In Steglitz-Zehlendorf geht am 30. Juni eine Ära zu Ende – die Ära des Bezirksstadtrats Norbert Schmidt. Am 19. Juni feiert er seinen 65. Geburtstag und muss dann nach Beamtenrecht in den Ruhestand gehen.
Der noch 64-Jährige sieht das gelassen. „Ich gehe mit leichtem Herzen“, sagt er und ergänzt: „Je älter man wird desto klarer wird einem, dass das alles Lebenszeit ist. Und ich habe noch nie gehört, dass jemand auf dem Sterbebett gesagt hätte, ‚wäre ich mal länger im Büro geblieben‘.“ Und so weiß Schmidt auch schon genau, was er mit seiner neuen freien Zeit anfangen wird – sie mit der Familie verbringen, vor allem mit den beiden Enkeln, die jetzt ein und zwei Jahre alt sind. Auch ein Ehrenamt hat er bereits übernommen. „Ich setze mich nicht in die Ecke und warte auf den Tod“, sagt der studierte Literaturwissenschaftler lachend.
Schmidt hat eine abwechslungsreiche Karriere hinter sich – war unter anderem Pressereferent des Senators für Gesundheit, Bezirksstadtrat für Volksbildung in Tiergarten und als Referatsleiter der Senatsverwaltung für Inneres zuständig für den Zivil- und Katastrophenschutz; zuletzt nun war er Stadtrat für Soziales und Stadtentwicklung. Sich in all die unterschiedlichen Themen einzuarbeiten, das habe er im Studium gelernt, sagt Schmidt. Wie man organisiert und Aufgaben angeht, das verlerne man nicht, da sei das Sujet fast egal.
Eigentlich hatte er angefangen BWL und VWL zu studieren, doch im 2. Semester gab Schmidt auf. Die Mathematik war sein Schicksal, „in Statistik bin ich jämmerlich krepiert“, gesteht er lachend. Dann folgte er dem Ruf von Senatorin Hildegard Hamm-Brücher „Lehrer braucht das Land“. Doch nachdem er sein Studium in Literatur, Geschichte und Philosophie auf Lehramt erfolgreich abgeschlossen hatte, waren die Lehrerstellen besetzt, und mit Deutsch und Geschichte war man nicht gerade gefragt, erinnert sich der Bezirksstadtrat. Auch wenn es wie ein Klischee klingt, sein Geld verdiente sich Schmidt dann erst einmal mit Taxifahren.
Sein politisches Stündlein schlug mit dem Berliner Regierungswechsel 1981 und dem Kabinett Richard von Weizsäckers. Als Pressereferent bei Senator Ulf Fink kam er unter, genauso wie der heutige Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann. Außerdem war er in seinem Heimatbezirk Tiergarten Bürgerdeputierter, Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung, Fraktionsvorsitzender, BVV-Vorsteher und schließlich Stadtrat für Volksbildung. Den Posten verlor er, weil sich die politischen Mehrheiten im Bezirk änderten.
Die schönste Zeit seines Berufslebens sei für ihn die Zeit als Referatsleiter der Senatsverwaltung für Inneres gewesen, als er für die strategische Terrorabwehr zuständig war, sagt Schmidt. Er sei viel auf den Wachen der Feuerwehren unterwegs gewesen, habe die Abwechslung zwischen Schreibtisch-Arbeit und vor Ort zu sein gemocht. Aus dieser Zeit stamme auch seine „nicht nachlassende Liebe für die Feuerwehr“.
Eigentlich war Schmidts politisches Engagement in dieser Zeit eingeschlafen. In Tiergarten sei er im Streit mit seiner Partei gegangen, zehn Jahre habe er sich nicht politisch betätigt, erzählt Schmidt, der zwischenzeitlich nach Zehlendorf gezogen war. Und dann rief Wellmann an. „Ich habe mich bequatschen lassen“, erzählt der 64-Jährige wie er 2006 Bezirksstadtrat in Steglitz-Zehlendorf wurde. Ein kurzer Arbeitsweg und die Aussicht wieder mit grüner Tinte unterzeichnen zu können – mit grüner Tinte unterschreiben Vorgesetzte, klärt er auf – überzeugten ihn schließlich.
Viel bewegen könne man in den Bezirken nicht, bedauert Schmidt. Etwa im Sozialbereich gebe es Gesetze und Richtlinien, die vorgegeben sind. „Was wollen sie da bewegen?“ Und bei der Stadtentwicklung „da quatschen viele Leute mit“. Als Stadtrat sei man da immer in einer Sandwich-Situation zwischen Investor, dem es nie schnell genug gehe und dem nie genug genehmigt werde, den Anwohnern, denen alles zu viel ist, und der BVV. Zudem sei Bauen so verrechtlicht, dass es kaum Spielräume gebe. Doch das will Schmidt nicht als Kritik verstanden wissen, denn das sei schließlich Aufgabe einer Bezirksverwaltung, und Grundlage aller Entscheidungen sei das Gesetz. „Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben“, zitiert er Goethe. Alles andere wäre Willkür. Doch auch er habe natürlich Situationen erlebt, wo er in Zwischenspalt geriet. Erst vor wenigen Tage habe ihm ein 68-jähriger Rumäne mit seinem Betreuer gegenüber gesessen. Der Rumäne sei gebrechlich gewesen und dement. „Ich habe die Hilflosigkeit dieses Menschen gesehen und wusste, den kann man nicht nach Rumänien zurück schicken.“ Doch die Rechtslage ließ keine Unterbringung zu, erzählt Schmidt. Mittlerweile aber habe man eine Lösung gefunden.
Kritik, wie sie beispielsweise von der Bürgerinitiative „Landschaftspark Lichterfelde Süd“ komme, versuche er professionell zu begegnen und sie nicht persönlich zu nehmen. „Ich versuche Situationen zu vermeiden, wo einer gewinnt und einer verliert“, sagt er.
Die letzten Tage im Amt sind gekennzeichnet von Abschieden, von der BVV und den Mitarbeitern in den beiden Verwaltungen. Am 26. Juni ist Schmidts letzter Arbeitstag, am 27. geht er dann in Urlaub, aus dem er nicht mehr zurückkehrt.
(go)












Schloßstraße 26 im Jahr 1925: An der Ecke Zimmermannstraße verkaufte Ernst Taeger Röcke und Blusen. | Foto: Museum Steglitz Nr. 03114[/caption]
Eine Ausstellung in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek macht aufmerksam auf die große Bedeutung jüdischen Lebens und jüdischer Wirtschaftstätigkeit für das Aufblühen der Schloßstraße im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Die Schloßstraße entwickelte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts in rasantem Tempo zur Einkaufsmeile. Die Eisenbahnverbindung zwischen Potsdam und Berlin mit Halt in der Albrechtstraße und die vor 1900 verkehrenden Straßenbahnen machten die Landgemeinde Steglitz attraktiv. Niedrige Grundstückspreise und Mieten lockten viele Geschäftsleute in die Steglitzer Hauptverkehrsstraße.
Jüdisches Leben hatte einen großen Anteil an dieser wirtschaftlichen Entwicklung und am Glanz und Reichtum der Schloßstraße. Jüdische Kaufleute betrieben zahlreiche spezialisierte Einzelhandelsgeschäfte, Handwerksbetriebe und größere Warenhäuser.
In den zwischen 1900 und 1910 entstandenen Wohn- und Geschäftsgebäuden lebten und arbeiteten jüdische Menschen in Bäckereien, Zigarrenläden und Konfektionsgeschäften, als Rechtsanwälte, Ärzte und Musiker.
Die Ausstellung erinnert mit acht kurzen Biographien und einer Übersicht von 40 Wirtschaftsbetrieben an diese Vielfalt und zeigt die radikale Vernichtung jüdischen Lebens nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahr 1933. In nur wenigen Jahren wurden alle jüdischen Gewerbetreibenden zur Geschäftsaufgabe gezwungen, jüdische Bewohnerinnen und Bewohner vertrieben oder deportiert. Heute erinnern nur einige im Jahr 2025 verlegte Stolpersteine und eine unauffällige Gedenktafel an das einst vitale jüdische Leben. Die Gedenktafel erinnert an Moritz Feidt, der im Jahr 1907 in der Schloßstraße 97 das erste größere Warenhaus eröffnete.
JÜDISCHES LEBEN IN DER SCHLOẞSTRAẞE
19.9.—14.11.2026
Eine Ausstellung in der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek
Grunewaldstraße 3, im Einkaufzentrum "Das Schloss"
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 11 – 19 Uhr
Samstag 11 – 16 Uhr
Eintritt frei
VERANSTALTUNGEN
Sonntag, 27. September, 12:00 Uhr
Geschichte vor Ort. Jüdisches Leben in der nördlichen Schloßstraße
Stadtspaziergang mit Sabine Davids und Barbara Wittkopf