Pfarrerin Katrin Rudolph (Mitte) und die Jugendarbeiter des Bezirks gestalteten einen bewegenden Gottesdienst. Foto: Gogol

Mit einem bewegenden Gottesdienst erinnerte am Shoa-Gedenktag der Kirchenkreis Steglitz an die Opfer der Naziherrschaft.

Millionen Tote sind eine so unvorstellbare Zahl, dass die Jugendarbeiter des Kirchenkreises exemplarisch das Leid einiger Steglitzer Juden thematisierten, die Heimat und Leben verloren haben. Da der Kirchenkreis für die Stolperstein-Verlegung im Bezirk zuständig ist, konnten die Jugendmitarbeiter auf die Recherchen zurückgreifen.

„Wir denken an jene, die andere vergessen machen wollten; wir geben jenen eine Stimme, die verstummt sind“, so Pfarrerin Katrin Rudolph in ihrer Predigt in der Markus-Kirche.

Wie dem 1862 geborenen Julius Heimannsohn, der 1941 Grund und Boden verlor und in das „Judenhaus“ von Alex Seelig an der Baseler Straße 27 umziehen musste. Dort zog auch der Arzt Hugo Schönfeld ein. Der Arzt verlor zunächst seine Approbation, dann sein Haus. 1942 wurde er, wie viele seine neuen Nachbarn aus der Baseler Straße 27, nach Theresienstadt deportiert. Und so wurden die zwangsweisen Wohngemeinschaften auf Zeit zwangsweise wieder auseinander gerissen. Frühere Nachbarn erfuhren nur, wenn sie versuchten in Kontakt zu bleiben, dass aus dem Umzug eine Deportation wurde.

Im Gottesdienst wurde auch daran erinnert, dass Familien getrennt wurde. So wie die von Ruth Agnes Simon und ihrer Schwester Etta. Vater Heinrich Simon war Anwalt und Notar. Da er Jude, seine Frau „Arierin“ war, waren die Kinder sogenannte „Geltungsjuden“. Die beiden jungen Frauen mussten Zwangsarbeit leisten bei Zeiss Ikon. Sie mussten aus der Wohnung der „arischen“ Mutter ausziehen und wurden ins Sammellager an der Großen Hamburgischen Straße gebracht, bevor auch sie nach Theresienstadt deportiert wurden. Ruth Agnes starb dort ein Jahr nach ihrer Deportation – sie war nur 29 Jahre alt. Ihre Schwester gehörte zu den wenigen Überlebenden.

Die Jugendarbeiter erinnerten an die Pogromnacht, daran, dass jüdische Unternehmer ihre Geschäfte aufgeben mussten und daran, dass hochgelobten, ausgezeichneten und geachteten Mitbürgern ihre Würde genommen wurde. Wie Otto Morgenstern, Gymnasiallehrer in Lichterfelde, Bezirksverordneter und Mitbegründer des Schlossparktheaters, der mit 80 Jahren plötzlich seine Pension verlor und ohne Einkünfte dastand. Er starb nur nach wenigen Monaten in Theresienstadt.

„Sie lebten in Steglitz – ihre Leben wurden ausgelöscht“, so Rudolph. Doch nicht nur den jüdischen Opfern, auch den verfolgten und getöteten Sinti und Roma, Homosexuellen, geistig und körperlich Behinderten sowie politisch Verfolgten galt die Fürbitte der Menschen in der Kirche an diesem Abend.

 (go)