
Die Stahlträger für die fünf Meter hohen Schutzwände stehen bereits. Dahinter verschwindet die Skateranlage. Foto: privat
„Die Mauer muss weg“ sagt ein Anwohner der Marshallstraße. Gemeint sind die Lärmschutzwände, die der Investor Stofanel entlang der Marshallstraße und des Tom-Sawyer-Wegs derzeit errichten lässt. Die rund fünf Meter hohen Wände sollen die künftigen Mieter des Fünf Morgen Urban Village auf der Truman Plaza vor dem Lärm der Skateranlage der benachbarten Jugendfreizeiteinrichtung schützen – und diese vor etwaigen Klagen neuer Anwohner.
„Unverhältnismäßig und ungerecht“ findet der Anwohner und Vater die Wand. „Berlin opfert den bereits jetzt knappen innerstädtischen Raum für Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen den Interessen eines Investors und von zukünftigen Bewohnern von Luxuswohnungen“, sagt der Dahlemer. Mit den fünf Meter hohen Lärmschutzwänden würden „die Kinder und Jugendlichen auf dem hinter den Lärmschutzwänden liegenden Gelände mit Skaterpark, Sportplatz, Bolzwiese und Kita in hohem Maß von Licht und Luft abgeschnitten und hinter einer fünf Meter hohen Wand eingesperrt werden“, kritisiert er und ergänzt, dass er es für „gesellschaftspolitisch völlig verfehlt“ halte, in Zusammenhang mit spielenden Kindern von Lärm zu sprechen. Hier werde ohne Not einem Investor „der rote Teppich ausgerollt“. Dabei seien die Störungen, die von der Jugendfreizeiteinrichtung ausgingen sehr gering, klagen der Anwohner habe es bisher noch nicht gegeben, und das, obwohl die Häuser viel näher stehen als die neuen Häuser auf Fünf Morgen.
Das bestätigt auch Anne Pallade, Leiterin des Kinderhauses Tom Sawyer. Sie hat durchaus Verständnis für die Errichtung eines Lärmschutzes, wenn dadurch die Skateranlage der Jugendfreizeiteinrichtung vor Klagen neuer Anwohner und einer möglichen Schließung geschützt werden kann. Sie selbst kann sich noch gut daran erinnern, dass der Basketballplatz der Amerikaner wegen Lärmklagen geschlossen werden musste. Vorsichtsmaßnahmen seien also sinnvoll. Doch das, was derzeit errichtet werde, sei nicht angemessen. Die Kinder und Jugendlichen würden hinter den hohen Mauern „kasserniert“ – ganz abgesehen davon, dass die Wand „echt hässlich“ sei. Im „vorauseilendem Gehorsam“ habe der Bezirk gehandelt, findet Pallade. Die Lärmschutzwand verändere die Atmosphäre im Kiez und sei ein „fragwürdiges Signal“ an Kinder und Jugendliche, findet sie.
Stofanel betont, dass der Wunsch nach einer Schallschutzwand aus der Nachbarschaft gekommen sei, um die Skateranlage zu erhalten. „Deshalb wurde von Seiten des Bezirks eine Lärmschutzwand gefordert und zur Bedingung für die Erteilung einer Baugenehmigung gemacht.“ Für den Investor selbst bedeute der Bau „ausschließlich erhebliche Kosten.“ Denn die Wand wird, wie in Workshops mit den Jugendlichen besprochen und in der Baugenehmigung festgehalten nicht nur errichtet, sondern auch noch begrünt. Zudem wird eine Kletterwand integriert.
Die Kritik an der Schallwand weist Bezirksstadtradt Norbert Schmidt (CDU) entschieden zurück. Man sei gesetzlich dazu verpflichtet, bei Neubauprojekten Lärmschutz einzukalkulieren. Das sei also kein „vorauseilender Gehorsam“, wie von den Anwohnern behauptet. Auch das immer wieder angeführte Argument „Kinderlärm sei Zukunftsmusik“ ziehe in diesem Falle nicht. Das gelte für Kinderspielplätze, aber nicht für eine Skaterbahn. Würden also Klagen der neuen Bewohner eingehen, bestünde die Gefahr, dass die Anlage geschlossen werden müsste. Auch der Vorsitzende des Stadtplanungsausschusses der BVV, Torsten Hippe betont, dass die Lärmschutzmaßnahmen ergriffen wurden, um die Skaterbahn zu erhalten. „Dieses Ziel war überparteilich vorhanden, um Geräuschbelastungen durch die Skaterbahn nicht im Ansatz zum Gegenstand von Klagen zu machen.“
Die geplante Wand sei so von Fachleuten empfohlen worden. Schmidt gibt zu bedenken: „Niemand wird mehr Schallschutzwand bauen als notwendig, weil das teuer ist“. Dass die Schallschutzwand auf bezirkseigenen Gelände errichtet werde, sei ganz selbstverständlich, denn der, der den Lärm verursacht, muss auch für Abhilfe sorgen. Dass – im Gegensatz zu den bereits vorhandenen Häusern – nun Lärmschutzmaßnahmen ergriffen werden, hänge damit zusammen, dass sich in den vergangenen Jahren die gesetzlichen Bedingungen und Vorschriften geändert hätten, betont Schmidt. Man gehe sehr viel sensibler mit dem Thema Lärm um.
Der Verwaltung ginge es nicht darum, die Kinder und Jugendlichen oder die Anwohner zu ärgern, sondern man versuche, einen Konsens zu finden zwischen den verschiedenen Ansprüchen, um ein stressfreies Miteinander zu gewährleisten und die Skaterbahn zu erhalten, so Schmidt.
(go)












Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (
sehr gut recherchiert … Respekt!