In der Fischerhütte war Horst Seehofer Gast der Steglitz-Zehlendorfer CDU. Foto: Hübner

Der Lausbub unter den deutschen Ministerpräsidenten kam, legte sein charmantes, unwiderstehliches Lächeln auf und hätte Horst Seehofer Wams und Lederhose getragen – die Finger wären in den Hosenträgern verhakelt gewesen, als er seine Rede vor den Steglitz-Zehlendorfer Christdemokraten hielt. „Jo mei, liebe Preiss’n, do samma! Deitschland goahts guat und Bayern goahts noch viel besser!“ Und hätte das jeder andere Bajuware von sich gegeben, die proppevoll gequetschte Fischerhütte am Schlachtensee hätte das Rednerpult gestürmt. Dem Seehofer Horschtl aber lag der Saal zu Füßen. Der konnte erzählen, was er wollte.

Und so parlierte er munter drauflos, wie erfolgreich Bayern doch sei. Und weil’s gerad‘ so schön war, kam gleich noch ein kleiner, süffisanter Ausflug in die Geschichte der Mark, zurück in diese fünfzig Jahre zwischen 1323 und 1373, als der Kaiser den Wittelsbachern das askanische Land verpachtete, nachdem Waldemar der Große für ein paar Jahre das Zeitliche gesegnet hatte. Und wie er, der Seehofer Horschtl, bei der Gelegenheit darüber gestolpert sei, dass doch ein Teil des Lehngutes just das Gelände umfasse, auf dem heute das Kanzleramt steht. Was er uns wohl damit sagen wollte, der blau-weiße König Horst?

Dass die Wittelsbachischen die Mark verludern ließen, bis Kaiser Karl IV. sie denen Luxemburgern zuschanzte, um eine Kurstimme mehr zu haben, davon plauderte Seehofer dann nicht so viel, und mit der 1415 erfolgten Übernahme der Mark durch die Ordnung schaffenden Hohenzollern wurde die Historie für den Alpen-Fürsten gänzlich uninteressant.  War es doch am Ende ein Hohenzoller, der „Saupreiß“ Friedrich der Große, der Ende der 1770er mit seinem Machtwort verhinderte, dass Horst Seehofer heute ein österreichischer Landeshauptmann wäre. Ihm verdanken zu müssen, dass man einer der mächtigsten Männer eines der mächtigsten Länder der Welt ist – na ja, Schwamm drüber!

Die kraftstrotzende Rede fand Applaus. Aber nicht ungeteilten. Da griff der Host Seehofer die Problematik der ungebremsten Zuwanderung von Leuten auf, die lediglich die deutschen Sozialsystem melken, aber nicht wertschöpfend
arbeiten wollten. „Muss man doch in einer Demokratie beim Namen nennen können“, sagt er. Hmmm … Und dann, im nächsten Augenblick, offenbarte sich das ganze politische Geschick des Horst Seehofer: „Wenn wir die Sorgen der Bevölkerung nicht ernst nehmen, sie nicht artikulieren, sie nicht diskutieren, dann überlassen wir sie den Extremisten!“ Rrrums! Da liegt der Kreuz-Bube! Wer den übersticht, betrügt! Das weiß der Horschtl auch.

Finster lächelte so mancher CDU-Freund, der da ahnt, dass man mit solch etwas unsensibler Kraftmeierei im Preußen der leiseren Töne nicht unbedingt punktet. Ernsthaft lauschte zum Beispiel Dr. Uwe Lehmann-Brauns, ehemaliger Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und ehemaliger Attaché im deutschen Auswärtigen Dienst, ab und an dezent und verhalten Zustimmung signalisierend. Bürgermeister Norbert Kopp wäre auch gerne gekommen – die
Bürgersprechstunde aber hielt ihn im Rathaus fest, die Sorgen der Bevölkerung wogen schwerer als die Anwesenheit beim CDU-Empfang – preußische Pflichterfüllung eben! So begrüßte der Kreisvorsitzende der CDU und Senator
für Justiz und Verbraucherschutz, Thomas Heilmann, seinen prominenten Freund und Gast aus dem stolzen Land der Bayern und dankte ihm auch am Ende herzlich für seinen Auftritt.  Ebenso anhaltend und herzlich bedankte sich auch das  applaudierende Publikum – das noch im letzten Satz des Horst Seehofer die bitterste Kröte schlucken musste, die der Bayer seinen armen Berliner Vettern kredenzte: „Und – seid’s mia nicht böse, oba wia wollen halt nich mehr so schrecklich viel für euch bezohl‘n!“  Kein Ausflug in die Geschichte diesmal. Das hätte nur zu Tage gebracht, dass Bayern noch bis 1986 selbst Nehmerland gewesen war und vor 28 Jahren gewiss noch anders argumentiert hätte, wenn es um  die Organisation des Länderfinanzausgleichs gegangen wäre …

Das schönste aber an diesem Abend war: Seehofer bekannte sich als unverbrüchlicher Europäer! Das machte Mut. Das gab Zuversicht. Aber Vorsicht, Hroschtl: Arme Vettern lauern nicht nur in Preußen!

Michael L. Hübner