Lampros Savvidis tritt für die Linken als Direktkandidat in Steglitz-Zehlendorf an. Foto: Savvidis

Heute stellen wir die Nummer zwei auf den Wahlzetteln vor. Für die Linke tritt Lampros Savvidis als Direktkandidat in Steglitz-Zehlendorf an. Der 64-Jährige wurde in Griechenland geboren und kam 1968 als politischer Flüchtling nach Deutschland. Der studierte Elektrotechniker tritt zum erste Mal als Direktkandidat an.

StadtrandNachrichten: Herr Savvidis, woher müsste ich als Steglitz-Zehlendorferin Sie kennen?

Lampros Savvidis: Sie können mich erst dann kennenlernen, wenn ich für die Linke aktiv geworden bin und mich für die Verwirklichung unseres Programms einsetze. Unsere erste Begegnung fand ja bei der Podiumsdiskussion über den Forschungsreaktor in Wannsee statt, worüber Sie in Ihrer Zeitung auch berichtet hatten.

SN: Steglitz-Zehlendorf gilt als konservativer Bezirk. Die Linken haben es hier nicht einmal in die Bezirksverordnetenversammlung geschafft. Warum treten Sie für die Linke hier als Direktkandidat an?

Savvidis: Die Zehlendorfer sind ja nicht alle Millionäre, und die Steglitzer schon gar nicht. Wohlhabende Menschen gibt es zwar in Zehlendorf, weshalb die CDU dort bisher immer stark war. Trotzdem sind auch dort Menschen, die man für das Programm der Linken gewinnen kann. Ein Beispiel: Wie erwähnt, gab es kürzlich eine Podiumsdiskussion um die Stilllegung des Forschungsreaktors in Wannsee. Viele Zehlendorfer setzen sich dafür ein.

SN: „Armut beseitigen, Reichtum umverteilen“ lautet einer der Slogans, mit denen die Linke wirbt. Glauben Sie, dass Sie damit im einkommensstärksten Bezirk Berlins punkten können? Ist das nicht gewagt?

Savvidis: Nein, das ist es nicht, schon gar nicht, wenn man den Doppelbezirk Steglitz-Zehlendorf mit seiner sozial unterschiedlichen Bevölkerung im Blick behält. Die Linke appelliert an die Vernunft der Menschen. Es geht dabei um wichtige Werte wie Ethos und Solidarität. Wenn man sieht, dass in den vergangenen 20 Jahren die soziale Schere immer weiter aufgeklafft ist – das heißt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer geworden sind – dann ist es Zeit zu begreifen, dass das Vermögen umverteilt werden muss. Im Übrigen ist daran zu erinnern, dass diese soziale Polarisierung infolge der „Sozial“politik der SPD und der Grünen – Stichwort „Agenda 2010“ – zustande kam, deren Ergebnisse CDU und FDP gern übernommen und nie gemildert haben.

SN: Gerechtigkeit ist ja das große Schlagwort der Linken. Was bedeutet denn für Sie Gerechtigkeit?

Savvidis: Gerechtigkeit bedeutet, dass ein Mensch die Stärken und die Schwächen seiner Mitmenschen zur Kenntnis nimmt, ohne dass der Stärkere den Schwächeren ausnutzt, sondern ihm hilft. Das sagen eigentlich auch alle Weltreligionen. Ich bin zwar Agnostiker, trotzdem finde ich vieles, was Jesus Christus gesagt hat, gut. Und er sagte zum Beispiel, wenn jemand zwei Hemden hat, dann soll er eines abgeben an jemanden, der keines hat.

SN: In Ihrem Wahlprogramm geht es auch um den neuen Flughafen BER in Schönefeld. Sie sagen, dass das Geld lieber in Straßen und Schulen fließen soll. Heißt das, der Flughafen nicht fertig gebaut werden soll?

Savvidis: Das habe ich nicht gemeint. Bei diesem Flughafen wurden aber unglaublich viele und für alle Steuerzahler teure Fehler gemacht, angefangen von Fehlkalkulationen. Man hat damit gerechnet, dass man mit zwei Milliarden auskommt, jetzt hat sich die Summe verdoppelt. Da sollten die Verantwortlichen endlich mal ihre Arbeit richtig machen! Es wurde so viel gepfuscht, zum Beispiel bei der Brandschutzanlage. Man hätte eine Menge Geld sparen können. Was ich aber auf jeden Fall stoppen möchte, ist das Stadtschloss. Das ist absolut überflüssig. Die Zeit der Könige und Kaiser ist vorbei und kehrt auch nicht mehr zurück. Deshalb braucht man auch kein Stadtschloss, sondern eine den heutigen Bedürfnissen entsprechende Architektur.

SN: Beim Flughafen geht es ja auch um Themen wie Flugrouten und Lärm. Wie stehen Sie dazu?

Savvidis: Über Wohngebieten sollte nicht geflogen werden. Die Bevölkerung sollte man schützen, auch vor Lärm, und nicht in Gefahr bringen.

SN: In Ihrem Wahlprogramm treten Sie gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Sie sind selbst einst als politischer Flüchtling aus Griechenland nach Deutschland gekommen. Wie beurteilen Sie die derzeitige Diskussion um die Flüchtlinge in Berlin?

Savvidis: In Berlin sind nach amtlichen Angaben 6.472 Asylsuchende in Heimen untergebracht. Das ist eigentlich kein Problem für eine Stadt mit über drei Millionen Gesamtbevölkerung. Das aktuelle Unterbringungsproblem liegt unter anderem daran, dass die Bezirksverwaltungen wegen der in den Vorjahren sinkenden Flüchtlingszahl Unterkünfte geschlossen beziehungsweise beseitigt haben. Flüchtlinge wird es leider auch in Zukunft geben, da in zahlreichen Regionen der Welt die bewaffneten Konflikte zunehmen und die Armut wächst. Letztere ist übrigens auch eine Folge steigender Umweltkatastrophen. Globlisierung dürfen wir nicht einseitig nur im Hinblick auf Märkte und Absatz verstehen, sondern auch im Hinblick auf Verantwortungsübernahme für Menschen, die direkt und indirekt durch unseren Konsum, unsere Verschwendung und unsere Umweltschäden leiden.

SN: In Steglitz-Zehlendorf werden zwar die unbegleiteten Jugendlichen betreut, aber es gibt nur wenige Unterkünfte für Flüchtlinge. Muss da noch etwas getan werden im Bezirk?

Savvidis: Auch Steglitz-Zehlendorf steht diesbezüglich in der Pflicht. In diesem Bezirk wären zudem Asylsuchende sicherer als in den sozialen Brennpunkten Hellersdorf oder Marzahn.

SN: Sie fordern innerhalb Europas mehr Solidarität. In der Krise hat Deutschland viele finanzielle Verpflichtungen übernommen, reicht das nicht an Solidarität?

 Savvidis: Als die Krise begann und vielleicht noch hätte abgefangen werden können, fehlte die Solidarität. Im Gegenteil, es gab eine regelrechte Hetzkampagne von konservativen Medien und Politikern gegen das griechische Volk. Mir hat das wirklich wehgetan. Aber das Schlimmste ist: Griechenland wurde inzwischen aufgrund des Sparzwangs ruiniert. Griechenland hatte zwar keine starke Wirtschaft und keine effektive Verwaltung, aber vor 2008 gab es diese Schuldenberge nicht. Die Hetze gegen Griechenland brachte auch dessen Zahlungsfähigkeit in Misskredit. Die Ratingagenturen haben die Bonität des Landes auf „Ramsch“ herabgestuft. Damit stiegen die Zinsen, die Griechenland für Kredite zahlen muss, von ein bis zwei Prozent auf sechs bis sieben Prozent. Durch diese Zinslasten sind eine Menge weiterer Schulden entstanden. Deutschland als Kreditgeber hat unmittelbar vom Zinswucher profitiert, weswegen ein Schuldenschnitt den größten Alptraum der deutschen Finanzindustrie darstellt. Auch bundesdeutsche Politiker haben den Griechen pauschal vorgeworfen, faul und Betrüger zu sein – das ist Rassismus. Unser Hauptproblem aber sind die Banken, die sich in der internationalen Finanzkrise von 2008 verspekuliert hatten. Um sie retten, hat man die Bankenschulden auf die Steuerzahler abgewälzt. Von dem Geld, das angeblich nach Griechenland fließt, kommen vielleicht drei Prozent beim griechischen Volk an. Der Rest bleibt bei den Banken, damit sie ihre Wucherzinsen ausgleichen.

SN: Diese „Hetzkampagne“ von der Sie sprechen, haben Sie als Person  oder auch die griechische Gemeinde, der Sie vorstehen, dies zu spüren bekommen?

Savvidis: Alle Griechen in Berlin und Deutschland, ob innerhalb oder außerhalb von Gemeinden, haben die negativen Auswirkungen der Hetzkampagne zu spüren bekommen. Man begegnet Griechen jetzt mit Vorurteilen und Häme an.

SN: Wäre es für Sie eine Lösung, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet?

 Savvidis: Da habe ich eine andere Position als meine Partei. Die Linke sagt, dass man den Euro beibehalten soll. Ich aber glaube, dass man mit dem Euro die griechische Wirtschaft kaputt gemacht hat. Der Beitritt zur Eurozone war für die exportschwache griechische Wirtschaft nicht passend, man hätte es lieber sein lassen sollen. Aber wir Griechen sind gute Europäer, angeblich sogar die Erfinder Europas, wenn man von unseren Mythen ausgeht. Die Aussicht auf eine gemeinsame europäische Währung erschien vielen Griechen zunächst reizvoll. Vor lauter Begeisterung haben wir vergessen, dass wir nicht für den Euro und eine Währungs- und Wirtschaftszone mit so großen Unterschieden vorbereitet waren. Das Ausscheiden aus dem Euro wäre für die griechische Wirtschaft besser, vor allem besser für die Investoren. Mit der Rückkehr zu unserer nationalen Währung, der Drachme, könnte beispielsweise Griechenland wieder exportieren. Und auch der Tourismus käme wieder auf die Beine.

SN: Sie schlagen als Lösung für die Krise einen Schuldenerlass und eine Art „Marshallplan“ vor. Wie soll der aussehen und wie soll der finanziert werden?

Savvidis: Der Marshallplan hat der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg sehr geholfen. Auch Schulden wurden damals erlassen. Ich verstehe nicht, warum wir das heute nicht auch so machen. Ein Schuldenschnitt wäre für Griechenland lebensrettend. Stattdessen gibt es Spritzen wie für einen moribunden Patienten: Man hält uns am Tropf, lässt uns aber nicht genesen. Das ist nicht die richtige Lösung. Besser wäre es, in das Land zu investieren, mit geringen oder gar keinen Zinsen.

SN: Es gibt derzeit ein Projekt in Steglitz-Zehlendorf, wo Jugendlichen aus Griechenland die Möglichkeit geboten werden soll, im Bezirk eine Ausbildung zu machen. Ist das eine Möglichkeit, um mehr Verständnis für einander zu schaffen?

Savvidis: Das kann man natürlich nur begrüßen. Es gab auch ein Projekt zwischen einer Kreuzberger Schule und einer Schule aus Korinth. Das kann ich ebenfalls nur gut heißen, im Sinne der Völkerverständigung. Allerdings bin ich mir auch schmerzlich bewusst, dass die Jugendarbeitslosigkeit in meiner Heimat inzwischen über 60 Prozent erreicht hat. Deutschland, das noch vor kurzem in vielen Berufssparten unter Nachwuchssorgen litt, kann dank der in Südeuropa zusammengebrochenen Arbeitsmärkte sowie der in Osteuropa teilweise nur schwachen nationalen Arbeitsmärkte die best- und hochqualifiziertesten jungen Fachkräfte übernehmen, ohne einen Cent für ihre Schul- und Hochschulbildung bezahlt zu haben.

SN: Wenn wir schon bei den Schulen sind: Sie fordern eine neue Art von Bildung. Weniger fachtechnisch, dafür eher darauf ausgelegt, die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme unserer Zeit zu lösen. Steht mit den Linken eine neue Schulreform an?

Savvidis: Wir wollen mehr Qualität, bessere Schulen, mehr fachgerechtes Lehrpersonal in den Schulen und Hochschulen. Außerdem sind andere beziehungsweise neue Lehrinhalte gefragt. Es geht darum, Menschen so auszubilden, dass sie imstande sind, besser Zusammenhänge zu erkennen und sich auf Veränderungen einzustellen. Es geht darum, ihnen erkenntnismäßige Instrumente in die Hand zu geben, mit denen sie nicht nur eng fachliche und berufliche Anforderungen meistern, sondern auch ihr politisches und soziales Leben.

SN: Sie wollen, dass die fünf-Prozent-Hürde abgeschafft wird, weil Sie sie undemokratisch finden. Was wollen Sie stattdessen?

Savvidis: Man sollte die Hürde mindern, vielleicht auf drei Prozent. Dann kommen auch kleine Parteien, die sich sehr engagieren, in die Parlamente, zum Beispiel Freie Wählergemeinschaften. Dies zielt in die Richtung der direkten Demokratie. Der Bürger wird wenig gefragt, wenn erst die Wahlen vorbei sind. Die Angeordneten entscheiden in ihrer Legislaturperiode von vier Jahren allein, was passieren soll. Ich unterstütze Volksbegehren wie das zur Rekommunalisierung der Energie. Man hätte die Abstimmung darüber auf den Tag der Bundestagswahl legen können. Doch die Abgeordneten wollen nicht, dass der Wille des Volkes zum Tragen kommt. Wenn die SPD mitgemacht hätte, hätten wir durchsetzen können, dass die Abstimmung in Berlin am 22. September stattfindet, so wie in Hamburg.

(go)