In vier Teilen schauen die StadtrandNachrichten zurück auf das Jahr 2015 und das, was in den vergangenen zwölf Monaten in Steglitz-Zehlendorf passierte. Heute geht es weiter mit den Monaten April bis Juni.
April:
Das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf stimmt dem Antrag auf ein Bürgerbegehren des Aktionsbündnisses Landschaftspark Lichterfelde-Süd zu, kurz darauf auch der Senat. Das Aktionsbündnis will mit dem Bürgerbegehren vor allem eine Bebauung des ehemaligen Militärübungsplatzes mit maximal 1.500 Wohnungen erreichen. Die Planungen des Investors, der Groth Gruppe, sehen hier 2.500 Wohnungen vor. Sechs Monate hat das Bündnis Zeit, um 7.000 Unterschriften zu sammeln. Doch es scheitert. Es kommen nicht genügend gültige Stimmen zusammen.
Die Wannsee-Terassen sind wieder geöffnet. Nach 13 Jahren öffnet das Traditionslokal wieder, das nach einem Feuer geschlossen worden war. Rund zehn Millionen Euro soll Investor Harald Huth an dem Standort investiert haben. Berliner und Besucher können nun wieder den schönsten Blick auf den Wannsee genießen.
In Nikolassee kommt eine 19-jähriger S-Bahn-Surfer zu Tode, als er am S-Bahnhof mit einer Signalbrücke kollidiert.
Die Botschaft von Katar beschließt, endlich die heruntergekommenen Villa Calais in Zehlendorf zu sanieren und zu einem Gästehaus herzurichten. Jahrelang hatte die Botschaft das Haus verfallen lassen, weil die Fassade zu freizügig gestaltete war. 2017 soll das Gästehaus eröffnet werden.
Die mobilen Unterrichtsräume der Mühlenau-, die Kronach- und die Sachsenwald-Grundschule werden wegen Einsturzgefahr gesperrt. Statiker hatten bei einer Überprüfung unter anderem Risse im Tragwerk festgestellt.
Am Arndt-Gymnasium in Dahlem wird der Grundstein für einen Erweiterungsbau gelegt. Der zweigeschossige Bau soll dafür sorgen, dass sich die Raumsituation an dem expandierenden Gymnasium entspannt.
In Lichterfelde demonstriert „pro Deutschland“ vor der Notunterkunft an der Lippstädter Straße gegen „Asylmissbrauch“. Den knapp ein Dutzend Demonstranten stellen sich gut 400 Menschen entgegen, um ein Zeichen für Toleranz und Menschlichkeit zu setzen.
Auf dem Sportplatz der Wilma-Rudolph-Schule soll ein Rugby-Feld für den Berliner Rugby Club entstehen. Bei einer Anwohnerversammlung stoßen Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) und der Verein auf heftigen Gegenwind der Anwohner, die Lärm und Verkehrschaos befürchten.
Mai:

Hoffen auf Unterstützung für einen neuen Bürgerbus: Mitarbeiter der Fahrbibliothek, Andreas Kugler, MdA, (links; SPD) und Bürgerstiftung sammelten Geld für einen neuen Bus. Archiv-Foto: Gogol
Die Sanierungsarbeiten an der Brücke über den Breitenbachplatz beginnen. Die etwa 35 Jahre alte Brücke weist Schäden auf, die umfangreiche Instandsetzungsarbeiten und damit einhergehende Sperrungen erforderlich machen.
Die Goethe-Schule weiht ihre neue Sporthalle ein – 50 Jahre nach der ersten Antragstellung.
Die Musikschule wird von der Haushaltssperre ausgenommen. So können wieder neue Schülerverträge abgeschlossen werden. Die Sperre hatte einigen Lehrern hohe Honorarausfälle beschert. Lehrer und der Freundeskreis der Musikschule kritisieren zudem die personelle Unterbesetzung der Musikschule, die diese in eine prekäre Situation gebracht habe. Mit der Ausnahme aus der Haushaltssperre ist das Problem nicht gelöst. Im November findet deshalb ein Protestkonzert statt.
Unter dem Motto „Ein Bücherbus … ein Muss“ sammeln die Bürgerstiftung Steglitz-Zehlendorf und die Stadtbibliothek Geld für die Fahrbibliothek, um einen der alten und maroden Bücherbusse ersetzen zu können.
Juni:

Museumsdirektor Dr. Peter Lummel legte selbst Hand an die Kuh und zeigte den Pressevertretern bei der Vorstellung des Culinariums, wie man melkt. Das können auch Besucher ausprobieren. Archiv-Foto: Gogol
Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, besucht Steglitz-Zehlendorf und schaut sich dabei das Geheime Staatsarchiv, das Jagdschloss Grunewald und das neue Kunsthaus Dahlem an. Thema der Gespräche ist auch der Wegzug der Dahlemer Museen und des Alliierten-Museums.
Die Freiwillige Feuerwehr in Lichterfelde feiert ihr 40-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür.
Das Kunsthaus Dahlem wird eröffnet. In den sanierten und umgebauten Räumen des einstigen NS-Staatskünstlers Arno Breker am Käuzchensteig soll Nachkriegskunst ausgestellt werden.
Auf der Domäne Dahlem wird das Culinarium eröffnet. Es soll den Besucher auf 800 Quadratmetern die Kulturgeschichte der Ernährung nahe bringen – von 1830 bis heute.
Der BFC Preussen hat zwei neue Trainer: Timo Szumnarski und Guido Spork übernehmen den Berlin-Liga-Aufsteiger von den scheidenden Trainern Andreas „Zecke“ Neuendorf und Levent Selim. Nach acht Spieltagen aber ist Schluss für das neue Trainergespann, das die Erwartungen des Vereins nicht erfüllen kann.
Mit einem Autokorso zur Britischen Botschaft demonstriert die Belegschaft des Berliner Dosenwerks Rexam am Dienstag gegen die zum Jahresende geplanten Schließung des Werkes an der Goerzallee – vergeblich.
Bezirksstadtrat Norbert Schmidt (CDU) geht in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Frank Mükisch. Er übernimmt wie sein Vorgänger die Ressorts Stadtentwicklung und Soziales.
„Hier wird protestiert, weil keiner Investiert“: Mit einem „Schülerstreik“ protestieren die Schüler im Bezirk gegen den Sanierungsstau an ihren Schulen. Vom Rathaus Zehlendorf aus ziehen mehrere hundert Schüler nach Steglitz und fordern mehr Geld für Bildung.
Die Polizei ehrt zwei Steglitzer, die dazu beitrugen, dass zwei Ladendiebe geschnappt werden konnten. Die Steglitzer hatten die Verfolgung der Täter aufgenommen und die alarmierte Polizei zu ihnen geführt.
(go)













Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“ Die Rede im Wortlaut können Sie hier nachlesen.
Der Vorwurf der Zensur wiegt schwer, und er wird gestützt durch die nun veröffentlichten Dokumente. Darin findet sich eine Nachricht der Jugendbibliothekarin der Ingeborg-Drewitz-Bibliothek an die anfragende Künstlerin. „Wir sind sehr interessiert an einer Kooperation“, schreibt die zuständige Expertin. „Das Thema ist auch spannend für uns und unseren Bezirk, da wir im vergangenen Jahr bereits gute Erfahrungen mit queeren oder Drag-Veranstaltungen gemacht haben.“
Hier wird deutlich, dass die Stadträtin offenbar kein Vertrauen in die Expertise ihrer Mitarbeiter hat. Daniel Eliasson findet das hoch problematisch. „Gerade weil Kultur und Bildung niemals unpolitisch sind, ist es Aufgabe der Politik, ihre Freiheit zu schützen, und nicht ihre Inhalte zu bestimmen“, sagt der Grüne Bezirksverordnete. Dafür stehe auch Ingeborg Drewitz, die über Menschen geschrieben habe, die an den Rand gedrängt wurden und sich gegen Zensur gewandt habe. „Kinder müssen vor Gewalt, Armut, Ausgrenzung und Hass geschützt werden, nicht vor Vielfalt.“
An dieser Stelle hätte die Rede Eliassons an diesem Montag enden können, doch aus aktuellem Anlass schiebt er noch eine persönliche Botschaft nach. Am Morgen war der Grüne in Südende im Rahmen des Straßenwahlkampfes attackiert worden. Der Kandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus hatte sich nach antisemitischen Äußerungen eines Passanten als Jude zu erkennen gegeben. Die Auseinandersetzung eskalierte und Eliasson wurde wüst beschimpft und entging nur knapp einem Faustschlag.
Noch sichtlich unter dem Eindruck der Ereignisse stehend, mahnte der 29Jährige Vielfalt auch hinsichtlich religiöser Zugehörigkeit an: Wenn, wie Tage zuvor geschehen, auf einer Veranstaltung der Linken in Neukölln „Yalla Yalla Intifada“ (Tod allen Juden) gerufen werde, sei das nicht hinnehmbar.
An genau dieser Stelle stellten die Veranstalterinnen Eliasson das Mikrofon ab. Er habe seine Redezeit überschritten, worauf ihn zuvor jedoch niemand hingewiesen hatte. Es sei abgemacht gewesen, dass der Wahlkampf aus den Reden herausgehalten werden sollte, was der Politiker als „Lüge“ bezeichnet.
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Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (