
In der Lorenzstraße gilt eine zeitweise Temporeduzierung. | Foto: John Mark Shorack
Auf rund einem Viertel der Berliner Hauptstraßen gilt eine mindestens zeitweise Temporeduzierung. Wir zeigen die Tempo 30-Zonen in Steglitz-Zehlendorf und die Stellen, an denen Bürger sich mehr Sicherheit durch langsameren Autoverkehr wünschen.
Norwegen vollzieht gerade einen radikalen Wandel. Standard innerhalb geschlossener Ortschaften ist ab sofort Tempo 30. Bisherige Vorgaben, also Tempo 50, gelten zwar weiterhin. Aber im Zweifel, also beispielsweise auf Grund eines Änderungsantrags, muss die Gemeinde darlegen, warum sie an der bisherigen Geschwindigkeit festhalten will. Zur Einordnung hat die norwegische Verkehrsbehörde Maßstäbe festgelegt, die allgemein gelten. So muss in der Nähe von Schulen eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h angeordnet werden. Nach den neuen norwegischen Vorgaben müsste auf einer Straße wie der Thielallee Tempo 40 gelten. Weil der neue Radfahrstreifen nicht physisch von der Fahrbahn für den motorisierten Verkehr getrennt ist, wird Tempo 50 als zu unsicher eingestuft.
Das Besondere an dieser Neuerung im nördlichsten Land Europas ist die Umkehr der Beweislast. Nicht mehr Anwohner oder Schulgemeinschaften müssen erklären, warum sie einen bestimmten Straßenabschnitt für unsicher halten. Sondern die Gemeinde muss darlegen, warum sie die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gewährleistet sieht.
Dagegen leisten in Berlin und weiten Teilen der Republik Bürgerinnen und Bürger mühevolle Überzeugungsarbeit. „Erhöhte Geschwindigkeit, rücksichtsloses Fahrverhalten und mangelnde Aufmerksamkeit im Straßenverkehr sind die entscheidenden Risikofaktoren im Unfallgeschehen“, schreibt Ulrich Clemens von der Bürgerinitiative Sundgauer Straße in einem Beitrag, den wir kürzlich veröffentlicht haben. Aktuell gilt auf der Sundgauer Straße zwischen Clayallee und Dahlemer Weg tagsüber Tempo 50, zwischen Clayallee und Berliner Straße ist aufgrund des Lärmschutzes nur zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens Tempo 30 erlaubt.

Ein „Geisterrad“ erinnert an der Sundgauer Straße an eine tödlich verunglückte Radfahrerin. | Foto: Ulrich Clemens
In den fünf Jahren zwischen 2020 und 2024 gab es 69 Unfälle auf der Sundgauer Straße. Die Initiative ist der Meinung, dass Tempo 30 die Straße weniger gefährlich machen würde – eine These, die von der Wissenschaft gestützt wird: Die Björn-Steiger-Stiftung veröffentlichte im Dezember 2025 eine Metastudie, in der die Ergebnisse von dreizehn Studien, die sich mit den Effekten der Minderung des Tempolimits befassen, ausgewertet und zusammengetragen wurden. Die Analyse bestätigt, dass Tempo-30-Zonen die Verkehrssicherheit verbessern, Emissionen und Lärmbelastung reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität steigern. Die Expertise belegt zudem, dass bei der Einführung von Tempo-30-Zonen die Fahrtdauer unverändert bleibt oder nur minimal steigt.
Vor zwei Jahren hat die Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf (BVV) beschlossen, ein dauerhaftes Tempo 30 auf der Sundgauer Straße zwischen Clayallee und Dahlemer Weg prüfen zu lassen. Doch die Verkehrsverwaltung wies das Anliegen zurück. Es liege „derzeit kein Anordnungsgrund für eine entsprechende Geschwindigkeitsreduzierung vor“, zitierte Verkehrsstadtrat Urban Aykal den zuständigen Staatssekretär in einer Mitteilung an die Bezirksverordneten.
Vier weitere Beschlüsse der BVV in dieser Wahlperiode blieben unerledigt, was an der fehlenden Kompetenz der Bezirksverwaltung liegt. Die Zuständigkeit für das übergeordnete Straßennetz liegt bei der Senatsverkehrsverwaltung und wird von einer CDU-Politikerin geleitet. „Der Bezirk ist machtlos, wenn es zwischen den Ebenen keine Zusammenarbeit gibt“, sagte der Grünen-Politiker Aykal kürzlich im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung im Bali-Kino.
Die Stadtrand-Nachrichten haben die Tempolimits im Bezirk analysiert. Berlin hat insgesamt 1.700 Kilometer Hauptstraßen. 180,8 Kilometer davon befinden sich in Steglitz-Zehlendorf. Auf 25,9 % des Netzes im Bezirk gilt teilweise oder dauerhaft Tempo 30, das entspricht dem Gesamtberliner Durchschnitt. Auf fast 60 % der Hauptstraßen im Südwesten gilt dauerhaft Tempo 50.
Auf der Karte können Sie die Straßen im Bezirk interaktiv anschauen.
Farblegende:
Tempo < 30: Grün
Tempo 30: Gelb
Tempo 40: Orange
Tempo 50: Blau
Tempo > 50: Dunkel Blau
BVV-Beschlüsse: Dunkelrot
Quelle: Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin (DL-DE->Zero-2.0)
Hier engagieren sich Nachbarschaften:
Bürgerinitiative Sundgauer Straße
Anwohner engagieren sich für die Einführung von Tempo 30 auf der Sundgauer Straße, sowie auf der Seehofstraße zwischen Berliner Straße und Dahlemer Weg. Auf diesem Abschnitt der Seehofstraße liegt die katholische Grundschule St. Ursula. Aktuell sind dort tagsüber und nachts 50 km/h erlaubt.
Initiative Anwohnerschutz, Verkehrslärm, Hindenburgdamm
Die Initiative fordert ganztägig Tempo 30 auf dem Hindenburgdamm. Die jetzige Verkehrssituation sei untragbar und führe zu einem ungesunden Lärmwachstum. Aktuell gilt Tempo 50 auf der gesamten Strecke, außer bei der Pauluskirche, wo Tempo 30 gilt.
(https://www.tempo30.jetzt/)

Vom Bohren dicker Bretter: Für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf dem Hindenburgdamm demonstrierten Anwohner schon im November 2012. | Archiv-Foto: Gogol
Albrechtstraße
Die Albrechtstraße ist ein weiterer Streitpunkt im Bezirk. Im September vergangenen Jahres hat der Berliner Senat beschlossen, auf dem Straßenabschnitt zwischen der Robert-Lück-Straße und der Neuen Filandastraße Tempo 50 anzuordnen. Damit wurde die Anordnung von 2009, die eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h vorsah, aufgehoben. Da sich in der Nähe einige Schulen und Kitas befinden, gibt es Proteste von Eltern und Anwohnern.
Die Verkehrsverwaltung setzte danach ein eigenes Konzept um. Nun gilt Tempo 30 zwischen der Schloßstraße (Hermann-Ehlers-Platz) und der Albrechtstraße Nr. 7 / 126 (nach der Fußgänger-Ampel an der Robert-Lück-Straße – Berlinickestraße Kreuzung). Der Grund: Verkehrssicherheit, starker Fußverkehr und eingeschränkte Sichtverhältnisse. Die vorherige Tempo-30-Strecke bleibt jedoch Tempo 50 tagsüber, und Tempo 30 zwischen 22 Uhr und 6 Uhr morgens. Diese Abschnitte sind auch in unserer Karte zu sehen.
Diese Anliegen fanden eine Mehrheit in der BVV
Lorenzstraße
Tempo 30 auf der gesamten Lorenzstraße zu den Schul- und Hortzeiten einzuführen und zu prüfen, ob die Übergänge auf der Kreuzung Lorenzstraße/Jägerstraße durch Querungshilfen sicherer gestaltet werden können.
Beschluss: https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/vo020_r.asp?VOLFDNR=9624
Sundgauer Straße
Einführung von Tempo 30 auf der Sundgauer Straße zwischen Clayallee und Dahlemer Weg für die Dauer der Bahnbaustelle Zehlendorf Mitte. Darüber hinaus soll geprüft werden, ob ein dauerhaftes Tempo 30 bereits möglich ist.
Beschluss: https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/vo020_r.asp?VOLFDNR=8966
Königstraße (Wannsee)
Tempo 30 von der Conradstraße bis zur Chausseestraße.
Beschluss: https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/vo020_r.asp?VOLFDNR=8872
Garystraße
Die Garystraße soll aus dem Hauptstraßennetz herausgenommen und in die bestehende Tempo-30-Zone integriert werden.
Beschluss: https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/vo020_r.asp?VOLFDNR=8628
Onkel-Tom-Straße
Tempo 30 in der Onkel-Tom-Straße zwischen Riemeisterstraße und Argentinischer Allee
Beschluss: https://bvv-steglitz-zehlendorf.berlin.de/pi-r/vo020_r.asp?VOLFDNR=8183
John Mark Shorack / Daniela von Treuenfels
Datenvisualisierung: John Mark Shorack
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Bach, Öl auf Leinwand, 2023, 125x125 cm. Foto: Elvy Lütgen[/caption]
In der Petruskirche am Oberhofer Platz ist derzeit die Ausstellung „Natur ist Atmen“ mit Werken der Künstlerin Elvy Lütgen zu sehen.
Zur Vernissage sprach Ulrike Meyer.
Wir veröffentlichen die Laudatio im Wortlaut:
Es ist, als weht ein Hauch von Frühling durch die Petruskirche. Ein Hauch, der die Sinne kitzelt, Düfte, Farben und Licht mit sich bringt. Die Anfangszeilen von Eduard Mörikes Frühlingsgedicht kommen einem in den Sinn: „Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte“.
Und es ist in der Tat das Blau in seinen mannigfaltigen Schattierungen sowie die vielen Grüntöne, die in der Petruskirche die Atmosphäre prägen – das Blau des Himmels und des Wassers, das Grün der Blätter und Gräser und auch das zarte Weiß der Blüten.
Seit mehr als 45 Jahren widmet sich Elvy Lütgen ohne Unterbrechung ihrer Kunst. Dran bleiben, dabei bleiben und sich weiter entwickeln, das ist ihr Motto. Nach diesen langen Jahren ist ihr innerer Zwang malen zu müssen, verknüpft mit ihrem starken Willen und mit einem hohen Maß an Disziplin, ungebrochen. Aus diesem inneren Zwang heraus, einem existentiellen Bedürfnis gleich, wird – wie die Künstlerin selbst sagt - ihre künstlerische Kraft geboren.
Diesen Drang, sich malerisch auszudrücken zu müssen, hatte Elvy Lütgen bereits als Kind. Es war ihre Mutter, die das Talent ihrer Tochter erkannt und es auch gefördert hat. Und so führt der Weg schließlich nach Hamburg und Berlin, um an den Kunstakademien Malerei zu studieren. Zu ihren Stationen gehören später unter anderem New York und Kalifornien, Petersburg und Schweden. Seit 1980 lebt und arbeitet Elvy Lütgen als freiberufliche Malerin in Berlin und hat in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland ihre Werke präsentiert.
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Fasziniert vom "Löschteich", Öl auf Leinwand, 2022, 140x140 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Ihre Bildsprache, so Elvy Lütgen, sei der zeitgenössische Impressionismus, ihr vorherrschendes Thema die Natur. So wie die französischen Malerinnen und Maler des Impressionismus stimmungsvolle, flüchtige Momente festhielten, mit hellen Farben malten, das Licht, die Natur und ihre eigenen Wahrnehmungen wiedergaben, so fängt auch Elvy Lütgen malerisch die Natur in ihrem eigenen impressionistischen Stil ein. Sie malt nicht szenisch, nicht deskriptiv, nicht in einer 1:1 Wiedergabe, nicht in der freien Natur.
Ihre Bilder entstehen aus der Erinnerung heraus in ihrem Atelier. Dort versucht sie jedoch mehr als nur die Beobachtung in der Natur wiederzugeben. Bei Elvy Lütgen geht es um die Gefühle, die als erste Reaktionen bei Spaziergängen oder während Naturbetrachtungen ausgelöst werden. Mittels Introspektion spürt Elvy Lütgen ihren tiefen Naturempfindungen nach. Sie will die eigentliche Empfindung des Sehens sinnlich erfahrbar machen, den Erkenntnisgewinn im Moment des Sehens wiedergeben und will nur das auf die Leinwand bannen, was sich jeglicher Rationalität entzieht – eben das unmittelbare Erleben des Sehens selbst.
Es geht um diese einzigartige Millisekunde, wenn sich im Sonnenlicht die Linien, Flächen, Formen und Farben auflösen; diese einzigartige Millisekunde, wenn die Natur im Licht zergeht, sich verflüchtigt; diese einzigartige Millisekunde, wenn das Licht auf das Auge trifft und sich dabei die Wahrnehmung mit einem intensiven Gefühl verknüpft. Häufig ist dieses intensive Gefühl mit einem sehr tiefen und hörbaren Aufatmen verbunden, bei dem sich die Brust und das Herz weiten – ein Augenblick der Befreiung. Daher auch der Titel der Ausstellung „Natur ist Atmen“. Wenn das geschieht, dann „korrespondiert unsere Seele unbewusst mit diesem Augenblick“ - so beschreibt es Elvy Lütgen. Es ist dieser, man könnte es den Seelen-Moment nennen, den die Malerin Elvy Lütgen in ihrem Atelier auf die Leinwand bannt und mit diesem Verständnis ist für sie die „Kunst ein Spiegel“ der Seele.
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Besucherin vor „Seeufer“, 2023, Öl auf Leinwand, 2023, 120x120 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Eine Blüte oder ein Blatt findet daher auf der Leinwand auch keine reale Entsprechung. Es sind angedeutete Fragmente einer Erinnerung, sie erscheinen unfertig, skizzenhaft, ausgelöst von einem Blitz der Erkenntnis oder einem kleinen Detail, das die Seele der Malerin berührt hat. Diese fragmentierten Erinnerungen auf der Leinwand komplementieren die Menschen, automatisch vervollständigen sie das Bild. So erkennen die Betrachtenden das, was Elvy Lütgen als etwas Imaginäres darstellt - beispielsweise Steine, die aber nur das unspezifische Abbild von Steinen sind. Wellen, die lediglich mit den Formen der Wellen spielen oder Blüten, Blätter, Gräser, die es an einem wirklichen Ort geben hat, die aber davon losgelöst als eine Komposition aus Strichen oder Flächen in den Bildern Elvy Lütgens ein Eigenleben führen. Es gibt keine harten Konturen oder starke Kontraste, die Übergänge sind weich und sanft, sie fügen sich spielerisch in ihre Kompositionen aus Öl ein. Wie leichte Federstriche erscheinen die Details, es sind reduzierte, zarte Andeutungen eines großen Ganzen, der Natur.
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Ehepaar vereint vor der „Baumkrone“, 2024, Öl auf Leinwand, 2023, 150x150 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Mit ihren Bildern hat Elvy Lütgen ihre eigene Schule des Sehens kreiert. Sie möchte den Blick auf die Schönheit der Natur lenken, plädiert mit ihrer Kunst für Achtsamkeit gegenüber der gebeutelten Umwelt. Fordert auf, inne zu halten und mit der Natur zu atmen - ihre Arbeiten sind durchaus auch Appell und Mahnung zugleich. Die Bilder von Elvy Lütgen werben für den Schutz der Natur, warnen vor ihrer Zerstörung und fixieren mit ihrem impressionistischen Stil ihre Schönheit.
So wie Elvy Lütgen sich bis ins tiefste Innerste von der Natur berühren lässt, tief durchatmet und innehält, so lädt sie die Menschen dazu ein, ebenfalls innezuhalten und mit allen Sinnen offen zu sein, für die Schönheit der Natur mit ihrem Licht, ihren Farben und Formen.
Dafür stehen die Bilder von Elvy Lügen, die fröhlich und leicht wirken, die uns den Hauch von Frühling spüren lassen, der durch die Petruskirche weht.
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Laudatorin Ulrike Meyer eröffnet die Vernissage in der Petruskirche, Foto: Diether Münzberg[/caption]