Zigaretten, Spirituosen oder Süßigkeiten sucht man hier vergeblich. Dafür gibt es eine breite Auswahl an Obst und Gemüse – und das 24 Stunden am Tag, an sieben Tagen der Woche. Warum es sich lohnt und wer um 3 Uhr nachts das „Grünzeug“ kauft? Wir haben „Aykent im Bahnhof“ besucht.
„Wir sind kein Späti“, sagt Aykent Yilmaz, der Inhaber des Obst- und Gemüsestandes im Bahnhof Lichterfelde Ost. Das sei ihm besonders wichtig, betont er. „Wir haben weder Zigaretten noch Alkohol im Angebot.“ Höchstens Bier könne man hier kaufen und das wird eher selten verkauft, erzählt er. „Unsere Kunden wollen eben gesunde Sachen“, sagt Yilmaz lächelnd. Und davon gibt es hier reichlich. Alles, was ein gut sortierter Obst- und Gemüsestand bieten kann, ist hier zu finden.
Doch wer kauft denn schon Möhrchen und Selleriestangen mitten in der Nacht? „So gut wie keiner“, lacht der Besitzer. „Zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens ist hier tote Hose“, so Yilmaz. „Wenn die S-Bahn nicht fährt, haben wir natürlich auch keine Kundschaft. Aber ab 5 Uhr läuft das Geschäft wieder. Obstbecher zum Mitnehmen sind dann der Renner“, erzählt der 45-Jährige. Und auch vor Mitternacht wird fleißig gekauft. „Wer spät Feierabend hat, ist froh, auf dem Nachhauseweg noch einkaufen zu können.“
Doch wenn das Geschäft nachts nicht läuft, warum ist der Stand dann 24 Stunden lang geöffnet? „Auch wenn wir nachts nur sehr wenig bis gar nichts verkaufen, lohnt es sich, durchgehend offen zu haben.“ Man spare sich dadurch den sehr aufwändigen Ab- und Aufbau. Außerdem sei so kein Lager nötig. „Alle Produkte werden direkt nach der Lieferung hier ausgelegt und verkauft“, erklärt Yilmaz. Das erspare nicht nur eine Menge Zeit, sondern auch Kraft und Geld.
„Es war schon immer mein Traum, nie Feierabend machen zu müssen“
Vor drei Jahren hat der gebürtige Türke den Stand im Bahnhof übernommen. „Der alte Besitzer musste gesundheitsbedingt aufhören und für mich war das die einmalige Chance“, erinnert er sich. Zuvor habe er 17 Jahre lang seine Ware auf dem Kranoldmarkt verkauft. Der Standort im Bahnhof sei aber viel besser, erzählt er. Hier sei es kühl, wodurch das Obst und das Gemüse sich viel besser halte, und man sei von Wind und Wetter geschützt. „Außerdem war es schon immer mein Traum, nie Feierabend machen zu müssen“, lacht der Händler. Doch Nachtschicht mache er keine mehr: „Dafür muss man geboren sein. Ich habe einen Mitarbeiter, er möchte immer nur nachts arbeiten. Für ihn ist das das Größte. Und ich bin froh, dass ich das nicht mehr machen muss.“ Insgesamt drei Angestellte hat „Aykent im Bahnhof“. So nennt der 45-Jährige sein Geschäft.
Obst und Gemüse sind aber nicht das Einzige, was „Aykent im Bahnhof“ seinen Kunden zu bieten hat. Nach 17 Jahren am Kranoldmarkt und drei Jahren im Bahnhof kennt der Wahl-Lichterfelder den Kiez und seine Bewohner ziemlich gut. „Man erfährt hier alles, was im Bezirk und bei den Menschen privat los ist“, erzählt er. Mittlerweile kenne er nicht nur die Vorlieben der Kunden, sondern wisse auch vieles über ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Familien. Fragen wie „Geht es dem Sohn gut?“ oder „Wie ist die OP verlaufen“ gehören hier zum „Service“. „Man kennt sich eben“, so Yilmaz. „Genau das finde ich ja so schön an meinem Job. Man trifft so viele Menschen, man unterhält sich nett, man lacht viel. Es ist eine schöne Arbeit.“ Für ihn gehöre das freundlich Sein einfach dazu, sagt der Händler. „Es ist sehr schwer einen Kunden zu gewinnen, ihn zu verlieren geht aber ganz leicht.“ Außerdem sei es für ihn keine Herausforderung: „Mein Job macht mir einfach Spaß, da fällt mir das Lachen nicht schwer.“
Auf die Frage, was er sich für die Zukunft wünsche, antwortet der 45-Jährige zufrieden: „Ich bin gesund, habe Familie und nette Kunden, was soll ich mir da noch wünschen?“ Und sollte die S-Bahn irgendwann mal durchgehend fahren, dann bereitet er einfach ein paar Obstbecher mehr vor.
(eb)














Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
[caption id="attachment_104335" align="aligncenter" width="300"]
Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (