Erweiterungen und Reflexionen zur Theorie der sozialen Skulptur

Erweiterungen und Reflexionen zur Theorie der sozialen Skulptur

Soziale Plastik im Kieztreff, Foto von Chao Li

 

Anmerkung der Redaktion: Xiaoyu Tang ist Studentin der Universität der Künste in Berlin und lebt in Steglitz. Sie verfasste einen Essay über die Thematik der sozialen Plastik. Zur Zeit arbeitet sie mit ihrer Kommilitonin Rebecca Dantas an einem sozial-künstlerischen Projekt zum Thema Rassismus. In diesem Rahmen fand am 22.08.22 im Kieztreff in Lichterfelde-Süd ein Event statt. Dies war ein Workshop, um Geschichten aus der Gesellschaft vor Ort zu sammeln, indem gemeinsam Kuchen gebacken wurde. Hierbei handelte es sich um eine konzeptionelle Entwicklung der Sozialen Plastik, die wir in vielen sozialen Räumen nutzen und mitgestalten können.

Skizze einer Entwicklung: von ‚7000 Eichen‘ zum ‚S27-ARRIVO‘

In diesem Aufsatz möchte ich eine Entwicklung skizzieren, die in einer Weiterentwicklung der Sozialen Plastik zu einem gesellschaftlichen Wandel führt bzw. geführt hat, welcher auch die Struktur klassischer Aktivismus-Projekte verändert hat.

Da es in meinem Vortrag auch um künstlerische Intenventionen im öffentlichen, sozialen und medialen Raum geht, habe ich einige exemplarische Kunstprojekte ausgesucht. An diesen möchte ich einen Strukturwandel in den Kunstprojekten der 1980er bis 1990er Jahren aufweisen. Dieser Wandel hat sich bis heute fortgesetzt. Die soziale Plastik hat sich in eine Kunst verwandelt, die in partizipativer Praxis die soziale Veränderung fördert.

Der Grund, warum dieses Thema diskutiert werden sollte, ist, dass wir als Künstler*innen oder soziale Institution nur in einem konkreten sozialen Raum ermitteln können, wie man durch künstlerische Interventionen die Gesellschaft effektiver und nachhaltiger neukonstruieren und verändern kann.

Der Hauptteil des Textes beschäftigt sich mit den Veränderungen und der Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Im wichtigsten Teil werde ich mich auf die Frage fokussieren, wie aktuelle Kunstprojekte im sozialen Raum realisiert werden. Meine Argumentation wird die 7000 Eichen von Beuys, den Gesundheitsbus von 1993 in der Übergangszeit und das aktuelle ARRIVO-Projekt von S27 behandeln.

Mein Text besteht aus drei Teilen:

1. Erläuterungen zur Entstehung und zur Definition der Sozialen Plastik und zum 7000-Eichen-Projekt.

2. Beobachtungen und Fragen zur Veränderung und zur Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart:
– Wer waren bzw. sind die Initiator*innen, Teilnehmer*innen, Partner*innen?
– Welche Methoden der Kunstproduktion sind entwickelt worden?

3. Fazit: Kunst sollte sich in verschiedenen sozialen Räumen abwickeln. Es geht um Vorstellungen von möglichen zukünftigen Entwicklungen der Kunstpraxis im sozialen Raum.

1. Erläuterung zur Entstehung und zur Definition der Sozialen Plastik und zum 7000-Eichen-Projekt.

1.1 Die soziale Plastik

Zunächst möchte ich über das Konzept der sozialen Plastik von Joseph Beuys sprechen. In Umkehrung der Begriffe kann man tatsächlich im Sinne Beuys von einer plastischen Gesellschaft sprechen, was für den Einstieg in sein Konzept wichtig ist.

Normalerweise versteht man unter „ Plastik“ ein physisches, dreidimensionales Objekt, das aus verschiedenen Materialien bestehen kann. Im engeren Sinne beinhaltet der Begriff Plastik Modellierbarkeit, Formbarkeit.[1] Sie entsteht in einem aufbauenden Verfahren. Plastiken im traditionellen Sinn stehen im privaten oder im öffentlichen Raum. Die traditionellen Funktionen: semantische, ästhetische/dekorative und Erinnerungsfunktion (Denkmal). Plastiken sind immer ‚in situ‘ (Raum einnehmend).

Auf Basis des erweiterten Kunstbegriffs von Beuys entstand jedoch die viel diskutierte Konsequenz aus der ‚Sozialen Plastik‘: „Jeder Mensch ist ein Künstler “ , die Joseph Beuys erstmals 1967 im Rahmen seiner politischen Aktivitäten äußerte.[2] Im Gegensatz zum Konzept einer eher formalen Ästhetik erfasst der von Joseph Beuys verbreitete Kunstbegriff menschliches Verhalten (die Natur des Menschen) (s.Anthropologische Erkenntnistheorie)[3] und richtet die Aufmerksamkeit auf soziale Strukturen und gesellschaftliche Veränderung. Alle sollen das Leben sozial und kreativ mitgestalten, insbesondere trifft das die Politik, Wirtschaft und unserer Beziehung zur Natur.

Durch den Prozess, in dem immer mehr Menschen miteinander kommunizieren und Aktionen gemeinsam gestalten, können die Menschen ihre Beziehungen ständig verändern. Daher kann man auch sagen, dass die soziale Plastik eher eine fließende und unsichtbare Form als eine statische Form ist.(s. Fluxusbewegung[4]).

Hier ein Verweis auf die Chronologie: Beuys gründete auf der 5.Documenta 1972 die Organisation für direkte Demokratie; 1979 kandidierte er als Mitglied der Grünen für das Europäische Parlament; Außerdem gründete er die Deutsche Studenten Partei (DSP)1967 und auf der 6.Documenta 1977 die Freie Internationale Universität (FIU), um die gesellschaftliche Veränderung voranzutreiben. An diesen Aktionsarbeiten können wir eine Änderung erkennen, die darin besteht, dass Kunst nicht mehr auf die physischen Ergebnisse beschränkt ist, die in Museen oder Galerien ausgestellt werden, sondern auch Ideen voranbringt und dadurch die gesamte Gesellschaft anspricht/adressiert.

1.2 7000-Eichen-Projekt

Hinter der Forderung nach sozialer Plastik steht auch die Hoffnung, dass Kunst als interdisziplinäre Sprache in Bezug auf bestehende Umweltthemen zwischen Natur und Mensch vermitteln kann.

7000 Eichen ist ein öffentliches Kunstprojekt, das Joseph Beuys für die 7. Documenta 1982 entworfen hat. Zusammen mit Freiwilligen begann er in Kassel Eichen zu pflanzen, neben denen jeweils eine Basaltstele platziert war. Dabei handelte es sich um eine sehr weitreichende, lange dauernde Intervention, die darauf abzielte, urbane Lebensräume nachhaltig zu verändern. Beuys selbst bezeichnete dies als soziale Plastik. Es wurde erst 1987 fertiggestellt.

„Ich wollte ganz nach draußen gehen und einen symbolischen Beginn machen für ein Unternehmen, das Leben der Menschheit zu regenerieren innerhalb des Körpers der menschlichen Gesellschaft, und um eine positive Zukunft in diesem Zusammenhang vorzubereiten.“ –JOSEPH BEUYS IN FERNANDO GROENER, ROSE-MARIA KANDLER: 7000 Eichen. [5]

Dieses Projekt zeigt den Transformationsprozess von der traditionellen zu der sozialen Plastik in anschaulicher Weise. 7000 Eichen hat die Beziehung zwischen Bewohner*innen und natürlichen Lebensräumen verändert, und diese Plastik wird weiter wachsen und sich verändern.

2. Beobachtungen und Fragen zur Veränderung und zur Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart

Ich denke, dass das von Beuys vorgeschlagene Konzept der sozialen Plastik im Sinne einer grundlegenden Methodik verstanden werden kann und soll: Offene, fließende Strukturen, (sozial-)räumliche und zeitliche Entwicklungen und Potential für Veränderung.

Abschließend muss man aber feststellen, dass diese Aktion uns zwar eine Methode aufgewiesen hat, aber letztlich in der Sphäre der Kunst/des Ästhetischen verblieben ist und nur am Rand von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Wie aber kann Kunst die realen sozialen Räume erfassen und gestalterisch intervenieren?

Sehen wir uns an, wie sich künstlerische Aktionen seit den 1990er Jahren verändert haben. Mit dem ersten Projekt im Jahr 1993 gelang es der WochenKlausur, die medizinische Versorgung von Obdachlosen in Wien sicherzustellen. Das erste Experiment wurde auf Einladung der Kunstinstitution „Wiener Secession“ durchgeführt. Das Team der WochenKlausur wollte zeigen, dass Kunst pragmatisch in den Alltag eingreifen und soziale Defizite abbauen kann. Finanziert wurde das Projekt durch Akquirierung von Unternehmen, die Werbung auf dem Fahrzeug platzieren konnten. Das Auto wurde dann von der WochenKlausur zu einer mobilen Klinik umgebaut. Seitdem werden monatlich rund 700 Menschen in dieser mobilen Klinik behandelt.[6]

Dieses Projekt entwickelt das Konzept der sozialen Plastik weiter. Es verwendet effektive, nachhaltige und direktere Methoden, um sozialen Gruppen zu helfen. Es arbeitet mit verschiedenen Organisationen zusammen, um die Finanzierung abzuschließen. Der Projektablauf erfordert keine (redundanten) Konzepte und Erläuterungen mehr.

Die Quelle der Struktur dieses Projekts sind nicht mehr visuelle oder politische Informationen/Konzepte, sondern die Bedürfnisse des Publikums, die von den Künstler*innen und sozialen Organisationen in der Kooperation zum Ausgangspunkt gemacht werden.

Wir können sie als „New Genre Public Art“ bezeichnen (s.Lacy,Suzanne), oder auch als partizipative Kunst (s.Astrid Wege). Kunst in diesem Sinne sollte sich als Dienstleistung verstehen. Ein klarer Wandel im Selbstverständnis der Künstler*innen (s.Alfred Nemeczek).[7]

Wenn die öffentliche Kunst (bzw. Kunst im öffentlichen Raum) in den 1990er Jahren eine weitere Entwicklung der sozialen Plastik war und eine gesellschaftliche Veränderung mit sich mitgebracht hat, dann sind die heutigen kunstbezogene Aktivitäten noch viel diverser und nachhaltiger im Sinne der gleichen gesellschaftlichen Veränderung. Zum Beispiel das Arrivo Berlin Übungswerkstätten. Dieses Projekt stammt aus einem langfristigen Projekt von S27, hauptsächlich für die Ausbildung von Geflüchteten, die Rekrutierung von Firmen und die Handwerksausbildung von geflüchteten Frauen. Die »Schlesische27«, jetzt »S27 – Kunst und Bildung«, basiert seit ihrer Gründung Anfang der 1980er auf der Idee, mit jungen Menschen besondere, von der Kunst inspirierte Projekte zu machen.[8]

Ich denke, die Methoden und Konzepte der Kunst zur Förderung der gesellschaftlichen Veränderung (social change) haben sich in den letzten dreißig Jahren strukturell verändert. Ich konnte die drei Projekte — 7000 Eichen 1982,Gesundheitsbus 1993 und Arrio Berlin Übungswerkstätten — in dieser Weise vergleichen und dabei die oben genannten Fragen anwenden.

Auch mit dem Einsatz von Schlüsselbegriffen[9] für partizipative Interventionen kämen wir zu ergiebigen Vergleichen:

Initiator*innen und Partner*innen sind Künstler*innen, soziale Organisationen, oder öffentliche Institutionen; Teilnehmer*innen sind Gemeindebewohner, Obdachlose oder Flüchtende, aber z.B. auch Personalvermittlungsunternehmen; Partner*innen sind lokale Regierungen, Kulturbüros, Wohltätigkeitsorganisationen, private Unternehmen oder andere soziokulturelle Institutionen. Gleichzeitig nutzen sie unterschiedliche Medien und Szenen in unterschiedlichen Räumen. Im öffentlichen Raum gibt es beispielsweise Pflanzaktionen (7000 Eichen), oder es werden mobile Gesundheitsbusse als soziale Plastik eingesetzt, und Öffentlichkeitsbeteiligung findet auf den Straßen statt. Im sozialen Raum setzt sie eher auf die Zusammenarbeit sozialer Institutionen, sowie auf die Vermittlung von Beziehungen zwischen Gemeinschaften, zwischen Gemeinschaften und Einzelpersonen, sowie zwischen Gemeinschaften und Regierungsbehörden. Sozialer Raum kann in jedem Bereich existieren, solange er von Institutionen oder Kollektiven oder Gemeinschaften organisiert wird. Die Themen und Interventionsmethoden dieser Projekte umfassen: konzeptionelle Umwandlung traditioneller Funktionen von Denkmälern in der Stadt; Organisation medizinischer Dienstleistungen, Mobilitätshilfe in öffentlichen und sozialen Räumen; konzentrierte kostenlose Schulung/Ausbildung für bestimmte soziale Gruppen in sozialen Räumen.

Durch diesen Vergleich können wir schließlich auch die intendierten Veränderungen von Denkperspektiven erfassen. Wie Beuys sagte, hat Kunst in jedem Bereich einen Platz. Sie kann in unterschiedlichen Kontexten und zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themen intervenieren und Positionen entwickeln helfen: in städtischen Laboratorien, bei der Obdachlosenarbeit, zu Fragen der Gemeinschaftsidentität, der Staatsbürgerschaft und zur Interkulturalität, zu Antidiskriminierung, in psychotherapeutischen Situationen usw…

3. Fazit

Die oben skizzierte Entwicklung der Kunst in den letzten 30 Jahren macht deutlich:

– Es gibt keine vereinheitlichende Ästhetik mehr. – Künstlerische Aktionen basieren auf interdisziplinären Fragestellungen.

– Kunst im öffentlichen, sozialen oder medialen Raum versteht sich als Medium zur Förderung der gesellschaftlichen Veräderung (social change).

– Als Künstler*innen haben wir die Verantwortung, einzugreifen, zu vermitteln und daran teilzunehmen.

– Wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir akzeptiert werden und wie wir die Öffentlichkeit direkter einbeziehen können.

Ich denke, die zukünftige Entwicklung sollte in diese Richtung gehen und neue Möglichkeiten experimentell entwickeln. Kunst sollte ihren Platz in verschiedenen Bereichen haben. Bei der Konzeption der zukünftigen Entwicklungen der künstlerischen Praxis sollten diese ihre Relevanz für den sozialen Raum in den Blick nehmen. Wenn man die S27-Webseite öffnet, sieht man die aktiven Projekte, an denen sie gearbeitet haben, und das Archiv der abgeschlossenen Projekte, sowie die Hotline-Registrierungstelefonnummer und die gültigen E-Mail-Informationen. S27 beschäftigt sichausschließlich mit der sozialen Plastik und gestaltet dabei die Gesellschaft.Ich denke, dies ist der zukünftige Ansatz für die Kunst, ein direkterer und effektiverer Weg, um die Gesellschaft in eine positivere Richtung zu bringen und zu fördern.

 

Xiaoyu Tang
Universität der Künste Berlin

 

 

 

Zitate:

[1] F. Kluge; E. Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin, New York 2002: de Gruyter, ISBN 3-11-017473-1, Stichwort Skulptur.

[2] Wolfgang Zumdick: Joseph Beuys als Denker. PAN/XXX/ttt, Sozialphilosophie – Kunsttheorie − Anthroposophie, Mayer, Stuttgart, Berlin 2002, S.12

[3] Scholl,Mareen: Soziale Plastik 48 Stunden Neukölln ,2012, <http://magazin.cultura21.de/piazza/texte>, S.21-22(06.08.2021)

[4]Hans Belting: Das unsichtbare Meisterwerk: Die modernen Mythen der Kunst. C. H. Beck, 2001, ISBN 3-406-48177-9, S.455,2+455,3

[5] Fernando Groener, Rose-Maria Kandler (Hrsg.): 7000 Eichen. König, Köln 1987, ISBN 3-88375-068-9, S.15f.

[6] WOCHENKLAUSUR: Medizinische Versorgung Obdachloser, Wien, Wiener Secession, 1993, <https://wochenklausur.at/projekt.php?lang=de&id=3>(13.09.2021)

[7] Lacy,Suzanne: MAPPING THE TERRAIN New Genre Public Art, Washington 1995.ISBN 0-941920-30-5, s.19

[8] Schlesische27: Arrivo Berlin Übungswerkstätten, Berlin 2021, <https://www.s27.de/portfolio/arrivo/>(18.09.2021)

[9] Tang,Xiaoyu: Der Vortrag für THEY: LIVE – student lives revealed through context-based art practices – an EACE Project. Künstlerische Intenventionen im öffentlichen, sozialen und medialen Raum, UDK Berlin-IFKIK 10.2021

Literaturverzeichnis:

  • Lacy,Suzanne:MAPPING THE TERRAIN New Genre Public Art,Washington 1995.ISBN 0-941920-30-5.
  • Scholl,Mareen: Soziale Plastik 48 Stunden Neukölln,2012, <http://magazin.cultura21.de/piazza/texte> (06.08.2021)
  • Bosch Susanne/Theis Andrea: CONNECTION:Artists in Communication,in:Zeischegg,Francis: Art Forms of Communication in Social Space of Action,Ulster 2012 ,S.6-17.
  • Feldhoff, Silke: Zwischen Spiel und Politik-Partizipation als Strategie und Praxis in der bildenden Kunst, UDK Berlin 2009.

 

 

 

 

 

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Radweg Unter den Eichen: Desaster mit Ansage

[caption id="attachment_104266" align="aligncenter" width="622"] Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Eine Radwegeanlage wird zurückgebaut. Die Verantwortlichen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Verkehrsteilnehmer bewusst gegeneinander aufgebracht zu haben. Das Ergebnis ist ein verkehrspolitischer Stillstand. Wer mit der Gegend um den Kreisel, Schloßparktheater und Gutshaus Steglitz vertraut ist, konnte ahnen, dass die Sache mit dem Radweg schiefgeht. Der Verkehr, der sich hauptsächlich von der Autobahn 103 und zu einem geringeren Teil aus der Schloßstraße und zu einem noch geringeren Teil aus dem Wolfensteindamm in Richtung der Straße Unter den Eichen ergießt, staute sich schon immer an der Kreuzung Schloßstraße/Hindenburgdamm. Weil Abbieger die linke Spur blockieren, fädeln sich die geradeaus Fahrenden in die rechte Spur ein, der Verkehr staut sich. Auf dem aktuellen Luftbild bei Google Maps ist das zu erkennen. Als im Jahr 2022 die Berliner Verkehrsverwaltung unter der Leitung der Grünen Bettina Jarasch auf die Idee kam, den Radverkehr ab der Straße Am Fichtenberg vom ihrer Ansicht nach nicht sicheren gemeinsamen Geh- und Radweg auf die Straße zu verlagern, musste klar sein: Nach der Staustelle an der Kreuzung würde nach nur 200 Metern eine weitere Engstelle entstehen. Um einen Rückstau in den Stoßzeiten bis an den Wolfensteindamm zu vermeiden, wäre eine naheliegende Überlegung gewesen, das Linksabbiegen in den Hindenburgdamm (in Höhe der Braillestraße) zu verbieten. Diese Option wurde jedoch nie geprüft, wie die Senatsverwaltung auf Anfrage bestätigt – weder bei der Planung, noch in den folgenden Jahren. Ziel war es damals, für mehr Sicherheit beim Radverkehr zu sorgen. „Der schlechte bauliche Zustand des Radweges mit den Wurzelaufbrüchen im Bereich des Radwegs ist eindeutig zu erkennen“ lautete der Befund. Und weiter: „Auf der viel befahrenen Straße Unter den Eichen ist ein Zulassen des Radverkehrs auf der Fahrbahn ohne Schutzmaßnahmen nicht zu verantworten, weshalb der Radweg benutzungspflichtig war. Nach Feststellung der zentralen Straßenverkehrsbehörde war die für den baulichen Radweg angeordnete Benutzungspflicht auf dem Streckenstück nicht weiter hinnehmbar, bzw. verkehrsrechtlich zulässig.“ So fasst es die Pressestelle der Verkehrsverwaltung heute zusammen.   [caption id="attachment_104265" align="aligncenter" width="622"] Klare Sache: Radweg kaputt. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Wer sich vor vier Jahren um die Sicherheit der Fußgänger und Radfahrer in diesem Gebiet sorgte, hätte eigentlich den Blick auf den Hindenburgdamm lenken müssen. Wer dort mit dem Rad zwischen Gardeschützenweg und Drakestraße unterwegs ist, fährt nicht nur durchgehend auf einem schmalen und kaputten Streifen, der zwischendurch auch mal komplett fehlt. Radfahrer müssen jederzeit mit unberechenbaren Hunden, Kindern und unvorsichtigen Erwachsenen rechnen. Baugerüste rechts, Straßenbaustellen links. Einzelhandel, Dienstleister und Bushaltestellen – mit jeder Menge Publikumsverkehr. Das Anliegen, auf dem Hindenburgdamm eine Bus- und Radspur einzurichten, stand sogar kurz vor der Umsetzung. Der Plan einer Busspur zwischen Klingsorstraße und Gelieustraße wurde 2024 wegen rechtlicher Bedenken zurückgestellt, aber nach der dafür notwendigen und vollzogenen Änderung der Straßenverkehrsordnung nicht wieder aufgenommen. Auf dieser Strecke verkehren drei Buslinien  – an der gut 600 Meter langen Radwegeanlage Unter den Eichen fährt nur eine Buslinie, die M48.   [caption id="attachment_104264" align="aligncenter" width="622"] Doch keine klare Sache: Schadstellen lassen sich problemlos umfahren. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Zurück also an den Botanischen Garten, an dessen Zaun entlang sich der außer Betrieb gesetzte Geh- und Radweg befindet. Fußgänger sind hier fast nicht anzutreffen, und vereinzelt kann man hier Radfahrer beobachten. Letztere finden hier weitaus bessere Bedingungen als am Hindenburgdamm. Der Weg ist gut befahrbar, und schadhafte Stellen lassen sich auf dem menschenleeren Fußweg gut umfahren. Das sieht mittlerweile auch die Senatsverkehrsverwaltung so. Der Fußverkehr sei „überschaubar“, begründet sie ihre Volte, und damit sei genug Platz für Radfahrer. Diese Sichtweise kommt nicht gut an. Der zur Umsetzung verpflichtete Bezirksstadtrat Urban Aykal (Grüne) gibt sich empört, die Anordnung des gemeinsamen Geh- und Radweges sei „sehr fragwürdig“. Der Bezirk habe Ende April 2026 im Rahmen einer Anhörung eine ausführliche Stellungnahme abgegeben. „Unsere darin fundiert begründeten Bedenken werden weggewischt“, so Aykal. Eine Nachfrage zur Einsicht in die Stellungnahme blieb ohne Antwort. Die Verkehrsverwaltung verweist auf die Frage nach den Gegenargumenten auf die Begründung der Weisung an den Bezirk, den Radweg Unter den Eichen zurückzubauen. Das Dokument bezieht sich ausschließlich auf die Bus- und Radspur. Wie eine Sanierung des Gehwegs, der nun wieder Radweg werden soll, ausgeführt werden soll, wird nicht thematisiert. „Mitunter“, heißt es in der Anordnung vom 29. Juli, gebe es aufgrund der „Einengung für die Radverkehrsanlage Höhe Botanischer Garten“, „Schwierigkeiten an der Kreuzung mit der BAB 103“. Die „Schwierigkeiten“ werden nicht näher benannt. Die „Stauwurzel“ an der Straßenkreuzung Am Fichtenberg ist laut Diagnose der Verwaltung die Mutter aller Probleme. Die beiden folgenden Fußgängerampeln am Begonien- und Asternplatz seien für die Überlastung nicht die Ursache. Neben der Behinderung des Busverkehrs wird die Situation an der Kreuzung Schloßstraße / Hindenburgdamm aufgezeigt, die durch Fehlverhalten der Autofahrer entsteht: Obwohl der Stau deutlich erkennbar ist, überfahren einige Fahrer die Ampel. In der Folge stehen die Autos auf der Kreuzung und auch auf der Fußgängerquerung. Der Knotenpunkt liegt auf den Schulwegen zahlreicher Kinder, die drei naheliegende Schulen besuchen.   Die Lösung ist für die Verkehrsverwaltung die Herstellung des ursprünglichen Zustandes, fast jedenfalls: Um auf die gesetzlich vorgeschriebene Breite von 2,50 Meter zu kommen, wird dem alten Radweg der Gehweg zugeschlagen. 1,75m Gehweg plus 80 bis 100cm Radweg – passt. Wo die Fußgänger dann laufen sollen, bleibt offen. Ob diese Linie vor Gericht Bestand hat, muss sich zeigen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat bereits angekündigt, die geplante Abschaffung des Radwegs auf dem Rechtsweg zu stoppen. Die Organisation war bereits in einigen Berliner Verkehrsstreitsachen erfolgreich, zuletzt verhinderte die DUH die Abschaffung von Tempo 30 in der Albrechtstraße (die Stadtrand-Nachrichten berichteten). Die Berliner Fahrradlobby äußerte in teils drastischen Worten ihren Unmut. Von einem „Ausdruck völlig einseitiger ideologischer Verblendung“ sprach beispielsweise der Landesvorsitzende des VCD Nordost, Heiner von Marschall. Der Verein Changing Cities kritisiert: „Das sieht schwer nach Schein-Wahlkampfgeschenk an die autofahrende CDU-Klientel aus. Die CDU betreibt in Wahlzeiten Symbolpolitik gegen den Radverkehr, statt wirkliche Problemlösungen anzubieten.“ Der ADFC bilanziert: „Die Begründung und Argumentation rund um den angekündigten Rückbau zeigen ein erschreckendes Ausmaß an Unwissen und Ignoranz“; Eine vom ADFC initiierte Petition wurde seit Mai von rund 3600 Personen gezeichnet – was einerseits den Rückhalt für die Radfahrer deutlich werden lässt. Andererseits verzeichnet das Diskussionsforum dieser Online-Unterschriftensammlung eine bemerkenswerte Anzahl an Contra-Kommentaren, in denen sich verärgerte Autofahrer zu Wort melden. Das Thema polarisiert, der Frust ist auf beiden Seiten groß. Bleibt die letzte Frage: wie konnte das so eskalieren? Zum einen wurde Bettina Jarasch, deren „Flaniermeile“ auf der Friedrichstraße unvergessen ist, Populismus unterstellt. Tatsächlich sind die 600 Meter Radweg Unter den Eichen nicht Teil eines bestehenden Gesamtkonzepts, Radwege in Steglitz-Zehlendorf gleichen insgesamt einem Flickenteppich und enden nicht selten im Nichts. Möglicherweise geriet seinerzeit (2022) der Hindenburgdamm als sachlich begründbare Radverkehrstrasse aus dem Blick, weil hier bereits seit zwei Jahren eine Dauerbaustelle bestand. Dabei sind die Zustände hier katastrophal:    [ngg src="galleries" ids="392" display="basic_slideshow"]Hinzu kommen die Folgen einer weiteren verkehrspolitischen Entscheidung, die ebenfalls die Grüne Senatorin Jarasch zu vertreten hatte: Im April 2023 wurde der Schlangenbader Tunnel aus Sicherheitsgründen gesperrt. Autofahrer mit den Zielen Dahlem, Lichterfelde und Zehlendorf weichen zum Teil auf die A 103 aus, die am Kreisel endet. Wegen der Baustellen am Hindenburgdamm und zeitweise auch am Ostpreußendamm, in der Grunewaldstraße und anderen wichtigen Hauptverkehrsstraßen scheint es zeitsparender, die B1 zu nehmen und von dort aus in die Ortsteile zu gelangen. Die Zahlen im Berliner Geoportal zeigen im Bereich Unter den Eichen zwischen Grenzburgstraße und Am Fichtenberg eine hohe Verkehrsbelastung. Die Verkehrsmengenkarte 2019 gibt hier zwischen 32.100 und 37.000 Kfz innerhalb von 24 Stunden eines Werktages an (in beide Richtungen), wobei die große Schwankung nicht logisch erklärbar ist. Die Verkehrsmengenkarte 2023 belegt eine Zunahme des Verkehrs: auf dem gleichen Streckenabschnitt wurden in dieser Erhebung zwischen 38.800 und 39.500 Kfz gezählt. Naheliegend ist, dass die Zunahme mit dem Beginn der Bauarbeiten am Hindenburgdamm (ab 2020) zu tun hat. Die Folgen der Tunnelsperrung am Breitenbachplatz bilden sich in den zuletzt veröffentlichten Verkehrsmengendaten jedoch nicht ab, weil sie 2021 und 2022 erhoben wurden. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Zahlen seit 2023 nochmals gestiegen sind. Das wird man aber erst sehen, wenn die Verkehrsmengenstudie 2028 veröffentlicht wird – mit den Daten aus 2026 und 2027. Der Berliner Trend ist eigentlich ein anderer. Die Zahl der Autos pro 1000 Einwohner sinkt, ebenso die Zahl der gefahrenen Kilometer. Vor diesem Hintergrund hätte die Verkehrsverwaltung einem Streckenabschnitt mit steigenden Verkehrszahlen und sich häufenden Beschwerden besondere Beachtung schenken müssen. Lange Zeit tat sich jedoch: nichts. Die Verkehrsverwaltung unter den CDU-Senatorinnen Manja Schreiner und Ute Bonde hat auf zunehmende Kritik erst in diesem Frühjahr reagiert – zeitlich auffallend parallel zur „Auto verbieten verboten“ – Kampagne der CDU Berlin. Die Umsetzungsanordnung kam dann im August, zu Beginn der „heißen“ Wahlkampfphase. Auch die Grünen im Bezirk werben derzeit um Stimmen, der Radweg Unter den Eichen ist eines Ihrer aktuellen Themen. Die Partei fordert beispielsweise „eine intelligente Ampelschaltung am Botanischen Garten oder eine flexible Nutzung der drei Fahrspuren – morgens zwei Spuren stadteinwärts und eine stadtauswärts, nachmittags umgekehrt“. Diese Idee wurde jedoch schon vor Baubeginn des Radstreifens, also unter der Grünen Senatorin Jarasch, verworfen, wie ein Sprecher der Verwaltung erklärt: „Im Rahmen einer Verkehrsanalyse wurde die Staubildung in Fahrtrichtung stadtauswärts untersucht. Die Überprüfung möglicher Anpassungen an Lichtsignalanlagen im weiteren Straßenzug, insbesondere am Birkbuschplatz und an der Kreuzung Schloßstraße / Braillestraße – Hindenburgdamm, hat ergeben, dass aufgrund der komplexen Steuerungsanforderungen (insbesondere ÖPNV-Beschleunigung und Knotengeometrie) keine wirksamen Maßnahmen zur Stauminderung möglich sind. Der Vorschlag, in der Straße Unter den Eichen in Höhe des Botanischen Gartens eine dynamische Fahrstreifenaufteilung einzubauen, wurde bereits vor Anordnung der Radverkehrsanlage auf der Straße hier geprüft. Eine nähere Betrachtung hatte gezeigt, dass es im Tagesverlauf keine wesentlich unterschiedlichen Lastrichtungen im Verkehrsaufkommen gibt. Insofern wurde eine solche Lösung verworfen.“ Die Bezirksgrünen erwecken in einem aktuellen Instagram-Video den Eindruck, nun stünden Baumfällungen an. Diese Behauptung ist mindestens irreführend. Auf Anfrage teilt die Verkehrsverwaltung dazu mit, dass im Rahmen der „grundhaften Erneuerung der B1 Baumfällungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen“ werden könnten. Ein Zusammenhang mit dem Radstreifen bestehe jedoch nicht. Derweil wird bei Autofahrern und Radlern in der ganzen Stadt die Lunte kürzer. Möglicherweise liegt das an wenig faktenbasierten Diskussionen, die selten zu sachgerechten Lösungen führen.

Daniela von Treuenfels

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