
„Kaey und Kirill“, (2020) | © K. Röder
In der Petruskirche am Oberhofer Platz ist derzeit die Ausstellung „Lost in Lichtenrade“ mit Werken der Künstlerin Sandra Hübner zu sehen.
Zur Vernissage sprach Ulrike Meyer.
Wir veröffentlichen die Laudatio im Wortlaut:
Der Ausstellungstitel „Lost in Lichtenrade“ mutet in der Lichterfelder Petruskirche etwas skurril an, auch etwas provokant. Was hat „Lost in Lichtenrade“ denn mit Lichterfelde zu tun? Nun, diese rhetorische Frage führt uns mitten hinein in die kulturpolitische und wohnungspolitische Wirklichkeit Berlins und deren Auswirkungen für Künstler und Künstlerinnen.
Die Berliner Medien titeln regelmäßig zum brisanten Thema der Gentrifizierung vieler Kieze. Langjährige Mieterinnen und Mieter verlieren durch diesen Prozess sowohl ihr soziales Umfeld, aber vor allem ihre bezahlbare Wohnung, und finden aufgrund der großen Wohnungsnot keine gleichwertige Lösung.
Diese Entwicklung macht seit vielen Jahren auch vor verfügbaren Ateliers für Kunstschaffende nicht Halt! Die Förderprogramme des Landes Berlin für bezahlbare Ateliers bildender Künstlerinnen und Künstler wurden extrem gekürzt, Subventionen entfallen und einige der Berliner Atelierhäuser stehen kurz vor dem Aus.
All das hat ungeahnte Folgen für die Kulturstadt Berlin, die – wie es der Berufsverband bildender Künstlerinnen und Künstler formuliert – sich zwar mit Kultur schmückt, aber die Kunst am langen Arm verhungern lässt. Die Sparpolitik und die Verknappung von Wohn- und Atelierraum hat existentielle Auswirkungen für die Kunstschaffenden. Die Situation ist für viele prekär. Und nicht zu vergessen, der stagnierende Kunstmarkt. So wie sich der Lebensraum verengt, die Ateliers wegfallen, so verengt sich auch die Möglichkeit in großen Formaten zu malen, im kreativen Prozess zu experimentieren – kurzum, auch die Kreativität selbst ist gefährdet.
Der Verlust von Wohn- und Atelierräumen durch Gentrifizierung, diese leidige Erfahrung hat auch die Künstlerin Sandra Hübner gemacht. Schmerzlich erinnert sie sich daran, dass sie vor zwei Jahren durch, wie sie sagt, „gnadenlose Gentrifizierung (…) an den äußersten Stadtrand verdrängt“ wurde, eben nach Lichtenrade. Verdrängt auf kleinstem, aber teurem Raum, für den sie nur einen befristeten Mietvertrag von drei Jahren hat. Hier in Lichtenrade fühlt sie sich „lost“. Verloren! Eine teure Übergangslösung mit der Folge, dass es Sandra Hübner weit entfernt von der pulsierenden Kunstszene verschlagen hat und sie künftig auch noch weiter auf’s Land ausweichen muss.

„Das Kännchen“ (o. J.) | © K. Röder
Die daraus resultierenden Brüche in ihrer Kunst sind sichtbar: die Größe ihrer Formate hat sich verändert, sie arbeitet vermehrt auf kleineren Leinwänden und paralleles Arbeiten an mehreren Werken gleichzeitig, während der einzelnen Trocknungsphasen der Ölschichten, ist nicht mehr möglich.
Das titelgebende Gemälde der Ausstellung „Kaey und Kirill“, (2020) gehört noch zu den größeren Werken. Darauf abgebildet ist die Sängerin Kaey, die mit einem extravaganten Auftritt, der vom Publikum mit begeistertem Applaus gewürdigt wurde, die Vernissage musikalisch eröffnet hat.
Vorbild für „Kaey und Kirill“ Porträt war „Die Dame mit dem Hermelin“, eines der vier von Leonardo da Vinci gemalten Frauenporträts. Das Porträt von Leonardo da Vinci ist stilistisch streng und für die damalige Zeit vor allem revolutionär komponiert, denn es löste die damals üblichen starren Profilporträts ab.

Sängerin Kaey und Malerin Sandra Hübner, rechts | © K. Röder
Sandra Hübner ist von dieser Darstellungstechnik derart fasziniert, dass sie mit seinen Merkmalen spielt und ihre Porträts von Kaey und Chris genauso inszeniert hat. Sie präsentiert ihre Protagonisten im Dreiviertelporträt, mit einer dynamischen Drehung der Körper, so dass der Blick der Porträtierten nach links gerichtet ist und sich außerhalb des Werks verliert.
Sandra Hübner arbeitet mit weichen Übergängen, die den Porträts eine realistische und zugleich traumhafte Wirkung verleihen, verstärkt durch den dunklen Hintergrund. Das Spiel mit dem berühmten Vorbild gelingt:
Sängerin Kaey, üppig geschmückt wie eine Bühnendiva mit ihrer exotischen Begleiterin, der Nacktkatze Kirill und Tontechniker William, im dezenten Anzug, geschmückt mit einem kleinen Tattoo auf dem rechten Unterarm mit dem dreibeinigen Mops Lilly, gefunden an einer Tankstelle.
Beide Tiere werden beschützend und liebevoll gehalten und sind, wie der Hermelin bei da Vinci, besondere, wertvolle Zuchttiere, die die dargestellten Persönlichkeiten zusätzlich aufwerten und charakterisieren. Träumerisch, vielleicht sogar ein bisschen sehnsuchtsvoll, blicken Kaey und Chris in die Ferne – in ihre Zukunft?

„Thelma und Louise in Brandenburg“ (2019) | © Ch. Kurz-Becker
Daneben das Bild der beiden Freundinnen, „Thelma und Louise in Brandenburg“ (2019), in Anlehnung an den Film von Ridley Scott) 1991, eine innige Momentaufnahme, eingefangen während einer Zugfahrt. Das Bild zeigt die Vertrautheit von zwei jungen Frauen im Schlaf.
Diese Alltagssituation hat die Malerin an ihre Freundin erinnert, die sie seit 40 Jahren kennt und mit der sie in ihrer Geburtsstadt Uckermünde ihre Ausbildung zur Krankenschwester gemacht hat. Doch dann kam „die Wende“ und mit ihr auch der persönliche Umbruch in Sandra Hübners Leben.
Nach der Ausbildung studierte sie an der Freien Universität Berlin erfolgreich Germanistik und Theaterwissenschaften, begann sich intensiv mit Kunst auseinanderzusetzen und fing schließlich an, selbst zu malen – inspiriert von der Malerei der 1920er Jahre, der „Neuen Sachlichkeit“.
„So wenig wie möglich, so viel wie nötig“ – nach diesem Prinzip gestaltet Sandra Hübner ihre Porträts, Stillleben und Landschaften. Ihr Stil ist schnörkellos, sachlich und reduziert auf das Wesentliche. Sie malt absolut präzise ihre Stillleben – realistisch, fast schon dokumentarisch, isoliert sie Gegenstände des Alltags aus ihrem Kontext, macht so ihre Besonderheit sichtbar und haucht ihnen Leben ein. Beispielsweise ihre Serie der Küchenutensilien wie das „Schmale Handtuch“, das „Kännchen“ oder das Arrangement „Von Fliesen und Fenchel“.
Besonders deutlich wird Sandra Hübners Stil jedoch in ihren technischen Stillleben wie „Die Werkzeugtasche“, „Das Gartenwerkzeug“, „Die Schubkarre“ oder „Der Bohrer“.

„Werkzeugtasche“ (2024) | © K. Röder
Mit akribischer Genauigkeit hält sie deren Details fest, auch hier losgelöst von jeglichem Kontext, ihre Liebe zum Detail ist faszinierend und so entstehen kleine Porträts von technischen Geräten, die von der Schönheit eines alltäglichen Gegenstandes erzählen.
Porträts ganz anderer Art sind die von Vivi und Walter in den Ritterrüstungen. Mit dieser historischen Schutzkleidung frönen die beiden sowohl dem lustigen Spiel der Verkleidung, haben sich aber im übertragenen Sinne regelrecht einen Panzer angelegt, der sie schützt und stärker erscheinen lässt, als sie vielleicht sind.
Der Panzer versinnbildlicht den emotionalen Schutz, der vor Schmerz, Verletzlichkeit oder Stress bewahren soll. Vivi legt sich eine Rüstung an, um der Belastung als berufstätige Mutter und Hausfrau standzuhalten und „Das bisschen Haushalt“ (2016), so der Titel des Bildes, locker zu schmeißen und trotzdem eine gelassene, attraktive Frau zu sein.

„Ritterin Vivi“ mit Betrachterin (2025), Öl auf Leinwand
„Walter“, so auch der Bildtitel, (2025), dagegen erscheint mit der Rüstung als der starke und unverletzliche Mann, der er gerne sein möchte, den nichts tangiert und der gerne ein Gläschen trinkt, um sich Mut zu machen. So kann er der eigentlichen Bedeutung seines Namens gerecht werden, denn „Walter“ heißt „der im Heer Waltende“ und der Name symbolisiert Stärke und Führung. Auch diese beiden sozialkritischen Erzählungen hat Sandra Hübner mit der ihr eigenen Genauigkeit erfasst und in eigener Bildsprache wiedergegeben.

„Die Prinzessin und die Erbsen“ (2025) mit Besucherinnen | © Ulrike Meyer
Sozialkritisch ist auch das Bild „Die Prinzessin und die Erbsen“ (2025). Es ist gleichzeitig eine spielerische Umdeutung des Märchens „Die Prinzessin auf der Erbse“, des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen, und ist auch – so die Künstlerin – eine Hommage an die Matratzen auf den Straßen Berlins. Besonders an die Matratzen in Kreuzbergs Straßen, auf denen natürlich keine Prinzessin schläft, sondern wohnungslose Menschen notgedrungen ihre Nächte verbringen, angewiesen auf Unterstützung ihrer Mitmenschen, sei es auch mit nur mit einer kleinen Dose Erbsen.
Abschließen möchte ich mit zwei minimalistischen, aber sehr stimmungsvollen Arbeiten: Mit dem Landschaftsporträt „November“ und dem Tierporträt „Schaf“ (2025). Atmosphärisch dicht, mit fast schon monochromer grau-grünlicher Farbgebung, versetzten sie die Betrachtenden in die typische Stimmung dieser Jahreszeit.

Laudatorin Ulrike Meyer
Ulrike Meyer, Laudatorin
Anfragen unter: ulrikemeyer.berlin@posteo.de
Ausstellung „Lost in Lichtenrade“
von Sandra Hübner
05. Februar 2026 bis 27. März 2026
in der Petruskirche, Oberhofer Platz, 12207 Berlin
Sandra Hübner http://www.sandrahuebner.de/
Sängerin Kaey https://www.kaey.net/
https://www.petrus-kultur.de/ausstellungen
Die Türen Petruskirche sind zu den Gottesdiensten und jeden Mittwoch und Samstag von 10 bis 13 Uhr für Besucherinnen und Besucher geöffnet sowie vor oder nach jeder Kulturveranstaltung.
Die Stadtrand-Nachrichten finanzieren sich durch Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Wenn es Ihnen hier gefällt, Sie etwas Spannendes entdeckt oder etwas Neues gelernt haben, können Sie uns via Paypal ein Trinkgeld dalassen.
Herzlichen Dank!
Hier geht es zu unserem Paypal-Konto











