Bezirksstadträrin Christa Markl-Vieto gab das Schild frei, auf dem der neue Name des unbenannten Platzes steht. Foto: Gogol

An das Leben, Wirken und Sterben des Ehepaares Georg und Hedwig Flatow erinnern seit Sonntag Stolpersteine und ein Platz in Schlachtensee.

Vor dem Haus Niklasstraße 5 ließ die Evangelische Kirchengemeinde Schlachtensee die Stolpersteine für das Ehepaar Flatow und seine Tochter Ilse verlegen. Das Haus sei ein Zufluchtsort gewesen, der spätere Professor der Freien Universität Ernst Fraenkel nannte es „eine Institution“, die eine Idee verkörperte – die Idee des sozialen Fortschritts, berichtete Dirk Jordan von der Arbeitsgruppe „Spurensuche“ der Kirchengemeinde in seiner Rede.

Über das Ehepaar sei wenig bekannt, so Jordan, von Georg Flatow gibt es nur ein Bild. Was aber von ihm blieb, quasisein Vermächtnis, ist sein Kommentar zum Betriebsrätegesetz, an dem Flatow mitgearbeitet hatte. Noch heute basiere das Betriebsverfassungsgesetz, das die Mitwirkung von Arbeitnehmer regelt, auf dem Betriebsrätegesetz von 1920 würdigte Gewerkschafter Joachim Elsholz die Bedeutung des Dokuments. Um kein Gesetz habe die Arbeiterschaft mehr gerungen als um dieses, so Elsholz. Es schaffte eine neue Kultur im Umgang zwischen arbeitenden Menschen und ihren Arbeitgebern. Die Kommentare Flatows zum Gesetz seien wichtig für die ehrenamtlichen Betriebsräte gewesen, weil sie aufzeigten, wie das Gesetz im Alltag angewandt werden konnte.

Die Nationalsozialisten setzten das Gesetz außer Kraft, nach Ende des Zweiten Weltkrieges aber wurde mit einem neuen Betriebsrätegesetz der Alliierten an die Arbeit Flatows angeknüpft – eine Arbeit die bis heute andauere.

1933 hatten die Nationalsozialisten die Karriere des jüdischen Juristen, der 1918 in den Dienst der Reichsregierung getreten war, beendet. Die Machtübernahme der Nazis 1933 habe sie entwurzelt, las Jordan aus einem Brief der Flatow-Tochter Ilse vor. Das Ehepaar blieb in Deutschland, obwohl es mehrfach die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätten. Doch die beiden wollte helfen – das war Teil ihres sozialistischen Denkens; „Man kann nicht das sinkende Schiff verlassen“ sei ihr Lebensmotto gewesen. 1938 jedoch wurde Georg Flatow ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, konnte es aber nach fünf Wochen wieder verlassen. 1939 emigrierten Flatows dann doch – nach Amsterdam, wo sie 1943 verhaftet wurden. Vor 70 Jahren, am 12. Oktober 1944, bestiegen Flatows den Eisenbahnwaggon von Theresienstadt nach Auschwitz, danach verliert sich ihre Spur. Der 12. Oktober gilt heute als der Todestag von Georg und Hedwig. Genau diesen Tag hatte man sich für die Ehrung ausgesucht.

Der Platz an der Lindenthaler Allee/Rhumestraße/Niklasstraße, der nun den Namen von Georg und Hedwig Flatow trägt, sei zwar ein „namenloser aber kein geschichtsloser Platz“ gewesen, klärte Jordan die Zuhörer auf. Am 7. September 1935 hatten die Nationalsozialisten dort das erste und einzige antisemitische Denkmal errichten lassen. Es ehrte den antisemitischen Schriftsteller und Verleger Theodor Fritsch. Bereits 1887 hatte Fritsch seinen „Antisemiten-Katechismus“ veröffentlicht, der in vielen deutschen Haushalten gelesen wurde und den Weg bereitete für den Nationalsozialismus. Zur Einweihung des vom Zehlendorfer Bildhauer Arthur Wellmann geschaffenen Denkmals, das einen Germanen zeigte, der mit einem Hammer ein drachenartiges Untier erschlägt, kamen hohe Vertreter der NSDAP, der SS und der Wehrmacht, auch Goebbels und Leni Riefenstahl waren geladen.

Das Denkmal war nur ein Auftakt – es folgten zahlreiche Umbenennungen von Straßen in Schlachtensee. 1943 verschwand das „Schandmal“, wurde von den Nazis für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen.

Nun erinnert an jenem Platz eine Tafel an Opfer des Judenhasses – nicht nur an Flatows, sondern „an alle Steglitz-Zehlendorfer, die gequält, verfolgt und ermordet wurden“, so Elsholz.

Bezirksstadträtin Christa Markl-Vieto (Grüne), die den Einsatz von Georg und Hedwig Flatow für den sozialen Fortschritt gewürdigt hatte, gab die Gedenktafel frei.

(go)