
Schnipp: Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (links) eröffnete offiziell den Fahrradladen von Wolfgang Kriegs (Zweiter von links) Florian Demmel (Vierter von links). Foto: Gogol
Der Duft von frisch gemahlenem Kaffee wehte am Sonnabend durch die Ladenstraße Onkel Toms Hütte und führte Besucher direkt in die neue Kaffeerösterei Ridder bei Tom. Viele nutzten am Sonnabend die erste Gelegenheit, in dem neu eröffneten Laden einen Kaffee zu trinken und die Gestaltung in Augenschein zu nehmen. „Es ist überwältigend“, freute sich Thomas „Tom“ Schwarz über die Resonanz. „Es war aber schon die Woche über abzusehen, die Leute hier haben es aufmerksam verfolgt“, erzählt Schwarz. Und dabei hatten er und Gerhard Ridder von der gleichnamigen Kaffeerösterei in Friedenau lange gezögert, eine Filiale in der Ladenstraße einzurichten.
Schwarz kannte die Passage vom vergangenen Sommer, als er mit seinem Coffeebike ein Baustellencafé betrieb. So fand er Kontakt mit Heide Wohlers, die das Projekt „Zukunftskiez“ betreut und die ihn fragte, ob er nicht einen Laden mieten wolle, erinnerte sich Schwarz. Der nahm Kontakt mit der Rösterei Ridder auf und man war sich einig – eher nicht. „Es ist nichts los, ein bisschen tot“ – so die Meinung damals. Doch die Idee ließ die beiden Männer nicht los und so entschieden sie sich schließlich doch für den Standort.
Eine Kaffeerösterei in der Ladenstraße ist kein Novum, bis in die 1960er Jahre war die Kaffeerösterei Otto dort vertreten. „Das fügt sich. Die Leute erinnern ich daran, an den Geruch“, erzählte Schwarz, der in dem kleinen Laden nicht nur Kaffee verkauft und zum Trinken anbietet, sondern ihn dort auch wirklich röstet.
Für Marie Schneider war der Sonnabend wie Nachhause kommen. Die 27-Jährige eröffnete in ihrem Kiez ein Atelier für selbstgenähte Kinderkleidung, Accessoires und Dekoelemente. „Ich bin hier aufgewachsen. Ich bin täglich durch die Ladenstraße gelaufen, mein Schulweg führte hier lang. Das ist meine Heimat“, sagte die 27-Jährige. Ihre Mutter hatte die Aushänge gesehen, dass es Läden zu mieten gibt. Und so verließ die ausgebildete Modedesignerin ihr Atelier in Neukölln und kam nach Zehlendorf. „Es fühlt sich so toll an“, ist Schneider begeistert. „Wenn die Menschen kommen und kaufen, bleibe ich ganz lange hier“.
Eine neue berufliche Heimat wollen auch Florian Demmel und Wolfgang Kriegs in der Ladenstraße finden, in der sie ihren Fahrradladen „Velostil“ eröffneten. Ein „klassischer“ Fahrradladen sei man, sagte Demmel, mit Verkauf, Werkstatt und Zubehör. Doch so ganz klassisch ist der Laden dann doch nicht, denn dort werden Fahrräder ganz individuell nach Kundenwünschen gebaut. Dass man sich für den Standort entschieden habe, habe mehrere Gründe, erzählte Demmel, der bereits einen Laden in der Wexstraße in Schöneberg hat. Erstens sei die Konkurrenz hier noch nicht so groß, zweitens passe Fahrradfahren gut in die Gegend und drittens reizten sie die Projekte, die im Bezirk und im Kiez angeschoben werden, wie der Pedelec-Korridor und der Lastenrad-Kiezkurier. Zwar waren die beiden Männer am Sonnabend noch nicht ganz fertig – im Laufe des Monats aber wird das Geschäft eröffnet.
Um viel Glück und Erfolg zu wünschen, schaute auch Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) vorbei. „Der Laden passt gut in die Philosophie des Bezirks“, sagte er und verwies auf das Projekt Schaufenster Elektromobilität, das hier umgesetzt werden soll.
Überhaupt war er begeistert von der Entwicklung der Ladenstraße in den vergangenen Jahren und dass diese mit Festen wie dem am Sonnabend auch nach außen auftritt. „Es ist der richtige Weg, die Ladenstraße bekannter zu machen.“ Zugleich appellierte Kopp an die Anwohner, die neuen, kiezbezogenen Angebote auch zu nutzen. Dazu gehören nun auch eine Crèperie sowie ein Geschäft, in dem sich sechs Handwerker verschiedener Gewerke zusammengetan haben, darunter ein Maler, ein Tischler und ein Elektroinstallateur.
Die Eröffnung von fünf neuen Läden an diesem Tag sei ein „Meilenstein im Projekt Ladenstraße hin zu einem aktiven und vitalen Zentrum“, fand Heide Wohlers. Doch das ist noch lange nicht das Ende. „Wir haben noch zwei wichtige Dinge vor“, so Wohlers. So soll ein nachbarschaftliches Café mit Außensitzplätzen errichtet werden – die Gespräche laufen – und es sollen zukünftig frische Produkte von Q-Regio angeboten werden.
Der Vorplatz bereite noch Probleme, ebenso der Fahrstuhl, der einfach nicht fertig werde, ergänzte Wohlers.
Darüber ärgerten sich auch einige Anwohner, die seit eineinhalb Jahren auf das Ende der Arbeiten warten. Doch das war der einzige Wermutstropfen an diesem Tag. Die neuen Läden seien eine „Bereicherung“, fand eine kleine Gruppe von Senioren, die miterlebt hatte, in welch‘ negative Richtung sich die Ladenstraße lange Zeit entwickelt hatte. „Es könnte klappen“, war man nun zuversichtlich. Auch wenn es an Angeboten für ältere Leute fehle. Auch eine gute Drogerie vermisse man und ein Laden, in dem man Frischfleisch kaufen könne. Auf die Crèperie aber freue sie sich schon sehr, sagte eine der Seniorinnen. Die Rösterei hatten sie da schon ausprobiert.
(go)












Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (