Das Klinikum Steglitz ist das jüngste Denkmal im Bezirk. Fotos: Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf

Der letzte Neuzugang auf der Denkmalliste des Bezirks Steglitz-Zehlendorf ist das Klinikum Steglitz  – heute  der Charité Campus Benjamin Franklin. Das Klinikum wurde von 1961 bis 1968 erbaut und ist damit nicht nur ein aktueller Neuzugang, sondern auch eines der jüngsten Baudenkmäler im Bezirk.

Die 1960er Jahre sind von ambivalenter Bedeutung für die Denkmalpflege. Zum einen verursachte die florierende Baukonjunktur großflächige Zerstörungen historischer Stadtstrukturen, was wiederum zur Folge hatte, dass in den Bundesländern erstmals juristisch bewehrte Denkmalschutzgesetze verabschiedet wurden. Zum anderen brachte diese Epoche selbst bedeutende Gebäude von namhaften Architekten hervor, deren Prüfung auf Denkmalwürdigkeit längst
nicht abgeschlossen ist.

Bis zur vorletzten Jahrhundertwende wird Architektur allgemein als schön empfunden. Die folgende Moderne hat es bis zum Weltkulturerbe geschafft. Die Architektur der 1930er Jahre versteht man als Zeichen und Mahnmal ihrer Zeit. Auch die verspielt-verschrobenen Nachkriegsjahre sind inzwischen anerkannt. Doch mit den Gebäuden der folgenden Jahrzehnte tut man sich schwer. Dabei waren die 60er Jahre eine Zeit des breiten Wohlstandes. Fern von Ölkrise und Arbeitslosigkeit sah man vergleichsweise zuversichtlich in die Zukunft.

Bauboom der 1960er Jahre

Die öffentliche Hand baute üppig die kriegszerstörte Infrastruktur wieder auf. Es entstanden Rathäuser, Universitäten, Schulen, Kirchen, Krankenhäuser, Konzertsäle und Museen. Statt kleinteiliger lockerer Strukturen wie in den 50er Jahren setzte man jetzt auf Dichte. Der kompakte Großkomplex wurde bevorzugt und Beton das beliebteste Baumaterial. Doch mit Ausnahme weniger prominenter Bauten wie Scharouns Philharmonie oder Mies van der Rohes Nationalgalerie werden die Gebäude dieser Zeit vor allem als sanierungsbedürftige Betonklötze gesehen, die zudem noch durch Asbest, Formaldehyd und eine unzureichende Energiebilanz belastet sind. Problematische Großsiedlungen, die häufig zu sozialen Brennpunkten geworden sind, tragen zum schlechten Image der Epoche bei.

Umso interessanter, dass der Sonderbau am Teltowkanal, das Klinikum Steglitz, alle Kriterien der Denkmalwürdigkeit erfüllt: Teilungsbedingt fehlte der Medizin der Freien Universität der Anschluss an ein Lehrkrankenhaus und dem Berliner Südwesten ein ausreichendes Kontingent an Krankenhausbetten. Die US-amerikanische Benjamin-Franklin-Stiftung, die schon den Bau der Kongresshalle unterstützt hatte, stellte mit 60 Millionen D-Mark ein Drittel der zunächst veranschlagten Kosten bereit. Der Bau wurde 1958 beschlossen.

Bedingung der Amerikaner war, dass nach Standards neuester Kliniklogistik gebaut wird. Das stark auf die leitenden Chefärzte einzelner Abteilungen orientierte System sollte zu einer effektiven interdisziplinären Zusammenarbeit reformiert werden. Die Stiftung stellte den Kontakt zu den Architekten Nathaniel Cortlandt Curtis Jr. & Arthur Quentin Davis aus New Orleans her, die mit großen, komplexen öffentlichen Bauaufträgen in den USA reüssierten. Mit dem Berliner Kontakt- Architekten Franz Mocken übernahmen sie die Planung.

Modernster Klinikbau Europas

1968 wurde der modernste Klinikneubau Europas eingeweiht, der erste Krankenhausneubau, der neben 1.426 Betten und 19 Operationssälen auch alle Institute, Kliniken und Hörsäle unter einem Dach beherbergte. Der enorme Raumbedarf von 160.000 Quadratmeter konnte nur in einer kompakten Bauweise gelöst werden.

Es entstand ein Baukörper von 113 mal 233 Meter, der als selbstbewusst auftretender Solitär in der von Villen geprägten Bebauung Lichterfeldes jeden Maßstab sprengt, sich gleichwohl zwischen Schlosspark Lichterfelde und Bäkepark am Ufer des Teltowkanals einfügt. Die gewaltige Baumasse wurde geschickt untergliedert: Auf einem rechteckigen durch Innenhöfe aufgelockerten Flachbau, der den Büro- und Verwaltungsbereich, Versorgungseinrichtungen und Hörsäle
aufnimmt, erheben sich drei Bauteile, in der Mitte der Behandlungstrakt mit den Polikliniken, den Laboratorien und den Operationssälen, flankiert von zwei leicht angewinkelten Bettenhäusern. So gelang es, dem komplizierten Geflecht aus 18 verschiedenen medizinischen Abteilungen mit allen Behandlungs- und Pflegebereichen und dem Universitätsbetrieb eine systematische Ordnung sowie  ein städtebauliches und architektonisches Gesicht zu geben.

Die vier großen Bauteile sind durch Zwischengeschosse deutlich voneinander abgesetzt und haben entsprechend der Funktion unterschiedliche Fassadengestaltungen. Flachbau und Behandlungstrakt sind mit einer vorgesetzten Ornamentfassade, dem sogenannten „Screen“, aus Betonfertigteilen versehen. Der Screen dient als Sonnen- und Sichtblende. Durch diesen Vorhang, der sich nur zu den Eingangsbereichen öffnet wird eine homogene Fassade geschaffen und gleichzeitig dem monumentalen Gebäude die Schwere genommen. Ähnliche Fassaden finden sich zeitgleich im amerikanischen Botschaftsbau. In Deutschland kennt man sie vor allem aus der Kaufhausarchitektur
von den Horten- und Centrums-Warenhäusern.

Ganz anders sind die Bettenhäuser gestaltet. Im Gegensatz zum Behandlungstrakt sind sie nicht mit dem Flachbau verbunden sondern schweben auf Betonstützen scheinbar unabhängig von den restlichen Bauteilen. Während der Betonscreen des Verwaltungsbaus und Behandlungstrakts die Räume verschattet und keinen direkten Blick von innen nach außen und umgekehrt zulässt, sind die Fassaden der Bettenhäuser so gestaltet, dass möglichst viel Licht in die Zimmer dringt . Hierzu ist der Gebäudekörper mit einer gläsernen Hülle, die zimmerweise zurückspringt, versehen. Homogenität wird hier durch ein rahmendes Trägerfachwerk aus Beton erreicht, welches das Geschoss hohe Raster nachzeichnet und Verbindung zu den anderen Fassaden schafft. Auch die Innenräume zeigen bemerkenswerte Qualität. Zeittypisch wurden Sichtbeton, Glas und Holzpaneele verwendet. Hervorzuheben sind die Licht durchflutete Eingangshalle, die Kappelle mit farbiger Verglasung, die ehemalige Schalterhalle und die Hörsäle für die Studenten.

Sanierungsstau

Heute leidet das Klinikum Steglitz unter akutem Instandhaltungs-Stau. Die Beton-Ornamentik der Fassaden muss weitreichend erneuert und die Baukörper energetisch saniert werden. Bei der Größe des Gebäudes eine Herkulesaufgabe, die nur langfristig zu realisieren ist. Vorrangig werden die Innenräume nach medizinischen Anforderungen saniert. Derzeit steht der Umbau der Operationssäle an. Aber auch dort zeigt sich der Vorteil des „Screens“, der es ermöglicht, neue Fensteröffnungen so zu realisieren, dass sie von außen betrachtet nicht zu sehen sind.

Bei  einem ersten Rundgang durch das Gebäude waren die Mitarbeiter der Denkmalschutzbeg überrascht und erfreut, wie viel qualitätvolle Originalsubstanz vorhanden ist. „Wir konnten uns auch davon überzeugen, wie sehr Nutzer und alle am Gebäudemanagement Beteiligten die Funktionalität und Gestaltung des Klinikums schätzen“, so Sabine Schmiedeke von der Denkmalschutzbehörde.

Man ging im Unterhalt und Planung behutsam mit der Substanz um und entwickelte denkmalgerechte Sanierungskonzepte für den „Screen“. Aus Sicherheitsgründen jedoch entfernten alpine Kletterer mit Hand und Hammer vorerst die defekten Betonteile. Sie ertüchtigten die Knoten des außen liegenden Tragwerkes mit Stahlmanschetten. „Das Erscheinungsbild des Klinikums Benjamin-Franklin zu erhalten und wiederherzustellen, sind wir unserem baulichen Erbe, vor allem aber der US-amerikanischen Aufbauhilfe schuldig.“

Währenddessen warten unweit am Hindenburgdamm das Institut für Hygiene und medizinische Mikrobiologie sowie an der Krahmerstraße die Zentralen Tierlaboratorien auf ihre bauhistorische Würdigung. Sie sollen bald ihrer Nutzung verlustig gehen. Damit wäre die Denkmalschutzbehörde  in der Denkmalerfassung der 1970er Jahre angelangt.

(Sabine Schmiedeke; Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf)