Vollkommen durchgedreht, verrückt und absolut chaotisch – wer sich auf das Abenteuer „Alice im Wunderland“ im Forum Steglitz einlässt, erlebt eine rasante Reise durch das Shoppingcenter und die Höhen und Tiefen des alltäglichen Konsumwahnsinns.
Bereits vor dem Forum beginnt das Spiel. Alice ist eigentlich in Eile, sie hat ein Vorstellungsgespräch. Sie telefoniert aufgeregt und laut – und zieht damit die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. So wird es noch häufig sein während des 80-minütigen Schauspiels der Theatergruppe MS Schrittmacher. Denn die Truppe agiert nicht im geschlossenen Center, sondern mittendrin im täglichen Gewühl der Kauflustigen, der Windowshopper und jener, die sich dort nur so die Zeit vertreiben.
Wie auch im Roman von Lewis Carroll ist es ein Kaninchen, das Alice mitnimmt ins „Wunderland“ Forum, das zunächst in den Katakomben liegt. Plötzlich findet sich Alice dort wieder, wo die Weihnachtsdekoration und die Plakate der Ausstellung über die Schloßstraße lagern, begraben von Schaufensterpuppen-Armen und -Beinen. Dort ist das Reich von Herrn Maus, der seine Puppen mit Namen anspricht, sich mehr Sorgen macht um seine Plastikmenschen als um seine reale Besucherin. Er ist auch, der – notgedrungen – Alice Zutritt verschafft zur Wunderwelt. Und dort begegnennn wir ihnen allen wieder, den vertrauten Gestalten aus Carrolls Geschichte: der Raupe als Verkäuferin, der Grinsekatze als Securitymann. Auch die Geschichte von der falschen Suppenschildkröte greift Regisseur und Mastermind der Gruppe, Martin Stiefermann auf. In der wunderbar abstrusen Lesung aus dem Tagebuch eines alternden Soapstars, der selbst nicht erkennt, wie überflüssig er geworden ist in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn erlegen ist. Was auch Alice im Stück mehrmals zu hören und zu spüren bekommen wird.
Nach etlichen Stationen in den Geschäften des Forums, bepackt mit zahlreichen bunten Tüten, willenlos dem Kaufrausch ergeben, weiß die gestresste alleinerziehende Mutter gar nicht mehr, wer oder was sie eigentlich ist. „Wer ich war, heute früh beim Aufstehen, das weiß ich schon, aber ich muss seither einige Male vertauscht worden sein“, gesteht sie. Doch vielleicht bringt noch mehr Einkaufen die Heilung, verleiht der Mitvierzigerin eine neue, junge, dynamische Persönlichkeit?
Schließlich trifft Alice auch auf den König (Centermanager) und die Königin (Distriktleiterin). Ihr „köpft sie“ aus Carrolls Roman übersetzt Stiefermann zum „Kopf ab“ der modernen Gesellschaft, zu einem „Ihr seid gefeuert“.
Der Gerichtsprozess erwartet Alice schließlich an der Warenausgabe von innova: Paybackkarte oder Gutscheine? Null-Prozent-Finanzierung? Darfs noch etwas mehr sein? Nicht für Alice. Sie wacht schließlich auf.
Es ist dieses besondere Mischung aus Spiel, Musik, Tanz und Wahnsinn, die nicht nur Zuschauer in ihren Bann zieht, sie immer wieder zum Schmunzeln anregt, sondern auch „normale“ Einkäufer stehen und staunen, ja sogar eine Weile zuschauen lässt.
Stiefermanns Stück ist keine platte Kritik am Konsum, sondern er zeigt die leichte Verführbarkeit, die Versprechen von Schönheit und Jugendlichkeit, denen doch so viele gerne lauschen. Und dass in einem selbst auch ein wenig dieser Alice steckt, merkt man spätestens dann, wenn man in den Läden zwischendurch seinen Blick über die Angebote schweifen lässt oder sich nach dem Stück selbst noch kurz dem Bummeln hingibt – wenn man denn schon einmal da ist.
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Weitere Vorstellungen von „Alice im Wunderland“ gibt es am 2. und 3. sowie vom 6. bis 10. August jeweils um 15 und 18 Uhr im Forum Steglitz. Treffpunkt ist vor dem Eingang. Karten kosten 19,50 Euro, ermäßigt 11,50 Euro. Empfohlen ist das Stück ab zwölf Jahre.
(go)













Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (