Wer hätte wohl gedacht, dass der Farbfilm in Steglitz erfunden wurde oder dass in dem Berliner Ortsteil Herzschrittmacher für Babys hergestellt werden. Die neue Ausstellung im Steglitz Museum stellt diese und weitere „Gründer und Erfinder der Industriegeschichte“ vor. Eröffnet wurde die Schau am Sonntag.
Ein Forschungsinstitut, das seit mehr als 90 Jahren im Bezirk aktiv ist, ist die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Der BAM wurde nicht nur eine Ausstellungsfläche gewidmet, sondern deren Pressesprecherin übernahm es auch, ein paar Grußworte zu sprechen. Dr. Ulrike Rockland fand, dass der Titel der Ausstellung auch genau zur BAM passe: Erfinder gebe es bei der Bundesanstalt jede Menge, auch Gründer in Form von Start Ups – und zur Industriegeschichte habe die BAM „ein bisschen was beigetragen“: In neun Jahren feiert das Institut sein 100-jähriges Bestehen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entlasteten die neuen Maschinen die Arbeiter, aber sie bargen auch Gefahren, ein Dampfkessel konnte jederzeit explodieren. „Es fehlte oft das Wissen über die Eigenschaften der Materialien“, so Rockland. Etwa darüber, wie sie sich verändern. Das führte dann dazu, dass Schienen nicht immer gerade waren, sondern auch mal geschlängelt, erzählte sie. Deshalb wurde in Preußen die Vorgängereinrichtung der BAM gegründet.
Die Herausforderungen heute sind anderer Natur. Rockland wies auf die Energiewende hin, beispielsweise auf die Errichtung von Windkraftanlagen im Meer. Rockland verglich es mit einem aufgespannten Sonnenschirm am See. Bei Wind fiele er um. „Das darf mit Off-Shore-Anlagen nicht passieren“, deshalb werde geforscht, wie die Anlagen stabil im Meeresboden aufgerichtet werden können.
Natürlich ließ es sich auch die Vorsitzende des Steglitzer Heimatvereins, Gabriele Schuster, nicht nehmen, die Gäste zur „Reise auf der Überholspur“ einzuladen und mit ihnen in die Geschichte zurückzuwandern.
Als der industrielle Aufschwung Mitte des 19. Jahrhunderts Deutschland und Berlin erfasste, schwappte die Welle auch langsam bis nach Steglitz. Angefangen habe alles mit dem Seidenproduzenten Johann Adolf Heese, der 1840 in Steglitz eine Maulbeerplantage anlegte. Industrielle und Unternehmer zogen mit Ihren Firmen das kleine Dorf Steglitz, etwa Rudolf Fuess, der 1891 aus Mitte nach Steglitz kam. Fuess fertigte Präzisionsgeräte etwa für die Meteorologie, Mikroskope, Hygrometer. Er arbeitete dabei eng zusammen mit Forschungseinrichtungen – eine deutsche Besonderheit, so Schuster in ihrer Rede. Als sich Berlin zur „Elektropolis“ entwickelte, hatte Steglitz einen großen Anteil daran. In Lichterfelde beispielsweise fuhr 1881 die erste elektrische Straßenbahn weltweit.
17 namenhafte Persönlichkeiten und Unternehmen werden in der Ausstellung vorgestellt, die mit ihrer schöpferischen Kraft einen wesentlichen Beitrag für den Fortschritt leisteten, so Schuster, dabei gehe es nicht um Nostalgie.
Neben Tafeln, an denen Unternehmer wie der Fototechniker Oskar Barnack, und Unternehmenwie die Neue Fotografische Gesellschaft, die private Chemieschule Lüders, die ausschließlich Frauen aufnahm und Berlin Heart vorgestellt werden, gibt es auch Objekte, die die technische Entwicklung verdeutlichen. Viele historische Geräte hat das Energie-Museum Steglitz zur Verfügung gestellt.
Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) freute sich darauf, auf den Spuren der spannenden Steglitzer Industriegeschichte zu wandeln, sagte er in seinem Grußwort und bedankte sich bei allen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die diese Schau realisiert haben.
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Die Ausstellung „Erfinder und Gründer der Industriegeschichte“ ist bis 28. April 2013 im Steglitz Museum zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Freitag sowie Sonntag von 15 bis 18 Uhr.
(go)













Grafik: Kinder- und Jugendbüro[/caption]