
Die Maulbeerbäume auf dem kleinen Kirchhof in Zehlendorf zeugen von der Seidenproduktion Preußens. Foto: Denkmalschutzbehörde
Auf dem kleinen Kirchhof der Zehlendorfer Dorfkirche an der Potsdamer Straße Ecke Clayallee stehen drei alte Maulbeerbäume. Sie dienten ursprünglich nur einem Zweck: Hungrige Raupen satt zu machen. Die Würmer sollten als Gegenleistung möglichst viel von diesem erlesenen Faden produzieren, der die Seide aus Italien und Ostasien so weltberühmt gemacht hat.
Um Rohseide zu produzieren, muss man lediglich die Raupen des Seidenspinners, einem asiatischen Schmetterling, fleißig mit Blättern der Weißen Maulbeere (Morus alba) füttern. Andere Nahrung wird von den Gourmets nicht akzeptiert. Maulbeerbäume stammen ursprünglich aus China, wo sie seit Jahrtausenden angepflanzt und für die Seidenproduktion genutzt werden.
Auch in Preußen schätzte man dieses „Stöffchen“ und träumte davon, von teuren Importen unabhängig zu sein. Nach dem Dreißigjährigen Krieg förderte zunächst der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688) den großflächigen Anbau von Weißen Maulbeerbäumen für die Seidenproduktion und holte sich die auch hierfür kundigen französischen Hugenotten ins Land. Friedrich der Große (1688-1740) intensivierte schließlich die Seidenproduktion in Preußen systematisch: Staaliche Preisgarantien, kostenlose Verteilung von jungen Maulbeerbäumen und Raupeneiern des Seidenspinners, waren neben finanziellen Starthilfen, speziellen Schulungsmaßnahmen und Prämien moderne staatliche Subventionsanreize. Vor allem aber: die Beschädigung von Maulbeerbäumen wurde unter Strafe gestellt. Im Nebenerwerb sollten Bauern, insbesondere Lehrer und Küster Seidenraupen züchten. Es entstanden in und um Berlin viele kleinere Plantagen und Hecken aus Maulbeerbäumen. Kirchhöfe und Dorfplätze wurden mit ihnen bepflanzt.
Dass in Steglitz-Zehlendorf Seide produziert wurde, ist heute weitgehend unbekannt. Als der Dorfschullehrer Ferdinand Schäde (1772-1861) 1793 in dem Vorgängerbau des heutigen Zehlendorfer Heimatmuseums seinen Schuldienst antrat, nahm auch er die Seidenraupenzucht auf, um sein karges Lehrergehalt aufzubessern. Für 1789 wurden 15 Maulbeerbäume auf dem benachbarten Dorfkirchhof gezählt. Veritable Zeitzeugen sind drei knorrige, mit Stelzen abgestützte Weiße Maulbeerbäume an der Friedhofsmauer zur Potsdamer Straße. Die seit 1940 ausgewiesenen Naturdenkmale mit ihrem gewaltigen Stammumfang von drei bis vier Metern sind über 200 Jahre alt.
Zunächst im kleinen Wohnzimmer, später im Dachraum des heutigen Heimatmuseums wurden Regale mit Horden aufgestellt zur Bestückung mit den Schmetterlingseiern. Bis zur Verpuppung im Kokon mussten die geschlüpften Raupen bis zu fünf Mal am Tag mit dem Laub der Maulbeerbäume versorgt werden. Mit Fütterung und Laubernte spannte Schäde seine ganze Familie ein. Haben sich die Raupen dick und rund gefuttert, spinnen sie sich in Konkons. Das Juwel unter den Puppen-Behausungen besteht aus dem begehrten Seidenfaden, der auseinander gezogen bis zu 4.000 Meter lang sein kann.
Hier endete die Arbeit Schädes. Er lieferte die Kokons vor dem Schlüpfen der Falter der Haspelei. Dort wurden die Puppen in Wasserdampf oder mit kochendem Wasser abgetötet, der Konkon dabei aufgelöst, der Faden mit zwei bis sieben weiteren zu einem Webfaden gesponnen und danach in der Seidenweberei zu kostbarer Seide verarbeitet.
1840 ließ der königliche Hoflieferant und Seidenfabrikant Johann Adolph Heese (1783-1862) an der Schlossstraße Ecke Grunewaldstraße, wo heute der ehemalige VW-Pavillon steht, Maulbeerbäume anpflanzen. Bis 1845 legte er eine riesige Plantage mit 35.000 Bäumen an. Das Areal wird heute von der Heese-, Berg-, Filanda- und Südendstraße umschlossen. Die Zufahrt erfolgte in etwa von der jetztigen Plantagenstraße. Die Anlage bildete eine komplette Filanda, eine Kokon-Haspelei und Zwirnerei, – daher der Name Filandastraße. Heese produzierte industriell so große Mengen von der begehrten Rohseide, dass sein Unternehmen bis Mitte der 1850er Jahre als bedeutendstes Seidenbauzentrum in Deutschland reüssierte. Neben der Seide vertrieb er auch den Samen der Maulbeerbäume und die Eier für die Raupenzucht in ganz Europa.
Ein etwa 160 Jahre altes Relikt der Maulbeerbaumplantage mit einer urigen Restkrone steht auf dem Steglitzer Althoffplatz. Es ist seit 1961 als Naturdenkmal geschützt.
Europaweit raffte eine Seuche die empfindlichen Seidenraupen dahin und beendete 1861 damit alle Erfolge. Zudem sorgten strenge Winter für große Verluste unter den frostempfindlichen Maulbeerbäumen. Ein nennenswerter Wirtschaftsfaktor wurde der Seidenbau in Preußen nie. Heute ist Brasilien dank der industriellen Produktion und hervorragender klimatischer Bedingungen das bedeutendste Erzeugerland für Seide.
Übrigens sind die Maulbeeren durchaus schmackhaft! Und Maulbeer-Sauce, Maulbeer-Likör und die Königliche Maulbeer-Creme hat sich schon der Alte Fritz schmecken lassen.
Uwe Schmohl / Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf Berlin












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