
Frank Jander, Niklas Pempel und Martin Wohlan (von links) mit dem "Erstlingswerk" der AG Märkische Kleinbahn, eine Diesellok von 1934. Foto: Gogol
Die Begeisterung für technische Zusammenhänge und die Faszination alter Technik – das verbindet die Mitglieder des Vereins „Märkische Kleinbahn“ am Bahnhof Schönow in Lichterfelde.
Gegründet wurde der Verein 1981 bei einer Sonderfahrt in der DDR. Zu dem Zeitpunkt fuhren in der BRD nämlich keine Dampflokomotiven mehr, während die DDR Sonderfahrten mit diesen alten Loks anbot, erzählt Niklas Pempel. Der ist zwar erst ein paar Jahre nach der Vereinsgründung geboren, doch kennt er die Geschichte des Vereins und seiner Fahrzeuge genau.Und natürlich auch die seines Namens. Das „Kleinbahn“, so erklärt Pempel, sage nichts aus über Fahrzeugtypen oder Spurweiten, sondern man beziehe sich dabei auf das Preußische Kleinbahngesetz von 1892. Das erlaubte es kleinen Gemeinden und Unternehmen, unter einfachen Regelungen Bahnen zu bauen und so auch ländliche Gegenden zu erschließen, weil dies die Preußische Staats-Eisenbahn nicht leisten konnte. Das „Märkische“ im Namen soll ein Brückenschlag sein zur Umgebung, erklärt Geschäftsführer Frank Jander. Und der „Bahnhof Schönow“, an dem der Verein seinen Sitz hat, soll ein Stückchen Heimatverbundenheit demonstrieren. Denn diesen Bahnhof hat es so nie gegeben. Es sei ein Betriebshalt der Goerzbahn gewesen, erklärt Pempel, der Rechnugsführer des Vereins ist.
1904 hatte ein cleverer Investor sich das Grundstück an der heutigen Goerzallee gesichert, um den Stichkanal als Gewerbegebiet zunächst per Pferde- und später per Eisenbahn zu erschließen. Der Beginn der Zehlendorfer Eisenbahn – einer eigene Eisenbahngesellschaft, in deren Nachfolge der Verein steht. Deshalb stehen dessen Fahrzeuge, Anlagen und Personal auch unter Aufsicht der Landeseisenbahnaufsicht. Der Verein darf sogar selbst ausbilden und Prüfungen abnehmen.
1915 war die erste Dampflok auf den Schienen der Anschlussbahn unterwegs, 1948 die letzte. Sogar Personenverkehr bestand knapp 30 Jahren auf der Strecke, allerdings nur für Werksangehörige, so Pempel. Einen öffentlichen Bahnhof gab es dort nie.
Nach der Berlin Blockade übernahm die Deutsche Reichsbahn die Zehlendorfer Eisenbahn, deren Schienen unter anderem von den amerikanischen Streikräften genutzt wurden, um Waren und Panzer zu transportieren.
Als die AG „Märkische Kleinbahn“ das Betriebsgelände 1981 mietete, sei es verwildert gewesen und verfiel, erinnert sich Jander. „Es war keine Scheibe heil“, berichtet er. Ein Verwaltungsgebäude war durch Brand beschädigt und abgerissen worden, ein Tor des Lockschuppens fehlte, überall hatten Laub und Unrat gelegen.

Niklas Pempel stellt die Weichen - an einem mechanischen Stellwerk des Bahnhofs Frohnau. Foto: Gogol
Heute stehen in dem wiederhergerichteten Lokschuppen von 1922 die Schätze des Vereins. So auch das „Erstlingswerk“, wie Pempel es nennt. Die Diesellok Kö1 hatte der Verein 1981 erworben und in 3.500 Arbeitsstunden wieder aufgebaut. „Sie war Schrott“, erzählt Martin Wohlan. „Alles was verschleißen kann, war verschlissen.“ Die Lok wurde in alle Einzelteile zerlegt und so wieder hergerichtet, dass sie jetzt im gleichen Zustand ist, wie sie die Werkhalle 1934 verlassen hat, erklären die Vereinsmitglieder. Inklusive des Originalmotors. Mit zwei Zylindern und 25 PS bringt die Lok unglaubliche 18 Kilometer pro Stunde auf die Schiene.
Alle sechs Jahre muss die Lokomotive zur Hauptuntersuchung, wird dafür komplett auseinandergenommen, alle Verschleißteile müssen ausgetauscht werden. Eine Arbeit, die die sechs aktiven Mitglieder meist alleine vornehmen. Auch wenn sie meist keine handwerkliche oder gar eine Ausbildung bei der Bahn gemacht haben, so können sie trotzdem vieles alleine leisten: schweißen, löten, lackieren, Bleche biegen, drehen, fräsen, … Doch es gibt auch Arbeiten, die sie vergeben müssen. So wie bei der der Lok II, die der Verein 1988 gekauft hatte, aber bis 2010 unberührt ließ. Dort muss jetzt der Rahmen angehoben werden, um die Radsätze zu überarbeiten, zudem muss der Rahmen gesandstrahlt werden. Rund 35.000 Euro werde man für Materialien und externe Arbeiten brauchen, um die Diesellok von 1935 originalgetreu wiederaufzubauen, sagt Pempel – derzeit hat man durch Spenden rund ein Zehntel davon zusammen. Das Geld kommt meistens von den etwa 60 passiven Mitgliedern des Vereins.
Außer den beiden Dieselloks hat der Verein aber noch andere historische Fahrzeuge auf dem Gelände zu stehen, etwa den 1961 für die Deutsche Bundesbahn gebauten „Schienen-Lkw“ „Siegfried“, der auch in Zehlendorf im Einsatz war. 1988 kam das Fahrzeug zum Verein, seit 2001 ist es wieder einsatzbereit, seit 2012 hat es sogar wieder einen Krahn.
Das am weitesten gereiste Fahrzeug aus der Sammlung des Vereins ist „Fridolin“, eine Motordraisine mit dem Motor eines VW Käfers von 1962. Nicht ganz original ist die Farbe des Fahrzeugs, das lackiert ist wie ein Berliner S-Bahn-Zug.
Erfreuen dürfen sich an den Loks nicht nur die Mitglieder, sonnabends ist das Gelände für Besucher geöffnet, und einmal im Jahr lädt der Verein zum Tag der offenen Tür ein. Dieses Mal findet der am 13. und 14. September statt. Dann können die Loks nicht nur angeschaut werden, sondern man darf auch zu einer Rundfahrt einsteigen, etwa in den „Schienen-Lkw“, mit dem es auf der ehemaligen Stammbahn bis nach Steglitz geht; die Lok I verkehrt auf der Strecke der Anschlussbahn nach Lichterfelde-West. Doch es wird noch viel mehr zu entdecken geben. So wird gezeigt, wie Fahrkarten gedruckt werden, auf Geräten aus den 1920er Jahren und mit dem ersten computergesteuerten Fahrkartenautomaten der DDR. In einem Stellwerk zeigen die Vereinsmitglieder, wie ein Zug zum Fahren gebracht wird – inklusive dem als Modell nachgebauten Bahnhof Frohnau plus S-Bahn. Noch viel mehr gibt es im kleinen Eisenbahnmuseum und auf dem Gelände zu sehen. Wer mehr wissen will, über die Geschichte des Geländes und der Goerzbahn, kann dann auch das Buch erwerben, das Vereinsmitglieder 2005 anlässlich der Gründung der Zehlendorfer Eisenbahn vor 100 Jahren veröffentlichten.
Geöffnet ist das Betriebsgelände an den Tagen der offenen Tür am Sonnabend von 12 bis 18 Uhr, am Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
(go)












Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (