
BVV-Vorsteher René Rögner-Francke überreichte die Bezirksmedaille an Evelyne Weber, Dr. Hildegard Frisius, Marion Collavino-Loll und Reinhard von Bronewski (von links): Foto: BVV-Büro
Ohne bürgerschaftliches Engagement würde vieles in der Gesellschaft nicht funktionieren. Vier Steglitz-Zehlendorfer, die sich seit Jahrzehnten für den Bezirk und seine Menschen engagieren, wurden am Sonntag in Steglitz mit der Bezirksmedaille ausgezeichnet. Hier die Übersicht über die Ausgzeichneten, die aus Vorschlägen aus der Bevölkerung ausgewählt wurden, und die Begründung:
Evelyne Weber, die selbst schwerbehindert ist, arbeitet beziehungsweise arbeitete seit 1986 ehrenamtlich als Vollzugshelferin, im Raum der Stille am Brandenburger Tor, im Bezirksbehindertenbeirat, als gesetzliche Betreuerin im Nachbarschaftsverein Schöneberg, als ehrenamtlicher Vormund für junge Menschen, als Schöffin und in der Sozialkommission. Mit ihrem Behindertenbegleithund Gandhi, auf den sie angewiesen ist, erregt sie gerade bei älteren Menschen, die sie im Rahmen des Gratulationsdienstes besucht, große Freude und vermittelt Schulkindern die Bedeutung eines solchen „Helfers auf vier Pfoten“.
Reinhard von Bronewski leistet mit seiner Website www.berlin-brigade.de Erinnerungsarbeit an die Zeit der alliierten Schutzmächte in Berlin. Mit seinem Internetauftritt zeigt er den amerikanischen Soldaten, die vorwiegend in Steglitz-Zehlendorf stationiert waren, dass die Zeit, als sie die Freiheit Berlins garantierten, von den Berlinern nicht vergessen ist. Zugleich gibt er ihnen die vom einfachen GI bis zum General geschätzte Möglichkeit, auf der Seite Erinnerungen und Fotos an ihre Zeit in Berlin einzustellen, so dass hier eine ständig wachsende kollektive Erinnerung entsteht, die für die damals hier stationierten Soldaten von großer persönlicher Bedeutung und für die deutsche und amerikanische Öffentlichkeit von größtem Interesse ist.
Marion Collavino-Loll ist Gründungsmitglied und – von einer kurzen Unterbrechung abgesehen – Vorstandsmitglied des 1994 entstandenen Nachbarschaftshauses Wannseebahn. Nicht zuletzt durch ihr großes Engagement ist das Haus für die Bewohner der damals auf einem ehemaligen Baumschulgelände entstandenen 180 Wohnungen ein wichtiger sozialer Treffpunkt mit Café, Kursen, Festen und anderen Veranstaltungen geworden. Eine Ökogruppe bringt Kindern die Bedeutung der Umwelt im praktischen Anschauungsunterricht nahe. In Kooperation mit der benachbarten Mühlenau-Schule wird umfangreiche und beispielhafte Kinder- und Jugendarbeit geleistet.
Dr. Hildegard Frisius kam über ihre Tätigkeit als Vorsitzende des Gemeindekirchenrats der evangelischen Johannesgemeinde Lichterfelde in Kontakt mit dem Schicksal der von den Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten jüdischen Mitbürger in ihrer Gemeinde und in Steglitz. Sie erforschte zahlreiche Einzelschicksale, über die sie in Vorträgen und Veröffentlichungen berichtete. Zugleich initiierte sie in ihrem Bereich die Aktion Stolperstein, bei der mit Plaketten, die vor den Häusern verfolgter Juden eingesetzt werden, an deren Schicksal erinnert wird. Schülern hilft sie, selbst das Leben und Leiden der einstigen Mitbürger zu erforschen.
Ihnen wurde die Bezirksmedaille vom Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf, René Rögner-Francke, überreicht. Eine fünfte Ehrenamtliche, Dietgard Westerholt, die unter anderem vor mehr als zwei Jahrzehnten den ehrenamtlichen Besuchsdienst im Evangelischen Krankenhaus Hubertus und im Pflegewohnheim Hubertus mit aufgebaut hat und dafür ausgezeichnet werden sollte, befindet sich derzeit auf einer lang geplanten Reise. Ihre Ehrung wird im September nachgeholt.
(sn)












Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (