
Der Reaktor in Wannsee soll sofort abgeschaltet werden, fordern die Bürgerinitiative und das Anti-Atom-Bündnis. Ihren Argumenten stellen wollte sich von Landes- und Bundesebene niemand. Foto: Gogol
Der Bürgersaal war halbgefüllt, genauso wie das Podium bei der Diskussionsrunde zum Atomreaktor in Wannsee, zu dem das Anti-Atom-Bündnis Berlin/Potsdam, die Bürgerinitiative (BI) „Wannseereaktor dichtmachen“ und die Naturfreunde eingeladen hatten. Senatorin Dilek Kolat, Bezirksbürgermeister Norbert Kopp und Landesbrandmeister Wilfrid Gräfling hatten ihre Teilnahme abgesagt, auch Stellvertreter schickten sie nicht. Und auch taz-Journalist Sebastian Heiser hatte aus persönlichen Gründen abgesagt. Deshalb war es an BI-Mitglied Udo Holländer seine Rechercheergebnisse zu einer bundesweiten Katastrophenschutzübung darzulegen, die eklatante Mängel in de Kommunikationsstruktur auf Bundes- und Landesebene zutage förderte. Dieses „desaströse“ Ergebnis war einer der Gründe für die Podiumsdiskussion.
Im September 2013 wurde ein Störfall simuliert, bei dem die Kommunikationsstrukturen überprüft werden sollten. Das Szenario: In einem Kernkraftwerk im Emsland wird Radioaktivität freigesetzt. Dann wird die Kommunikationskette gestartet. Theoretisch. Doch 12 von 16 Faxgeräten (!) bei den Ansprechpartnern in den einzelnen Bundesländern waren nicht erreichbar, es gab Kompetenzstreitigkeiten und schlechte Verbindungen. Erst fünfeinhalb Stunden nach Freisetzung der Radioaktivität war die Bevölkerung informiert, gab Holländer die Ergebnisse des Tests wieder. In Berlin hatte sich die Senatsverwaltung sogar geweigert, an der Übung teilzunehmen. Begründung: Es fehle an Personal, den notwendigen Stabsstrukturen und Kenntnissen zur Strahlenschutzvorsorge – Aussagen, die an diesem Abend für Entsetzen im Publikum sorgten. Teilnehmen musste Berlin trotzdem. Das Ergebnis: Die Kommunikationskette hakte schon an zweiter Stelle, „Informationen wurden nach Gutdünken weitergegeben“, so Holländer.
Nach Holländer war Alf Jarosch an der Reihe, der über die Gefahren des Reaktors BER II sprach. Wobei BER für Berliner Experimentierreaktor steht. Schon der Name verharmlose die Anlage, fand Jarosch. Experimentierreaktor erinnere eher an den Loriot-Sketch „Weihnachten bei den Hoppenstedts“ denn an einen potenziell gefährlichen Reaktor. Genau so verharmlosend sei auch das Video des Helmholtz-Zentrums über den Reaktor. Jarosch nahm das „Lügenvideo“, wie er es nannte, auseinander. Im Film ist beispielsweise von medizinischer Forschung die Rede – die in keinster Weise in dem Reaktor stattfinde. Materialforschung werde betrieben – welche genau, darüber schweige der Betreiber. Das Flugverbot über dem Reaktor gelte nur für Sportmaschinen, und den Stresstest habe der Berliner Reaktor als einziger nicht bestanden, so Jarosch.
Die schlimmste Lüge aber sei die Aussage, dass eine Kernschmelze ausgeschlossen sei. In einer Untersuchung des Hahn-Meitner-Instituts zu dem Reaktor aus dem Jahre 1994 heißt es hingegen: „20 Minuten nach Eintritt des Unfalls beginnt die Kernschmelze“. Freigesetzt würden in diesem Fall Strahlung von 52.000 bis 72.000 Terra-Becquerel (TBq) – das entspricht einem schweren Unfall, bei dem sofort Maßnahmen ergriffen werden müssten. Dann müsste der Katastrophenschutzplan zum Einsatz kommen, doch die BI bezweifelt, dass er das Papier wert ist, auf dem er gedruckt ist. Die dort festgelegten Ausbreitungszonen seien zu klein. Für Kernkraftwerke seien die Radien nach dem Atomunfall in Fukushima überprüft und erweitert worden, teilweise um das Vierfache. Nicht so bei den Forschungsreaktoren. Zwar sollen nach einem möglichen Reaktorunfall Jodtabletten ausgegeben werden, doch deren Verteilung ist kompliziert geregelt. Dabei sei der Zeitpunkt der Einnahme entscheidend: Kurz bevor die radioaktive Wolke die Menschen erreicht, muss die Tablette eingenommen werden, um Schutz zu geben, erläuterte Stephan Worseck von der BI.
Dass ein Flugzeug auf den Reaktor falle, was als einziges Szenario in Frage komme, um den Reaktor zu beschädigen und eine Kernschmelze auslöse, sei zwar sehr unwahrscheinlich, sagte Worseck, doch auch ein Erdbeben der Stärke neun mit anschließendem Tsunami ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich. Vorgekommen ist es trotzdem: in Fukushima. Nach dem Reaktorunfall dort überprüfte die Strahlenschutzkommission der Bundesregierung den Katastrophenschutz. Nicht die Wahrscheinlichkeit, sondern die Folgen eines Atomunfalls sollten Maßstab der Maßnahmen sein.
„Der sicherste Schutz für die Bevölkerung ist, das Ding zuzumachen“, so Worseck. Und das sei im Falle des BER II sogar einfach, weil es dazu nur des politischen Willens des Senats und der Bundesregierung brauche. Doch der fehle, so Worseck. Die Ängste der Bevölkerung würden nicht Ernst genommen.
Gut zweieinhalb Stunden wurde im Bürgersaal diskutiert. Doch viele Fragen blieben unbeantwortet. Was hat das Land Berlin geändert nach der misslungenen Katastrophenschutzübung? Wie will sie den Ernstfall managen? Wie ist die Verteilung der Jodtabletten organisiert? Antworten gab es nicht, weil die, die sie hätten geben können, nicht dort waren. So blieb die Veranstaltung unbefriedigend. Vielleicht auch deshalb forderte eine Anwohnerin aus dem Publikum, dass man doch etwas tun müsse, dass ein Signal ausgehen müsse von dieser Veranstaltung. Und so einigte man sich darauf, sich für einen Entzug der Betriebsgenehmigung für den Reaktor, die 1973 erteilt wurde, zu engagieren.
Der Diskussionsabend soll nicht der letzte sein, kündigte die BI an. Auch dann wird man sich wieder um Gesprächspartner aus der Senats- und der Bezirksverwaltung bemühen – Ausgang offen.
(go)












Foto: Haus der Jugend Zehlendorf[/caption]
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