Eberhard Diepgen (Mitte) erinnerte sich an die Ereignisse vor 25 Jahren und die Herausforderungen, die der Mauerfall mit sich brachte. Foto: Gogo

28 Jahre lang waren Steglitz-Zehlendorf und die Stadt Teltow von einer Mauer getrennt – am Sonntag feierten beide Kommunen gemeinsam den Mauerfall vor 25 Jahren.

Los ging das Fest mit dem mittlerweile 11. Teltowkanal-Halbmarathon. Gestartet an der Knesebeckbrücke in Steglitz-Zehlendorf führte die Strecke auf dem ehemaligen Mauerstreifen entlang. Mehr als 1.600 Läufer aus 17 Nationen gingen gegen 10.30 Uhr an den Start – zwischen zwei nachempfundenen Mauerteilen, die Kinder bunt verziert hatten.

Am Nachmittag wurde es dann politischer. Zu einer Gesprächsrunde darüber, wie sie den Mauerfall erlebt hatten, welche Herausforderungen es gab und wie weit die Einheit heute schon vorangeschritten ist, nahmen auf dem Podium in Teltow  der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, Steglitz-Zehlendorfs Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt, sowie die beiden Geistlichen Superintendenten i. R. Matthias Corbach, ehemals Kirchenkreis Teltow, und Gottfried Kraatz, ehemals Kirchenkreis Zehlendorf, Platz.

Er habe vor Glück geweint, als er vom Mauerfall erfuhr, erinnerte sich Schmidt. 1984 hatte er einen Ausreiseantrag gestellt, den Dienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) verweigert – „für mich war jegliche Entwicklung abgeschnitten.“

Corbach hatte gegen Mitternacht von dem Mauerfall erfahren und sich sofort auf den Weg zur Invalidenstraße gemacht. „Es war eine unglaubliche Nacht“, so der damalige Superintendent, der als 15-Jähriger aus der DDR ausgewiesen worden war. Bei der Synode am nächsten Tag habe die Wannsee-Gemeinde komplett gefehlt – sie begrüßte und betreute Besucher aus Potsdam und Umgebung.

Diepgen erinnerte sich daran, dass er sich darum sorgte, ob die Sowjetunion die Ereignisse in Berlin hinnehmen würde und ob es zu Gewalt kommen würde. Auch Schmidt sagte, dass er damals stets den Hintergedanken gehabt habe, ob das gut gehen werde. Erst Mitte des Jahres 1990 sei die Sorge gewichen.

Die größte Herausforderung beim Zusammenwachsen Berlins und Deutschlands sah Diepgen vor allem in sozialen Fragen. Man müsse „Respekt haben für die unterschiedlichen Lebensleistungen“ in Ost und West, forderte er. Was er bedauerte war, dass man manches vorschnell entschieden oder verworfen habe. „Wir waren getrieben vom Ziel, zu Ergebnissen kommen zu müssen.“

Die Worte „fertig“ oder „vollendet“ beim Thema Wiedervereinigung findet der ehemalige Regierende Bürgermeister „doof“. Man müsse sich auch weiterhin „strebend bemühen“, zitierte er Goethe. Unterschiede an alten Demarkationslinien festzumachen, hält er für falsch.

Teltow und Steglitz-Zehlendorf trenne nicht mehr als die Landesgrenze, so Schmidt. Er und sein Amtskollege Kopp berichteten, wie gut beiden Kommunen zusammenarbeiten, etwa beim Thema Infrastruktur, bei der besseren verkehrlichen Anbindung, beim Thema Fluglärm – und an Tagen wie diesem.

„Freiheit ist das Wichtigste auf der Welt“, betonte Gunther Gabriel und erntete dafür lauten Applaus. Der Sänger nahm im zweiten Teil der Diskussionsrunde Diepgens Platz ein, der zur offiziellen Feierstunde entschwand, und sorgte mit seiner lockeren und flapsigen Art für manche Lacher. Er habe immer an die Wiedervereinigung geglaubt, sagte Gabriel. Geweint habe er, als er aus dem Fernsehen erfuhr, dass die Mauer geöffnet wurde. Am nächsten Tag machte er sich sofort auf dem Weg nach Berlin, um dort mit den Berlinern zu feiern. Gabriel hatte zuvor schon selbst Bekanntschaft mit dem Unrechtssystem der DDR gemacht, saß dort dreimal im Gefängnis, weil er seine Meinung offen vertrat, seine Lieder waren verboten.

Gabriel war aber nicht nur zum Reden gekommen. Nach der Diskussionsrunde und dem Auftritt der Big Band der Musikschule Leo Borchard griff auch Gabriel zur Mikrophon, um zu singen.

 (go)