Dr. Pogo – Veganladenkollektiv mit gewerkschaftlichen Background

Dr. Pogo – Veganladenkollektiv mit gewerkschaftlichen Background

Foto: Dr. Pogo

 

 

„Selbstverwaltete Betriebe ersetzen (lediglich) die Fremdausbeutung durch Selbstausbeutung“ besagt eine alte Volksweisheit. Gerade im subkulturellen und Kollektivbereich findet sich dies häufig bestätigt.

Für eine relativ geringe finanzielle Ausbeute wird viel Zeit und Arbeit investiert, um möglichst selbstbestimmt arbeiten zu können. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen. Einen anderen Weg versucht das Veganladenkollektiv von Dr. Pogo in Berlin zu gehen. Sie haben sich eine Satzung und eine Struktur gegeben, die gewisse Mindeststandards für die Kollektivmitglieder festsetzt – u.a. eine minimale und maximale Wochenarbeitszeit, einen Lohn, der zumindest dem Mindestlohn entspricht, und Gleichberechtigung aller Mitglieder. Sie haben sich dabei an der Mustersatzung für Kollektivbetriebe von der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union (FAU) – Hamburg orientiert. Eine externe Struktur in Form der relativ jungen union coop / Föderation gewerkschaftlicher Kollektivbetriebe dient u.a. zur Überwachung der eigenen Ziele sowie als Schiedsstelle für interne Konflikte. Beispielsweise überwacht die Union Coop die Einhaltung den vertraglich zwischen den Kollektivmitgliedern geschlossenen Ausschluss einer Überführung des Kollektivbetriebs in eine privatwirtschaftliche Struktur oder agiert als Vermittler zwischen den Kollektivmitgliedern. Die Akzeptanz dieser Instanz ist hoch, da die darin vertretenen Mitglieder selber aus Kollektivbetrieben stammen und daher die Probleme oder Querelen gut nachvollziehen können.

Dr. Pogo, wie das Kollektiv „Vegane Pampe“ ihren Laden getauft hat, wurde in gewisser Hinsicht aus der Not geboren. Die Geschäftsaufgabe von Veni-Vedi-Vegi!, einem in Kreuzberg gelegenen Veganladen, traf die Berliner Subkultur hart. In einem anderthalbjährigen Prozess formierte sich daher ein neues Kollektiv, was aber nicht nur einen tierrechtlichen Anspruch, sondern auch einen gewerkschaftlichen miteinander zu verbinden versucht. Als Satzung griff man auf die Mustersatzung für Kollektivbetriebe der FAU Hamburg zurück, die sich aus den Erfahrungen anderer Kollektivbetriebe speiste. In jener Satzung sind neben Minimalstandards auch die Gleichberechtigung aller Mitglieder, d.h. auch der Ausschluss von „Angestellten“, sowie der Ausschluss von Privatisierung festgeschrieben.

Im Jahr 2013 eröffnete das Kollektiv, deren Name „Dr. Pogo“ auf die subkulturellen Wurzeln der Gründer*innen verweist, in Neukölln auf ca. 100 qm den Laden. Moment haben die Mitglieder, die sich selber eher als Verwalter denn als Inhaber des Ladens verstehen ca. 2.000 Produkte im Programm. Eine gute Wahl – der Laden „verdankt“ ein Stück weit der Gentrifizierung jenes Bezirks sein Überleben. Lediglich von der klassischen Szene könnte ein solcher Laden leider nicht überleben. Der Anteil von Lifestyleveganer*innen, denen es egal ist, ob sie in einem normalen Supermarkt oder in einem Veganladen einkaufen, ist leider zu groß – und mit rechtsoffenen und esoterisch-verstrahlten Veganer*innen möchte man auch nicht seinen Unterhalt bestreiten. Esoterik und rechte Propaganda landet sofort im Müll. Ebenso gibt es gelegentlich Konflikte mit Käufer*innen, die in dem Laden lediglich eine weitere Einkaufsmöglichkeit sehen und unreflektiert gekleidet in einem echten Pelz oder mit einer Tüte des benachbarten Metzgers hereinspazieren, um ihre Einkäufe zu komplementieren.

 

 

Neben Veganprodukten ist es aber vor allem die Bandbreite von ökologisch produzierten Produkten sowie der unverpackten Ware, die den nötigen Umsatz bringen und aufgrund des eigenen, ökologischen Anspruchs im Sortiment geführt werden. Bei den unverpackten Lebensmitteln gibt es auch einen Rabatt, wenn man die Kund*innenkarte des Ladens besitzt. Die Karte kann gegen einen selbsteingeschätzten Preis im Laden erworben werden. Des Weiteren versuchen die Macher*innen auch Informationen unters Volk zu bringen – sowohl über den veganen Lebensstil, als auch über Kiezpolitik, soziale Kämpfe und gewerkschaftliche Organisation. Bei der Auswahl der Produkte ist man – wie auch in anderen Geschäften aus der Branche – kritisch gegenüber Marken, die von großen Firmen aufgekauft werden. Es wird versucht, Produkte aus fairem Handel sowie ökologisch und unter möglichst menschenwürdigen Umständen produzierte Produkte zu führen.

Dr. Pogo ist zudem ein Gründungsmitglied der union coop – Föderation gewerkschaftlich organisierter Kollektivbetriebe, die mit der anarchosyndikalistischen FAU assoziiert ist. Der Zusammenschluss erfolgte aus einer AG der FAU gemeinsam mit anderen Kollektivbetrieben. In der Satzung der Union heißt es: „Nicht in der Nische, sondern im Verbund mit anderen Kollektivbetrieben und der Basis-Gewerkschaft FAU suchen wir – solidarisch mit unseren KollegInnen in Chef-Betrieben – Antworten auf die vielfältigen Zumutungen der heutigen Wirtschaftsform.“

Aus der Kooperation mit anderen Betrieben ergibt sich aber auch eine Synergie für alle. Gemeinsam betreiben die Mitglieder der Union Coop einen Onlineshop, wo es neben den Waren aus den Mitgliedsbetrieben auch Waren von selbstverwalteten Betrieben aus dem Ausland gibt – sei es Tee von der französischen Firma 1336 oder Wein aus einer, in der spanischen CNT integrierten Kooperative. Intern hilft man sich gegenseitig bei den alltäglichen Tücken des Wirtschaftslebens – Kassensysteme installieren oder die Steuererklärung richtig ausfüllen.

 

 

Neben Dr. Pogo sind u.a. der Filmverleih Sabcat Media und das Kaffeeröstereikollektiv Flying Roasters in der Union Coop organisiert. Neben Kollektiven können auch Solo-Selbstständige, die den Zielen der Satzung zustimmen, Mitglied der Union Coop werden. Ein Beispiel hierfür ist z.B. der Comiczeichner Findus („Kleine Geschichte des Anarchismus“), der ebenfalls der Union angehört. Dabei steht die union coop weniger in der Tradition der post-1968er Alternativbewegung, als vielmehr in der Tradition der aus der revolutionären Arbeiterbewegung der 1920er Jahren bekannten Kooperativbewegung und die selbstorganisierte Wirtschaft in Spanien 1936. Es geht ihnen nicht allein, um eine individuelle Selbstverwirklichung, sondern auch um eine gesamtgesellschaftliche Perspektive. Beide Aspekte sind für die Kollektivmitglieder gleichwertig.

Diese Initiative bietet auch für Betriebe in der Punk- und HC-Szene interessante Anknüpfungspunkte – sei es nun in Bezug auf Vernetzung und gegenseitiger Vernetzung von Projekten oder bezogen auf die Synergieeffekte einer Zusammenarbeit. Erste Projekte aus dem Bereich haben schon ihr Interesse bekundet.

Infos über die Union Coop / Föderation gewerkschaftlicher Kollektivbetriebe: https://www.union-coop.org

Infos und Kontakt zu Dr. Pogo:
Dr. Pogo
Karl-Marx-Platz 24, 12043 Berlin
https://www.veganladen-kollektiv.net/veganladen/

Fotos von Dr. Pogo

Der Beitrag erschien ursprünglich in der Veganzeitung Kochen ohne Knochen
(https://shop.ox-fanzine.de/kochen-ohne-knochen-als-pdf).

 

 

 


Dr. Maurice Schuhmann
Website: https://www.maurice-schuhmann.de
Autorenseite bei FB: https://www.facebook.com/Dr.phil.Schuhmann
_________________

Anm. d. Red.
Dr. Schuhmann ist promovierter Politikwissenschaftler
und Autor des philosophiegeschichtlichen Städteführers
„Geistreiches Berlin und Potsdam“ (Bäßler Verlag 2021).

Der Städteführer ist erhältlich über:
https://www.baesslerverlag.de/p/geistreiches-berlin-und-potsdam

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Guten Tag

    Im Artikel steht „Kund*innenkarte des Ladens“

    Jetzt eine einfache Frage:

    Was bitte ist ein „Kund“ ?

    Als Mann will ich eigentlich nicht als „Kund“ etc. bezeichnet werden.
    Verständlich oder?

    Der nächste Quatsch ist „KollegInnen“. Als Mann bin ich auch kein „Kolleg“, sondern ein „Kollege“.

    Das ist doch eigentlich ganz einfach und diese Kritik muß dank dieser seltsamen Stilblüten leider auch sein.

    MfG J.

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Kranoldmarkt: Innovation braucht strukturierten Prozess

[caption id="attachment_104552" align="aligncenter" width="622"] Größere Veränderungen werfen ihre Schatten voraus: derzeit erfährt das direkte Umfeld des Kranoldplatzes eine Neugestaltung. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Kaum Wissen, keine professionelle Kommunikation. Eine Zukunftsstrategie für den Markt entsteht so nicht. Ein Kommentar von Stephan Voß Eine Anfrage des Bezirksverordneten Dennis Egginger - Gonzales (DIE LINKE) brachte es ans Licht: Im Bezirksamt ist über das tatsächliche Marktgeschehen auf dem Kranoldplatz vergleichsweise wenig Wissen vorhanden. Und es gibt keine erkennbaren Strategien, den Markt für die Zukunft fit zu machen (lesen Sie dazu unseren Bericht). Angesichts eines weit verbreiteten Marktsterbens auf Grund von Nachwuchsmangel, Konkurrenz des Einzelhandels, hohen Preisen, eingeschränkter Produktpalette oder verändertem Einkaufsverhalten, ist dies verantwortungslos besonders vor dem Hintergrund des geplanten Umbaus des Kranoldplatzes.

Kreative Strategien gemeinsam entwickeln

Den Markt für die Zukunft zu sichern, bedürfte sicherlich einer intensiven Kommunikation mit den Markthändlern. Besser noch wäre in diesem Zusammenhang eine zielgerichtete Zusammenarbeit mit ihnen, wie sie beispielsweise in Hamburg-Mitte realisiert wurde. Die dortigen Wochenmärkte sollten wirtschaftlicher und attraktiver gestaltet werden. Sie sollten dabei nicht nur als Handelsort, sondern auch als soziale und kulturelle Treffpunkte im Rahmen eines Innovationsprozesses weiterentwickelt werden. Der sogenannte Wochenmarktprozess war in vier Phasen unterteilt – Feldforschung, Ideenentwicklung, Testphase und Umsetzung. Er beinhaltete unter anderem sieben halbtägige Workshops, an denen unter anderem Markthändler, Menschen aus der Kreativwirtschaft, Experten und Vertreter der Politik teilgenommen haben. Im Ergebnis wurde für zwei Märkte in Hamburgs Bezirk Mitte ein Maßnahmenkatalog mit kurz-, mittel und langfristigen Handlungsempfehlungen vorgelegt. * So etwas Ähnliches  – zugeschnitten auf den Kranoldmarkt – gab es bisher nicht, lässt das Bezirksamt verlauten. Zugleich wird jedoch ein enger und kontinuierlicher Kontakt zu den Händlern behauptet. Unabhängig davon, worin dieser besteht, schlägt er sich jedenfalls nicht in einer erkennbaren, auf die Weiterentwicklung und die Sicherung des Marktes bezogenen Strategie nieder. Aber immerhin: Jetzt wird ein gemeinsamer Prozess mit den Markthändlern zur Sicherung der Zukunft des Markts zumindest in Erwägung gezogen. Vielleicht sollte man vorher mal einen Blick in das Konzept des Bezirks Hamburg Mitte wagen. Für solch einen innovativen Prozess, aber auch für die professionelle Alltagskommunikation, bräuchte es natürlich eine gut funktionierende Vertretung der Marktleute. Diese zu bitten, eine solche Vertretung zu bestimmen, lehnt das Bezirksamt jedoch ab. Warum eigentlich? Wie will man denn anders mit den Marktleuten ernsthaft ins Gespräch kommen, geschweige denn produktiv zusammenarbeiten? Wie das Bezirksamt, wie die Marktverwaltung unter diesen Bedingungen sicherstellen will, dass der Kranoldmarkt in Lichterfelde Ost eine gute Zukunft hat, bleibt wohl deren Geheimnis. Jedenfalls könnte kein Unternehmen überleben, ohne zu wissen, wie es sich entwickelt hat und wo genau es aktuell steht, ohne eine genaue Kenntnis über seine Produkte zu haben, ohne nach den Gründen für Misserfolge zu fragen, ohne in einen konstruktiven Dialog mit seinen Mitarbeitern zu gehen, ohne daran zu denken, für neue Kunden und Kundinnen aktiv zu werben und auch neue Zielgruppen zu erschließen und vor allem ohne eine durchdachte Zukunftsstrategie zu haben.

Der Bezirk muss Verantwortung übernehmen

Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, dass sich die Politik tatsächlich für den zukunftssicheren Erhalt des Kranoldmarkts einsetzen würde und nicht nur so zu tun, als ob sie es täte. Die BVV müsste sich zuallererst gemeinsam mit der Verwaltung darauf verständigen, dass es keinesfalls reicht, den Kranoldmarkt nur zu verwalten und – komme, was wolle – am Status quo festzuhalten. Der Auftrag der Marktverwaltung müsste vielmehr lauten, den Kranoldmarkt nicht zuletzt auch wegen des bevorstehenden Umbaus des Kranoldplatzes zukunftssicher zu machen. Den vielen Herausforderungen gegenüber, mit denen städtische Märkte konfrontiert sind, wäre er dann resilienter aufgestellt. Damit es dazu kommen kann, ist es unerlässlich, dafür zeitnah angemessene Strategien unter sachgerechter Einbeziehung der Marktleute, von Kunden und Kundinnen sowie von Fachleuten zu entwickeln und umzusetzen.

Stephan Voß

Stephan Voß ist Mitglied im Bündnis für einen lebendigen Kranoldplatz https://www.kranold-markt-platz.de/ * Cross Innovation Hub Hamburger Kreativgesellschaft Maßnahmenkatalog für die Wochenmärkte im Bezirk Mitte Wochenmärkte der Zukunft Bezirksamt Hamburg Mitte https://cross-innovation-hub.de/magazin/mehr-publikum-fuer-die-hamburger-wochenmaerkte-dieser-massnahmenkatalog-soll-helfen/   Alle Artikel zum Thema Kranoldplatz https://stadtrand-nachrichten.de/category/gesellschaft-politik/kranoldplatz/   Die Stadtrand-Nachrichten finanzieren sich durch Spenden ihrer Leserinnen und Leser. Wenn es Ihnen hier gefällt, Sie etwas Spannendes entdeckt oder etwas Neues gelernt haben, können Sie uns via Paypal ein Trinkgeld dalassen. Herzlichen Dank! Hier geht es zu unserem Paypal-Konto