
Foto: Daniela von Treuenfels
Die Adventisten in Deutschland feiern in diesem Jahr ihr 150jähriges Bestehen. Die Freikirche gehört zu den größten Arbeitgebern im Berliner Südwesten.
Über 22 Millionen getaufte Gemeindeglieder in mehr als 93.000 örtlichen Gemeinden in 212 Ländern und Gebieten – im Vergleich zu weltweit 900 Millionen Protestanten und 1,4 Milliarden Katholiken ist die Glaubensgemeinschaft der Adventisten fast winzig. Die Freikirche und ihr Sozialwerk, das Advents-Wohlfahrtswerk, erzielen jedoch eine erstaunlich große gesellschaftliche Wirkung.
Beispiel Krankenhaus Waldfriede: 1919 kaufte der Arzt Dr. Louis E. Conradi im Auftrag der Freikirchenleitung in Zehlendorf ein Grundstück mit den dazugehörigen Gebäuden des ehemaligen Lungensanatoriums „Sanatorium und Klinik Waldfriede“.
Nach dem Vorbild des im Jahr 1886 gegründeten adventistischen Battle Creek Krankenhauses in Michigan, USA, das vom Arzt Dr. John Harvey Kellogg geleitet wurde, der unter anderem die Cornflakes erfand, sollte in Waldfriede nicht nur der medizinische, sondern vor allem der präventive und ganzheitliche Behandlungsansatz im Vordergrund stehen. Am 15. April 1920 wurde das Akutkrankenhaus Waldfriede eröffnet. Die Gesundheitseinrichtung begann mit 39 Betten in 27 Krankenzimmern und einem noch nicht fertiggestellten Operationssaal.
In den Jahren 1922/23 ermöglichten Spenden und eigene Mittel einen Erweiterungsbau. 1922 erhielt das Krankenhaus die staatliche Anerkennung und die Erlaubnis, eine Krankenpflegeschule zu eröffnen. Diese besteht bis heute als Akademie für Gesundheits- und Krankenpflege mit über 70 Ausbildungsplätzen und ist seit Herbst 2023 im benachbarten Teltow ansässig.
Der Krankenhausstandort durchlebte in seinen ersten Jahrzehnten Höhen und Tiefen. Vor allem in den ersten 25 Jahren waren mit den Auswirkungen der Inflation, der Weltwirtschaftskrise, dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg große Schwierigkeiten zu bewältigen. Von den Bombenangriffen in den 1940er-Jahren blieb das Krankenhaus verschont.
Pionierleistungen im Gesundheitswesen
Was Innovationen anging, hatte das Zehlendorfer Krankenhaus in der jüngeren Vergangenheit oft die Nase vorn. 1989 wurde eine Sozialstation gegründet und erstmalig in Deutschland an ein Akutkrankenhaus angesiedelt. 1993 wurde mit dem „Gesundheitszentrum PrimaVita“ erstmals an einem Akutkrankenhaus in Deutschland ein Gesundheitsförderungszentrum mit einem strukturierten Präventivprogramm hinzugefügt. Seit September 2000 bot Waldfriede weltweit als erstes Krankenhaus mit der „Babywiege“ (Babyklappe) ein umfangreiches Beratungs- und Betreuungskonzept an. Das Projekt wurde wegen mangelndem Bedarf im März 2025 beendet, da durch ein neues Gesetz mit der „Vertraulichen Geburt“ nun Frauen die Möglichkeit haben, ihr Kind medizinisch sicher und anonym zur Welt zu bringen. Am 11. September 2013 öffnete das „Dessert Flower Center Waldfriede“ seine Pforten. In dem weltweit ersten Zentrum seiner Art werden Frauen und Mädchen behandelt, deren äußere Genitalien verstümmelt wurden. Dabei werden verstümmelte Genitalien operativ wieder hergestellt und die betroffenen Frauen psychologisch betreut und bestmöglich rehabilitiert.
Vor 30 Jahren wurde Waldfriede „Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin“. Seit 2025 darf das Krankenhaus einen weiteren Titel führen: „Akademisches Lehrkrankenhaus der HMU Health and Medical University Potsdam“.
Das Netzwerk Waldfriede, zu dem seit 2012 auch die Privatklinik Nikolassee gehört, ist nach eigenen Angaben mittlerweile mit rund 950 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Pro Jahr würden etwa 15.000 Patienten stationär und 120.000 ambulant behandelt.
Der Grundstein
Träger des Krankenhauses ist die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. 1876, vor 150 Jahren, wurden in Solingen und Vohwinkel (heute ein Stadtteil von Wuppertal) die ersten beiden adventistischen Kirchengemeinden (Adventgemeinden) auf deutschem Boden gegründet. 1898 kam aus den USA der deutsch-amerikanische Arzt Dr. A. J. Hoenes nach Deutschland, um ein adventistisches Gesundheitswesen aufzubauen. In Friedensau, etwa 35 Kilometer östlich von Magdeburg gelegen, erwarb die Freikirche 1899 ein 35 Hektar großes Grundstück. Darauf entstand nicht nur eine Missionsschule, sondern auch eine Nährmittelfabrik zur Herstellung von Produkten der Kellogg-Company, ein Sanatorium mit angeschlossener Krankenpflegeschule, die Friedensauer Schwesternschaft als eigenständiger Berufsverband und ein Seniorenheim.
Im Ersten Weltkrieg diente das Sanatorium zeitweise als Lazarett. 1919 kam das Sanatorium infolge der Auswirkungen des allgemeinen Zusammenbruchs in Deutschland und der schlechten Verkehrsanbindung Friedensaus nicht mehr in Gang. Es sollte stattdessen eine Einrichtung in Großstadtnähe gegründet werden. Die Wahl fiel auf Zehlendorf, wo heute mit dem Waldfriede das zweitälteste Krankenhaus Berlins steht.
Das Sozialwerk
Mit seinem Sozialwerk reicht die Freikirche noch weiter in die Gesellschaft hinein. Der 1897 als gemeinnütziger „Christlicher Hilfsverein“ gegründete Advent-Wohlfahrtswerk e.V. betreibt heute deutschlandweit acht Kitas, eine Schule, drei Nachbarschaftszentren, vier Hospize und einiges mehr.
In Zehlendorf bietet die Kita Wolkenflitzer in der Wilskistraße Bildung und Betreuung für 64 Kinder an. Die Suppenküche in der Gartenstraße am S-Bahnhof Zehlendorf richtet sich an Bedürftige und Wohnungslose, hier gibt es Essentielles für Leib und Magen, nötigenfalls auch für die Seele. Insgesamt gibt es drei Adventsgemeinden in Steglitz-Zehlendorf: Nikolassee, Zehlendorf und Waldfriede.
Daniela von Treuenfels
Mit Material von APD (Adventistischer Pressedienst)
Infos:
Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten
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