
Hanfpflanzen, Flachs und Roggen im Museumsdorf Düppel | © Stadtmuseum Berlin
Ein Gesetz, das Unsicherheiten schafft und plötzlich keiner mehr da, der zuständig ist: Aufgrund einer Gesetzeslücke droht in diesem Jahr der Anbau von Nutzhanf im Museumsdorf in Düppel auszufallen.
Hanf (bot. cannabis salvis) ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Ursprünglich vermutlich aus Zentralasien kommend, hat sich das Gewächs über Jahrtausende in den gemäßigten bis tropischen Regionen der Welt verbreitet. In Europa sind die ältesten Funde rund 5.500 Jahre alt und stammen aus Thüringen.
Allein in den vergangenen Jahrhunderten wurden Teile der Pflanze vielfältig verwendet. Für die Jagd nutzten die Menschen Bogen mit Hanffasern, die enorme Zugkräfte aushalten. Die Schifffahrt war ohne Hanfseile und Segeltuch aus Hanf nicht denkbar. Gutenberg druckte im Jahr 1455 seine Gutenberg-Bibel auf Hanfpapier. Hanfsamen sind gesund und lecker.
Wenn also das Museumsdorf Düppel – Bildungsauftrag: Leben im Mittelalter – möglichst authentisch einen Teil der Berliner Geschichte erlebbar machen will, gehört der Anbau von Hanf dazu. Genau jetzt im April wäre die Zeit, die Saat auszubringen. Weil Cannabis nicht gleich Cannabis ist und die Herstellung von Rauschmittel ausgeschlossen werden soll, braucht es dafür eine Genehmigung. Im Unterschied zum Nutzhanf gibt es nämlich auch Sorten, die als Arznei- und Drogenpflanzen verwendet werden.
Die Sorten lassen sich genau unterscheiden. Als Arznei- und Drogenpflanze können nur blühende weibliche Pflanzen verwendet werden; aus deren getrockneten Blättern oder dem Harz wird dann Marihuana beziehungsweise Haschisch hergestellt. Durch die Verwendung von entsprechendem Saatgut lässt sich der Anbau gezielt steuern.
Eigentlich könnte man die Sache mit der einfachen Verpflichtung zur Verwendung eines bestimmten Saatgutes regeln. Die bürokratische Hürde einer behördlichen Genehmigung wurde dennoch Gesetz, und die sogenannte Rauschklausel im Betäubungsmittelrecht schwebt immer wie ein Damoklesschwert über den Hanfbauern. Demnach gilt Cannabis grundsätzlich als verboten, unabhängig davon, ob es sich um Rauschcannabis oder Nutzhanf handelt. Nutzhanf ist davon nur ausgenommen, wenn sichergestellt ist, dass ein Missbrauch zu Rauschzwecken ausgeschlossen ist.
Diese Konstruktion führt in der praktischen Handhabung zu erheblichen Unsicherheiten: „Die Rauschklausel behandelt den nicht berauschenden Nutzhanf wie ein potenzielles Drogenproblem und blockiert damit sinnvolle Anwendungen“, erklärt Felix Drewes, der zweite Vorsitzende des Vereins Nutzhanf-Netzwerk e. V. „Anders als Cannabis zu Rauschzwecken enthält Nutzhanf nur sehr geringe Mengen des berauschenden THCs und ist praktisch nicht geeignet, eine berauschende Wirkung zu erzielen. Die Annahme eines möglichen Missbrauchs beruht daher lediglich auf rein theoretischen Annahmen“, so der Nutzhanf-Experte.
Als wäre das nicht kompliziert genug, tun sich nun neue Hürden auf. Wie das Berliner Stadtmuseum mitteilt, wurde im Zuge von Gesetzesänderungen die Zuständigkeit für den Nutzhanfanbau auf die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) übertragen. „Diese ist jedoch ausschließlich für landwirtschaftliche Betriebe zuständig. Für Einrichtungen wie Museen, die Hanf zu Bildungs- und Forschungszwecken anbauen möchten, gibt es derzeit keine zuständige Genehmigungsbehörde mehr“. Die Folge: Der Anbau von Textilhanf muss eingestellt werden.
„Wir zeigen im Museumsdorf nicht nur Gebäude, sondern ganze Lebenswelten mit Feldern, Tieren und Nutzpflanzen. Hanf gehört historisch einfach dazu – ohne ihn ist das Bild unvollständig“, erklärt Museumsleiterin Julia Heeb. „Besucherinnen und Besucher konnten bislang alle Verarbeitungsschritte nachvollziehen und teilweise selbst erproben, etwa bei der Herstellung von Seilen aus Hanffasern. Während der Sommerferien wird die Seilerei täglich betrieben. Das Publikum kann nicht nur Seile aus Hanfgarn herstellen, anhand von Anschauungsstücken von Materialien und Werkzeugen werden auch die verschiedenen Arbeitsschritte der Hanfverarbeitung vom Stängel zum Seil erklärt.“
„Hier entsteht eine Lücke, die wichtige kulturelle und wissenschaftliche Arbeit verhindert“, so Julia Heeb. „Unsere Forschung zur historischen Nutzung von Nutzhanf ist ein einzigartiges Projekt, das Geschichte erfahrbar macht und weit über das Museum hinaus Bedeutung hat.“
Auch andere Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie Demonstrationsprojekte seien betroffen, berichtet das Stadtmuseum Berlin. Damit Programme zur Hanfverarbeitung im Museumsdorf Düppel wieder stattfinden können, müsse die Gesetzeslücke schnell geschlossen werden. „Ziel sollte es sein, den Anbau von Nutzhanf zu wissenschaftlichen, musealen und pädagogischen Zwecken auch außerhalb klassischer landwirtschaftlicher Betriebe wieder zu ermöglichen.“
Daniela von Treuenfels
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Max Liebermann, Wannsee, 1925, Pastell, Privatbesitz[/caption]
Erneut lädt die Liebermann Villa in ihrem diesjährigen Jubiläumsjahr zu einer außergewöhnlichen Ausstellung ein, mit der sie eine kreative Facette des Künstlers Max Liebermann präsentiert, die selten im Focus der Öffentlichkeit steht: Liebermanns Pastelle, seine Welt in Kreide.
von Ulrike Meyer
Waagerecht liegend, sorgfältig verpackt in speziellen Klimakisten und hoch versichert, so erreichten die wertvollen Pastellbilder von Max Liebermann das gleichnamige Museum am Wannsee.
Über 100 Pastelle hat Liebermann der Nachwelt hinterlassen und nun gibt es in seinem ehemaligen Sommerhaus die Gelegenheit, eine besondere Auswahl der zum Teil unbekannten Werke zu bewundern. Zu verdanken ist dies der großzügigen Unterstützung privater Sammler, der Düsseldorfer Galerie Ludorff und der Sammlung Mathis + Roland, Berlin, in Kombination mit ausgewählten Werken, die im Besitz der Liebermann Villa sind.
„Es ehrt uns, dass zahlreiche private Leihgeber aus ganz Deutschland uns ihr Vertrauen schenken und wir diese Werke hier am Wannsee zeigen dürfen“ - so Viktoria Bernadette Krieger, Projektleiterin der Ausstellung.
Lichtgeschützt, in sanft abgedunkelten Räumen und auf zartem, grauen Grund strahlen die Pastelle mit ihrer intensiven Leuchtkraft den Gästen entgegen. Dieses dezente und zugleich elegante Ambiente ist eine ideale Bühne, auf der sich der Zauber der Liebermannschen Pastelle entfaltet.
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Max Liebermann, Blumenbeet im Wannseegarten mit Blick auf den Fischotterbrunnen, 1919, Pastell auf Velin, Privatbesitz[/caption]
In den späten 1880er Jahren, Liebermann war längst als anerkannter Künstler etabliert, entdeckte er für sich den Reiz der Pastellmalerei, die er durch seinen Kollegen Edgar Degas kennengelernt hatte. Liebermann schätzte, trotz dessen antisemitischer Haltung, den künstlerischen Wert Edgar Degas', und er war von dessen Pastellarbeiten beeindruckt. Der französische Modernist, der sich schon zehn Jahre früher als Liebermann mit dem Medium Pastell auseinandersetzte und u.a. seine berühmten Ballettszenen mit Pastellkreiden schuf, war der Vorreiter in der modernen Pastellmalerei. Auf seine Veranlassung kreierte Gustave Sennelier für ihn eine spezielle Farbpalette, die bis heute berühmten Ecu-Pastellkreiden, von denen es mittlerweile ein großes Sortiment von 525 Farbtönen gibt.
Liebermann entwickelte im Laufe der Jahre aus der Zeichnung heraus seine Pastelltechnik. Mit der farbigen Kreide löste er sich von starren Konturen, er arbeitete spontaner, sein Stil wurde zunehmend leichter und skizzenhafter. Er nutzte haptisch die gesamte Bandbreite der Maltechnik, die ihm die Pastellkreide bot: Er verwischte und vermischte die Kreide mit den Fingern, verrieb sie mit den Handballen, glättete sie mit einem Estompen und stäubte oder schichtete die Kreide zu leuchtenden Motiven. Als Malgrund dienten ihm spezielle Papiere wie Bütten, Ingres, Velin, Karton oder Graupapier, auf deren Oberflächen die pudrige Kreide gut haften blieb. Liebermann adelte das Pastell als ein eigenständiges Medium. Stilistisch wurde er zunehmend freier, er rückte das Motiv zugunsten der reinen Bildwirkung in den Mittelpunkt, konzentrierte sich auf den Strich und ließ auch Leerstellen als Bildakzente zu.
In einem Aufsatz von 1898 zu Edgar Degas charakterisierte Liebermann das Zeichnen mit Pastell als „eine rein sinnliche Kunst, die nicht zu verstehen, sondern nur zu empfinden ist“.
Die Pastellkreiden ermöglichten dem Impressionisten Liebermann dieses sinnliche Malen vor Ort. Mit ihnen konnte er schnell und unmittelbar seine Empfindungen und Beobachtungen mit weichen, samtigen Kreidestrichen umsetzen, denn Pastellkreiden eignen sich hervorragend, um en plein air zu arbeiten, sie sind unkompliziert zu transportieren und liegen leicht in der Hand.
Sophia Peix, Kuratorin und wissenschaftliche Volontärin, maßgeblich für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung verantwortlich, beschreibt Liebermanns Arbeitsweise mit den Worten:
Die Pastelle Liebermanns „folgen weniger einer ausgearbeiteten Komposition als einer direkten Reaktion auf das Gesehene und eröffnen so einen besonderen Zugang zur Wahrnehmung des Künstlers“.
Seinen Motiven blieb der Künstler auch bei seinen Pastellen treu - vor allem die atmosphärisch dichten Strandszenen von seinen holländischen Sommerurlauben in Noordwijk beeindrucken. Sie zeugen von einer derart ästhetischen Reduktion, dass durch Liebermanns Konzentration auf das Wesentliche, die Küste mit ihrer Weite, ihren Wellen und ihrer Gischt unmittelbar spürbar wird.
Für Liebermanns Strandbilder mit dem Medium Pastell bewunderte ihn auch sein Zeitgenosse, der Kunstkritiker Harry David, der 1912 im Berliner Tageblatt schrieb:
„[E]ntzückende[…] kleine[…] Pastellskizzen: grünliches Meer mit regengrauem Himmel und den feinen, so lebendigen Figuren im Hintergrund. [Es ergibt sich] nicht nur Weichheit, sondern zuweilen eine Tiefe und Fülle des Tones, die kaum von der Oelfarbe übertroffen wird. Und geradezu überraschend ist es, daß [Liebermann] auf solchen Blättchen mit diesem trockenen Kreidestaub auch das helle Sonnenlicht zu geben weiß.“
Lebendige Ansichten aus dem Berliner Tiergarten, flirrende Wannseebilder, aber auch sehr private Szenen aus seinem Familienleben wie die zarte Pastellskizze seiner Enkelin Maria Riezler als Kleinkind - die Bandbreite der Motive Liebermanns fasziniert.
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Max Liebermann, Kleiner Lockenkopf - Maria Riezler, die Enkelin des Künstlers im Kinderwagen, 1918, Pastell, Galerie Ludorff,[/caption]
Und immer wieder fängt Liebermann die blühende Pracht seines Gartens ein, der für ihn nach seinen Wünschen und Ideen von dem Berliner Stadtgartendirektor Albert Brodersen gestaltet wurde. Besonders in seinen späteren Lebensjahren wurde der kunstvoll angelegte Garten zu seinem Refugium und zu einer bedeutenden Inspirationsquelle. In dem großen Ausstellungsraum der Villa offenbaren farbkräftige Pastelle Liebermanns Liebe zu seinem Garten, zeigen mit dem detailverliebten Blick des Künstlers die Gartenanlage in ihrer ganzen jahreszeitlichen Blütenfülle und aus immer neuen Perspektiven. Es sind unter anderem diese Pastelle, die den Gärtnern der Liebermann Villa als Vorlage dienen und ihnen ermöglichen, den Garten auch heute noch im Sinne Liebermanns zu hegen und zu pflegen. Damals wie heute blühen in Liebermanns Garten farbstarke Blumensorten wie die gelbe Goldrute, der blaue Sommersalbei, Löwenmäulchen, gelbe, orangene und rote Mädchenaugen und gelbe Riesensonnenhüte. Auch für die Gäste des Museums ist der Garten mit seiner wechselnden Blütenpracht und dem Blick auf den Wannsee eine unvergleichliche Oase.
Hier „am authentischen Ort seines Schaffens, können wir die blühende Farbwelten, die Besuchende in den Sommermonaten im Künstlergarten finden, mittels dieser Werke auch in unsere Ausstellungsräume holen“ - so Dr. Evelyn Wöldicke, Direktorin der Liebermann-Villa.
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Max Liebermann, Der Rosengarten in Wannsee, um 1928, Pastell auf Velin, Galerie Ludorff, Düsseldorf[/caption]
Es sollte aber noch bis zu seinem 80. Geburtstag im Juli 1927 dauern, bis auch die Pastelle von Max Liebermann als eigenständige Werkgruppe in einer großen Ausstellung der Öffentlichkeit gezeigt wurden. 1927 realisierte der Verleger und Kunsthändler Bruno Cassirer mit 80 Arbeiten Liebermanns die erste große Pastellausstellung. Damals bewunderte der Kunstkritiker Karl Scheffler die Entwicklung dieser Werkgruppe im Œuvre des Berliner Malers mit den Worten „zu einem geschmeidigen Werkzeug der Impression hat er das Pastell gemacht.“
Die Einzelausstellung der 80 Pastelle war eine besondere und auch weitere Würdigung für den Künstler Max Liebermann, der 1927 anlässlich seines 80. Geburtstags auch zum Berliner Ehrenbürger ernannt wurde.
Nun feiert die Liebermann Villa knapp hundert Jahre später ihren Namensgeber mit einer exquisiten Ausstellung, indem sie den Focus auf die Werkgruppe seiner Pastelle setzt und ehrt so in besonderer Weise eine weniger bekannte Facette Max Liebermanns, einen der bedeutendsten Künstler der Moderne.