
Helmholtz-Zentrum Wannsee | Archivbild: HZB
Der Rückbau des „Berliner Experimentier-Reaktors“ (BER) in Wannsee kostet nach heutigen Schätzungen 475 Millionen Euro.
Der Beginn der Arbeiten steht noch nicht fest, gerechnet wird mit einer Planungszeit von mehreren Jahren. Die Kosten, von denen der Bund 90 Prozent übernimmt, werden also inflations- und baupreisbedingt weiter steigen. Das geht aus der Antwort der Umweltverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Linken-Politikerin Franziska Brychzy hervor, die jetzt veröffentlicht wurde. Demnach kostet der Rückbau des 2019 stillgelegten BER II insgesamt 467 Millionen Euro (Stand Dez 2025), seit einer ersten Prognose im Jahr 2021 sind die Kosten von damals 322 Millionen um 145 Millionen Euro, also um fast ein Drittel, gestiegen. Sein Vorgänger BER I schlägt mit 17,6 Millionen Euro (Stand Juli 2023) zu Buche. Nach Ansicht des Landes Berlin sollen beide Rückbauprojekte verknüpft werden, es gibt jedoch noch keine Einigung mit dem Bund.
Der Streit um die Kosten hat nach Ansicht des Anti-Atom-Bündnis Berlin Potsdam strukturelle Ursachen. Das erste Atomgesetz der BRD Jahre sei nach der Inbetriebnahme des BER I geschrieben worden – was dem Senat jetzt auf die Füße fällt, wie die Initiative aktuell mitteilt: Der Reaktor stamme aus der Frühphase der zivilen Nutzung der Kernenergie, „bereits damals wurden zentrale Kostenfragen nicht verbindlich geklärt“, was kein Einzelfall, sondern ein systematisches Muster sei. „Kosten für Rückbau, Entsorgung und Langzeitfolgen wurden bei Forschungsreaktoren und anderen kerntechnischen Anlagen häufig nicht realistisch kalkuliert oder vertraglich abgesichert.“
Im Vergleich mit einem Atomkraftwerk ist die Menge an zu entsorgendem Atommüll aus dem Berliner Forschungsreaktor vergleichsweise winzig. Die Rede ist von 315 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Abfälle, 36 Tonnen feste radioaktive Reststoffe, 692 Tonnen radioaktive Abwässer sowie 66 abgebrannte Brennelemente mit einer Masse von 410 Kilogramm. Zum Vergleich: das 2015 stillgelegte Kernkraftwerk Grafenrheinfeld in Hessen enthielt 193 Brennelemente mit einem gesamten Brennstoffgewicht von 103 Tonnen, von denen jährlich 40 Stück ausgetauscht wurden.
Ob für kleine oder große Mengen, ein sicheres Endlager gibt es bis heute nicht. Das muss die Umweltverwaltung gegenüber der Abgeordneten Brychzy mehrfach einräumen. Für die Brennelemente ist unspezifisch die Rede von einem „geeigneten Bundesendlager zur geologischen Tiefenlagerung für hochradioaktive Abfälle“, das es aber noch gar nicht gibt. Bis es soweit ist, kommt dieser Teil des Atommülls ins nordrhein-westfälische Zwischenlager Ahaus.
Auch für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle muss es zunächst Provisorien geben. Auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums soll ein Zwischenlager errichtet werden, das so lange betrieben werden soll, bis das Bundesendlager Schacht Konrad für diese Abfallkategorie fertig ist. „Zu Beginn der 2030er Jahre“ soll es so weit sein.
Wie es nun weitergeht, ist bislang wenig konkret. Schon der Streit um die Kosten für den Rückbau des 1972 (!) stillgelegten BER I schreit nach reichlich Popcorn. Und wer kennt sie nicht, die Zwischenlösungen, die einfach irgendwann geblieben sind.
Die Beteiligung der Öffentlichkeit im Rahmen des atomrechtlichen Verfahrens geht mit einer nicht öffentlichen Online-Veranstaltung mit den Einwendern in die nächste Runde. Dann werden die Stellungnahmen geprüft. Bis zur Erteilung einer Genehmigung für den Rückbau der Forschungsreaktoren werden laut Umweltverwaltung „mehrere Jahre“ vergehen. Einen Zeitplan für die Arbeiten gibt es noch nicht.
Daniela von Treuenfels
Die Stadtrand-Nachrichten finanzieren sich durch Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Wenn es Ihnen hier gefällt, Sie etwas Spannendes entdeckt oder etwas Neues gelernt haben, können Sie uns via Paypal ein Trinkgeld dalassen.
Herzlichen Dank!
Hier geht es zu unserem Paypal-Konto












Bach, Öl auf Leinwand, 2023, 125x125 cm. Foto: Elvy Lütgen[/caption]
In der Petruskirche am Oberhofer Platz ist derzeit die Ausstellung „Natur ist Atmen“ mit Werken der Künstlerin Elvy Lütgen zu sehen.
Zur Vernissage sprach Ulrike Meyer.
Wir veröffentlichen die Laudatio im Wortlaut:
Es ist, als weht ein Hauch von Frühling durch die Petruskirche. Ein Hauch, der die Sinne kitzelt, Düfte, Farben und Licht mit sich bringt. Die Anfangszeilen von Eduard Mörikes Frühlingsgedicht kommen einem in den Sinn: „Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte“.
Und es ist in der Tat das Blau in seinen mannigfaltigen Schattierungen sowie die vielen Grüntöne, die in der Petruskirche die Atmosphäre prägen – das Blau des Himmels und des Wassers, das Grün der Blätter und Gräser und auch das zarte Weiß der Blüten.
Seit mehr als 45 Jahren widmet sich Elvy Lütgen ohne Unterbrechung ihrer Kunst. Dran bleiben, dabei bleiben und sich weiter entwickeln, das ist ihr Motto. Nach diesen langen Jahren ist ihr innerer Zwang malen zu müssen, verknüpft mit ihrem starken Willen und mit einem hohen Maß an Disziplin, ungebrochen. Aus diesem inneren Zwang heraus, einem existentiellen Bedürfnis gleich, wird – wie die Künstlerin selbst sagt - ihre künstlerische Kraft geboren.
Diesen Drang, sich malerisch auszudrücken zu müssen, hatte Elvy Lütgen bereits als Kind. Es war ihre Mutter, die das Talent ihrer Tochter erkannt und es auch gefördert hat. Und so führt der Weg schließlich nach Hamburg und Berlin, um an den Kunstakademien Malerei zu studieren. Zu ihren Stationen gehören später unter anderem New York und Kalifornien, Petersburg und Schweden. Seit 1980 lebt und arbeitet Elvy Lütgen als freiberufliche Malerin in Berlin und hat in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland ihre Werke präsentiert.
[caption id="attachment_102967" align="aligncenter" width="1024"]
Fasziniert vom "Löschteich", Öl auf Leinwand, 2022, 140x140 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Ihre Bildsprache, so Elvy Lütgen, sei der zeitgenössische Impressionismus, ihr vorherrschendes Thema die Natur. So wie die französischen Malerinnen und Maler des Impressionismus stimmungsvolle, flüchtige Momente festhielten, mit hellen Farben malten, das Licht, die Natur und ihre eigenen Wahrnehmungen wiedergaben, so fängt auch Elvy Lütgen malerisch die Natur in ihrem eigenen impressionistischen Stil ein. Sie malt nicht szenisch, nicht deskriptiv, nicht in einer 1:1 Wiedergabe, nicht in der freien Natur.
Ihre Bilder entstehen aus der Erinnerung heraus in ihrem Atelier. Dort versucht sie jedoch mehr als nur die Beobachtung in der Natur wiederzugeben. Bei Elvy Lütgen geht es um die Gefühle, die als erste Reaktionen bei Spaziergängen oder während Naturbetrachtungen ausgelöst werden. Mittels Introspektion spürt Elvy Lütgen ihren tiefen Naturempfindungen nach. Sie will die eigentliche Empfindung des Sehens sinnlich erfahrbar machen, den Erkenntnisgewinn im Moment des Sehens wiedergeben und will nur das auf die Leinwand bannen, was sich jeglicher Rationalität entzieht – eben das unmittelbare Erleben des Sehens selbst.
Es geht um diese einzigartige Millisekunde, wenn sich im Sonnenlicht die Linien, Flächen, Formen und Farben auflösen; diese einzigartige Millisekunde, wenn die Natur im Licht zergeht, sich verflüchtigt; diese einzigartige Millisekunde, wenn das Licht auf das Auge trifft und sich dabei die Wahrnehmung mit einem intensiven Gefühl verknüpft. Häufig ist dieses intensive Gefühl mit einem sehr tiefen und hörbaren Aufatmen verbunden, bei dem sich die Brust und das Herz weiten – ein Augenblick der Befreiung. Daher auch der Titel der Ausstellung „Natur ist Atmen“. Wenn das geschieht, dann „korrespondiert unsere Seele unbewusst mit diesem Augenblick“ - so beschreibt es Elvy Lütgen. Es ist dieser, man könnte es den Seelen-Moment nennen, den die Malerin Elvy Lütgen in ihrem Atelier auf die Leinwand bannt und mit diesem Verständnis ist für sie die „Kunst ein Spiegel“ der Seele.
[caption id="attachment_102968" align="aligncenter" width="1024"]
Besucherin vor „Seeufer“, 2023, Öl auf Leinwand, 2023, 120x120 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Eine Blüte oder ein Blatt findet daher auf der Leinwand auch keine reale Entsprechung. Es sind angedeutete Fragmente einer Erinnerung, sie erscheinen unfertig, skizzenhaft, ausgelöst von einem Blitz der Erkenntnis oder einem kleinen Detail, das die Seele der Malerin berührt hat. Diese fragmentierten Erinnerungen auf der Leinwand komplementieren die Menschen, automatisch vervollständigen sie das Bild. So erkennen die Betrachtenden das, was Elvy Lütgen als etwas Imaginäres darstellt - beispielsweise Steine, die aber nur das unspezifische Abbild von Steinen sind. Wellen, die lediglich mit den Formen der Wellen spielen oder Blüten, Blätter, Gräser, die es an einem wirklichen Ort geben hat, die aber davon losgelöst als eine Komposition aus Strichen oder Flächen in den Bildern Elvy Lütgens ein Eigenleben führen. Es gibt keine harten Konturen oder starke Kontraste, die Übergänge sind weich und sanft, sie fügen sich spielerisch in ihre Kompositionen aus Öl ein. Wie leichte Federstriche erscheinen die Details, es sind reduzierte, zarte Andeutungen eines großen Ganzen, der Natur.
[caption id="attachment_102970" align="aligncenter" width="1024"]
Ehepaar vereint vor der „Baumkrone“, 2024, Öl auf Leinwand, 2023, 150x150 cm. Foto: Ulrike Meyer[/caption]
Mit ihren Bildern hat Elvy Lütgen ihre eigene Schule des Sehens kreiert. Sie möchte den Blick auf die Schönheit der Natur lenken, plädiert mit ihrer Kunst für Achtsamkeit gegenüber der gebeutelten Umwelt. Fordert auf, inne zu halten und mit der Natur zu atmen - ihre Arbeiten sind durchaus auch Appell und Mahnung zugleich. Die Bilder von Elvy Lütgen werben für den Schutz der Natur, warnen vor ihrer Zerstörung und fixieren mit ihrem impressionistischen Stil ihre Schönheit.
So wie Elvy Lütgen sich bis ins tiefste Innerste von der Natur berühren lässt, tief durchatmet und innehält, so lädt sie die Menschen dazu ein, ebenfalls innezuhalten und mit allen Sinnen offen zu sein, für die Schönheit der Natur mit ihrem Licht, ihren Farben und Formen.
Dafür stehen die Bilder von Elvy Lügen, die fröhlich und leicht wirken, die uns den Hauch von Frühling spüren lassen, der durch die Petruskirche weht.
[caption id="attachment_102969" align="aligncenter" width="622"]
Laudatorin Ulrike Meyer eröffnet die Vernissage in der Petruskirche, Foto: Diether Münzberg[/caption]