundtürme steht in der Schloßstraße.
Die Litfaßsäulen sind so etwas wie die Überlebenden der Medienumbrüche. 1854, also vor 172 Jahren, stellte der Zeitungsverleger Ernst Litfaß die erste Säule auf, zehntausende folgten in den kommenden Jahrzehnten allein in Deutschland. Damals wie heute haben die zweieinhalb bis dreieinhalb Meter hohen Türme den Zweck, Informationen und Botschaften zu verbreiten. Und wie sich heute in den Timelines der digitalen Netzwerke der Zustand einer Gesellschaft ablesen lässt, präsentier(t)en auch die Litfaßsäulen den Geist ihrer Zeit.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
1933 platzierten die Nationalsozialisten den Aufruf „Deutsche, verteidigt Euch gegen die jüdische Greuelpropaganda, kauft nur bei Deutschen!“ auf den runden Säulen. Die Aufforderung wurde von einer in weiten Teilen angepassten bis antisemitischen Bevölkerung antizipiert, welche die Vorbereitung eines bis dahin unvorstellbaren Massenmordes mehrheitlich teilnahmslos hinnahm. Einige Jahre später wurden die ersten Juden Berlin zwangsweise in Richtung der Arbeits- und Vernichtungslager verbracht.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste sogenannte „Osttransport“ den Bahnhof Grunewald. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden 1.013 jüdische Frauen, Männer und Kinder in die von deutschen Truppen besetzte polnische Stadt Łódź, in das Ghetto Litzmannstadt, verschleppt.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Zuvor mussten sich diese Menschen mit ihrem Handgepäck bis zum 15. Oktober im Sammellager, in der Synagoge Levetzowstraße, einfinden. Rechtlos, ihrer sozialen Stellung und ihres Besitzes beraubt, aus der Gesellschaft ausgestoßen und zu Nummern degradiert, mussten die Jüngeren unter den Augen der Berliner Bevölkerung acht Kilometer durch die Innenstadt zum Güterbahnhof Grunewald laufen. Unter dem Vorwand der Umsiedlung wurden sie von der Gestapo in den Zug gepfercht und von der Deutschen Reichsbahn in Richtung Osten transportiert.
Aus Angst vor weiteren Deportationen nahmen sich danach etwa 1.600 jüdische Frauen, Männer und Kinder das Leben. Insgesamt wurden aus Berlin mindestens 55.000 Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bis zum 16. November erinnern 25 großflächig gestaltete Litfaßsäulen in allen Berliner Bezirken an den Beginn der Deportationen jüdischer Menschen vor 85 Jahren. Das Projekt soll den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung ein Gesicht geben und macht ihre persönlichen Geschichten mit Biografieauszügen und Fotografien im Berliner Stadtraum sichtbar.
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Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Eine der so gestalteten Säulen steht in der Hubertusstraße, Ecke Schloßstraße. Neben den allgemeinen Informationen zum Projekt und dem Gedenktag zeigen die Plakate die Schicksale dreier Personen. Der Jurist Heinrich Veit Simon, Vorstand der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wurde 1942 im Verhör von der Gestapo erschlagen. Drei der sechs Kinder wurden nach Theresienstadt deportiert, eine Tochter überlebte. An Simon erinnert ein
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Lucie Charlotte Hulda Gerson (
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bianka Löwenherz (
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der Bürger sollte immer das letzte Wort haben