
Als „Boulevard Berlin“ wurde das alte Wertheim-Kaufhaus im April wiederöffnet. Foto. Denkmalschutzbehörde
Denkmal des Monats Juli 2012 ist das Wertheim an der Schloßstraße. Bereits vor gut einem Jahr war das Kaufhaus zum Denkmal des Monats gekürt worden, damals als das Richtfest gefeiert wurde. In diesem Monat sollen die „Stationen seiner Rückgewinnung“ im Fokus stehen, insbesondere die Fassade des 1952 nach Plänen von Hans Soll fertiggestellten Kaufhauses.
Bereits während der 1920er Jahre lockte die Einkaufs- und Kulturmeile, insbesondere der Titaniapalast, Millionen Besucher in den Berliner Südwesten. Kein Wunder also, dass der Wertheim Konzern schon in der Zeit der Weimarer Republik südlich des Kinos einen großen „Kaufhausdampfer“ plante: mit überdachten Sonnendeck als Terrassenrestaurant und durchlaufendem Schaufenster. Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg beendeten die Pläne, an die der Hamburger Architekt Hans Soll in den 1950er Jahren anknüpfte. Er realisierte mit dem Wertheim in der Schloßstraße 1952 Berlins erstes Kaufhaus seit Blockade und Luftbrücke. Es bekam allerdings mehr maritime Züge. Die abgerundete Gebäudeecke zur Treitschkestraße zeigt wie ein Bug in die Stadt. Der hoch aufragende Treppenhausturm zur Schildhornstraße bietet eine fünfgeschossige Kommandobrücke, die sich mit elegant vor Rundsäulen gebogenen und Geschoss hohen Fenstergläsern in die Straßentrasse öffnet, mit Bullaugen zur gegenüberliegenden Häuserzeile. Selbstverständlich die Sonnenterrasse, als Panoramadeck im Norden und mit Flugdach geschütztes Feinschmeckerlokal im Süden. Schnittig das umlaufende Vordach über der in Glas aufgelösten Nullebene, die den Dampfer mit seinen Warenauslagen in das deutsche Konjunkturwunder schweben lässt.
In den nächsten Jahren wurde der Bau mehrmals angepasst. Als 1967 die südlich angrenzende Gründerzeitbebauung für Autobahn und Tiburtiusbrücke abgerissen wurde, entstand zur Schildhornstraße der letzte Erweiterungsanbau. Er führte zum Verlust des offenen und großzügig geschwungenen Treppenhauses an der einstmaligen Südostecke. Dazu kam ein Parkhaus parallel zur Brückenrampe für die „Konjunkturlokomotive“ Pkw. Um die insgesamt vier Bauabschnitte Wertheims unter einem Fassadenkleid zusammenzufassen, bediente sich Hans Soll Ende der Sechziger Jahre eines vor gehängten hohen Lamellenkostüms.
Es folgten Jahre routinierter Vernachlässigung. Reparaturen führten zu gestalterischen Missbildungen, Traufkanten verklobten, Eingänge wurden umsortiert, Mobilfunkantennen und Klimatechnik ersetzten Dachterrassenbesucher. Der einst schicke Dampfer saß fest.
Als das benachbarte Karstadt-Warenhaus von dem Planungsbüro Ortner und Ortner neugestaltet und revitalisiert wurde, wollte der gleiche Bauherr Wertheim in Gänze ersetzen. Die Wiener Architekten aber erkannten unter den Lamellen die von wenigen Denkmalpflegern gepriesenen Qualitäten. Gemeinsam wurde der Bauherr davon überzeugt, ein Stück Nachkriegsmoderne als Identifikation stiftende Adresse zu nutzen und wieder erlebbar zu machen.
Die aus den Erweiterungsbauabschnitten geborgenen Keramikfliesen dienten der Schadensbehebung am Ursprungsbau. Die Schaufenster wurden originalgetreu nachgebaut und mit eleganten schwarzen Stahlrahmen und messinggetriebenen Aufsatzprofilen fein differenziert. Stürze und Sockel erhielten ihre schwarz glänzenden Paneele zurück. Ein Tribut an den Erhalt und Rückgewinn der Fassade ist hingegen die neue, nach links gerückte Erschließung des rücklings angedockten Neubaukomplexes und die im Raster des Stahlbetons geöffneten Fensterformate. Dafür wurde der in den 1980er Jahren eingebrochene Zugang in der abgerundeten Ecke im Norden wieder mit einer gewölbten Verglasung geschlossen.
(Dr. Jörg Rüter/sn)