
Das Harnack-Haus begründete den Mythos von Dahlem und ist Denkal des Monats August. Foto: Denkmalschutzbehörde
Die Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf hat sich im August dazu entschieden, einen Mythos zm Denkmal des Monats zu wählen, den Dahlem-Mythos, repräsentiert im Harnack-Haus an der Ihnestraße.
„Sie finden vieles, was Sie vielleicht als unmodern ansehen, das aber gewissen, im Unterbewusstsein der Bewohner schlummernden Bedürfnissen gerecht wird.“ Carl Sattler, der Architekt des Harnack-Hauses der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KGW) sah sich im Mai 1929 bei der Erstbesichtigung gegenüber der internationalen Presse in der Defensive. So mancher erwartete in Erinnerung an die Worte Adolf von Harnacks einen eher der Moderne verpflichteten Bau. Als Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek unterstrich er den „Grenzen überschreitenden Charakter der Wissenschaft“. Die Dahlemer Nachbarn verstanden den niedrigen, in zwei Teile gegliederten Bau ohne Prunk und Luxus durchaus als einen integrativen Beitrag in dem von Villen geprägten Südwesten Berlins.
Der große Hörsaal zur Ihnestraße und der mit einem schmalen Verbinder angeschlossene Tagungsbau zur Brümmerstraße bilden das Programm, mit welchem die KWG in den Weimarer Jahren ihre Krieg bedingte Isolation durch Gastfreundschaft, Völkerverständigung und hochkarätige Spitzenforschung aufbrechen wollte. Allein der „Aufruf an die Kulturwelt“ von Oktober 1914, mit dem mehr als einhundert renommierte Wissenschaftler des Deutschen Kaiserreiches gegen die Schuldzuweisung der Zerstörung der Bibliothek von Löwen durch deutsche Soldaten protestierten, rückte sie neben den gravierenden Folgen des Versailler Friedensvertrages ins internationale Abseits. Daher war es ebenso programmatisch, dass Reichsaußenminister Gustav Stresemann die KGW unterstützte und mit seiner feierlichen Eröffnungsrede den 78-jährigen Präsidenten der KWG und Theologen Adolf von Harnack ehrte. Zum Gelingen des Projektes trugen ferner zahlreiche Unternehmer wie Carl Duisberg sowie Gewerkschaften und Privatleute mit Spenden bei. Das Reich konnte für den Bau bei Inflation und Wirtschaftskrise gerade mal 1,5 Millionen Reichsmark aufbringen. Preußen überließ der KWG Grund und Boden.
Das Harnackhaus erlebte eine kurze Blüte 1929 als Forum wissenschaftlicher Exzellenz – bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Nobelpreisträger und ihre Schüler begründeten mit den „Dahlem-Mythos“, der heute dem Campus der Freien Universität und den Instituten der nunmehr nach Max-Planck benannten Gesellschaft anhaftet.
Nachdem für den amerikanischen Präsident Harry S. Truman im Harnack-Haus auf dem Weg zur Potsdamer Konferenz eine geeignete Bleibe gefunden worden war, folgten als Nutzer die Offiziere der US-Alliierten. Aus der Begegnungsstätte der Wissenschaft wurde ein Kasino der Besatzungsmacht, der große Vorlesungssaal zum Marines Club. Aber schon 1947 gründete sich hier auch die „Dahlemer Musikgesellschaft“ mit Konzerten von Yehudi Menuhin oder Walter Gieseking, um durch die Einnahmen die Berliner Philharmoniker zu unterstützen. Die deutsch-amerikanische Freundschaft unterstrichen fortan gemeinsame Veranstaltungen auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte und Kultur.
Nach der Verabschiedung der US-Marines im Jahr 1994 entschied sich die Max-Planck-Gesellschaft sechs Jahre später neben ihrem Hauptsitz in München das Harnack-Haus wieder seiner ursprünglichen Nutzung zu zuführen. Die nunmehr abgeschlossene Rückgewinnung bauzeitlicher Raumtypologien und Gestaltqualitäten sind der ab 2011 realisierten Planung der Lübecker Architekten Feyerabend und Sippel zu verdanken.
Dr. Jörg Rüter
Max-Planck-Gesellschaft, Bundesarchiv, Denkmalschutzbehörde












Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]