
Wolfgang Holtz und Maren Hoff vom Institut für Medizinische Diagnostik enthüllten gemeinsam die Gedenktafel. Foto: Gogol
An eine weltweit agierende Firma, an einen Weltmarktführer aus Steglitz erinnert seit Mittwoch eine kleine Gedenktafel am Gebäude des Instituts für Medizinische Diagnostik an der Siemensstraße. Von 1897 bis 1921 war auf dem Gelände an der Ecke Nicolaistraße die Neue Photographische Gesellschaft zu Hause (NPG).
„Ich kann gar nicht sagen, was die NPG im fototechnischen Bereich nicht gemacht hat“, sagte Wolfgang Holtz bei der feierlichen Einweihung. Der Steglitzer Heimathistoriker hat nicht nur ein großes Wissen zur Geschichte der NPG, sondern auch eine umfangreiche Sammlung zum Unternehmen. Allein 10.000 Postkarten haben der Steglitzer und seine Frau gesammelt, immer wieder kämen neue Stücke hinzu, so seit neustem die Versicherungskarte Nummer 1 einer Telefonistin der NPG.
Die Zuhörer, die zur Einweihung der Tafel gekommen waren, ließ Holtz teilhaben an seinem Wissen zur NPG.
Am 5. Juli 1894 hatte der Ostpreuße Arthur Schwarz seinen fotografischen Betrieb in Schöneberg gegründet. Fotografien aber auch fotografisches Papier und Bedarfsartikel stelle die NPG damals her. Schnell wuchs die GmbH, der Platz in Schöneberg wurde zu klein – und so zog das Unternehmen 1897 an die heutige Siemensstraße. Zwei Jahre später wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die NPG war weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, es gab Tochterunternehmen in London, Paris, Rom und New York. Zum zehnjährigen Bestehen arbeiteten 650 Angestellte bei der NPG – einige Jahre später bereits fast doppelt so viele. Fast 40.000 Postkarten verließen am Tag das Werk, berichtete Holtz. Es gab Bilder der Hohenzollernfamilie, von Skulpturen, Zoobilder, Landschaftsbilder und Städteansichten aber auch jede Menge Kitschkarten. Es gebe allein 16.000 verschiedene Ansichtskarten, so Holtz. Nur eines habe die NPG nicht gemacht: Vor der eigenen Haustür fotografiert. Es habe nur neun Motive aus Steglitz in seiner Sammlung, berichtete er – und erklärte, er würde einiges geben, um weitere zu bekommen.
Doch nicht nur für ihre Postkarten war die NPG bekannt. Sie machte sich auch einen Namen als Hersteller lichtempfindlichen Fotopapiers, vor allem Bromsilberpapier, das im Rotationsverfahren verwendet wurde. NPG war Innovator, entwickelte Belichtungsmaschinen, mit dem die Fotoherstellung mit Hilfe von Glasplatten abgelöst wurde und entwickelte die „Kilometerfotografie“, mit der diese große Menge an Postkarten überhaupt erst produziert werden konnten. Auch die Grundlagen der heutigen Farbfotografie wurden in den Laboren an der Siemensstraße entwickelt, von Dr. Rudolf Fischer. Dessen Sohn war am Mittwoch genauso zur Einweihung der Gedenktafel gekommen wie der Enkel des Firmengründers.

Im Institut für Medizinische Diagnostik ist eine Ausstellung zur Geschichte der NPG zu sehen. Foto: Gogol
Doch nicht nur im innovativen und produktiven Bereich war die NPG vorbildlich, sondern auch im sozialen. So gab es unter anderem eine eigene Fabrikkrankenkasse, die eine kostenlose ärztliche Behandlung, Medikamente und Krankengeld gewährleistete, es gab Weihnachtsgeld und bezahlten Urlaub.
Der Erste Weltkrieg markierte den Niedergang des Unternehmens, das 1921 von der Dresdner „Mimosa“ übernommen wurde.
„Bis vor einem Jahr wussten wir gar nicht, auf welchem geschichtsträchtigen Ort wir unsere Firma errichtet haben“, berichtete der kaufmännische Leiter des seit 1994 auf dem Gelände ansässigen Instituts für Medizinische Diagnostik, Holger Scheidle. Eine Mitarbeiterin war es schließlich, die die Ausstellung von Wolfgang Holtz und seiner Frau zur NPG in Eichwalde gesehen hatte und ihrem Chef davon berichtete. Der nahm Kontakt zu Holtz auf – einem Mitschüler vom einstigen Tannenberg-Gymnasium. Aus Gesprächen entstand so schnell die Idee zur Gedenktafel und mehr. Denn neben der Enthüllung der Tafel wurde auch die Eröffnung einer kleinen Dauerausstellung mit Dokumenten zur Geschichte der NPG eröffnet. Diese ist ab sofort montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr auf dem unteren Flur des Instituts zu sehen.
(go)













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