Am Ende der Saison 2013/14 stand der F.C. Hertha 03 Zehlendorf als Berliner Fußball-Meister in der Berlin-Liga fest und stieg eine Klasse höher auf, in die NOFV-Oberliga Nord. Die Heimspiele von Hertha Zehlendorf in der Berlin-Liga begleitete stets ein älterer, aber noch sehr rüstiger und aktiver Mann als Stadionsprecher: Günter Kunz, damals bereits 82 Jahre alt. Heute ist sein 86ster Geburtstag.
Nach dem Aufstieg in die Oberliga gab es für den Verein einige Auflagen, unter anderem bei den Heimspielen Ordner zu stellen. Günter Kunz gab nun das Mikro zu Beginn der Oberliga-Saison 2014/15 an einen jüngeren Stadionsprecher weiter, setzte sich aber bei seiner aktiven Unterstützung des Vereins keinesfalls zur Ruhe: Statt ins Mikro zu sprechen, Mannschaftsaufstellungen, Tore und Einwechselungen anzusagen, zog er ich sich zu jedem Heimspiel die offizielle gelbe, grell leuchtende Ordnerweste über und fungiert nun schon seit vier Jahren als Ordner.
Er lässt die Spieler der Gastmannschaft, die Schiedsrichter und andere Offizielle ins Stadion und passt mit Argusaugen darauf auf, dass niemand unberechtigt und vor allem ohne zuvor gekaufte Eintrittskarte ins Stadion gelangt. Schon über eine Stunde vor Spielbeginn nimmt er seine Position ein und streift erst lange nach Spielende seine Ordnerweste wieder ab. Bei seiner Ordner-Tätigkeit, die er somit mehrere Stunden ohne Pause stehend verrichtet, ist er stets höflich und zuvorkommend, begrüßt alle mit einem freundlichen Lächeln, kann aber auch, wenn’s sein muss, sehr bestimmt auftreten.
Bei keinem Auswärtsspiel, ob in Rostock, Frankfurt/Oder oder in Rathenow fehlt Günter Kunz, er hat die Ehre, meistens im PKW des Präsidenten mitzureisen.
In seiner übrigen Freizeit ist Günter Kunz auch sehr aktiv, er spielt noch ab und zu Fußball, geht regelmäßig zum Schwimmen und jeden Dienstagnachmittag ist er beim Tischtennis in der Zehlendorfer Onkel-Tom-Sporthalle nur selten zu schlagen. Auch Karikaturen zu malen, gehört unter anderem zu seinen Hobbys.
Günter Kunz wurde am 1. Februar 1932 als Sohn des Zahntechnikers Willi und der Hausfrau Frieda Kunz in Berlin-Wilmersdorf geboren und wuchs mit vier Brüdern und zwei Schwestern auf. Als Zehnjähriger kam er während des Krieges mit der Kinderverschickung (KV) nach Kärnten, wo er vier Jahre lang bis 1946 lebte. Eine seiner Freizeitbeschäftigungen war damals das Fußballspielen, allerdings immer barfuß. Unterrichtet und später auch gefördert wurde er von Otto Wiese, dem späteren Bürgermeister von Rüdersdorf. Otto Wiese war in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein berühmter Stürmer bei Tennis Borussia.
Zurück in Berlin lernte Günter Kunz ab 1947 den Beruf des Dekorateurs. In seinem langen Arbeitsleben war er in verschiedenen Berufssparten unter anderem als Polstermöbelhersteller, als Zimmermann und kurzzeitig auch einmal in der Hochseefischerei beschäftigt.
Seit fast 40 Jahren lebt er nun mit seiner Frau in Zehlendorf. Damals war er noch beim TuS Makkabi aktiv, spielte dort in der 2. und 3. Herrenmannschaft Fußball und coachte die Ü40, mit der er 1987 sogar Berliner Meister wurde.
Seit nunmehr 30 Jahren hat er am Siebenendenweg beim F.C. Hertha 03 Zehlendorf sein zweites Zuhause gefunden. Man sieht ihn dort als Zuschauer bei den Fußballspielen der verschiedenen Mannschaften der Herren, Damen oder Jugend, aber vor allem bei allen Spielen der 1. Herren, egal ob bei Meisterschafts-, Pokal- oder Testspielen und egal auch bei welchem Wetter. Auf alle Fälle aber sieht man ihn immer bei den Heimspielen der 1. Herren in der NOFV-Oberliga Nord im Ernst-Reuter-Stadion in seiner Funktion als wohl ältester Ordner in einem Berliner Fußball-Stadion.
Eberhard Schwartz













Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
[caption id="attachment_104335" align="aligncenter" width="300"]
Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (