„Das ist eine Lüge. Sagen Sie endlich die Wahrheit!“ – rauer Wind schlug Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) am Mittwochabend in der Mensa der Wilma-Rudolph-Schule entgegen. Dorthin hatte sie zu einer Einwohnerversammlung geladen, um gemeinsam mit dem Berliner Rugby Club (BRC) die Neugestaltung des Schulsportplatzes vorzustellen. Entstehen soll dort ein Rugby-Platz, auf dem der Verein zukünftig trainieren und Spiele austragen will, dazu eine Tribüne und ein Clubhaus.

Ursprünglich für einen späteren Planungszeitpunkt angedacht hatte die Bezirksstadträtin zu einem sehr frühen Stadium zum Anwohnergespräch eingeladen, um „Gerüchten“ – ein Wort, das für Unmut im Publikum sorgte –  die im Umlauf seien, entgegenzutreten und die aktuellen Planungen vorzutragen, wie sie erklärte. Dementsprechend vage waren die Skizzen, die Bezirksamt und Verein vorlegen konnten – was bei den 200 Anwohnern nicht gut ankam und für Misstrauen sorgte.

Der BRC ist ein Zehlendorfer Verein mit langer Tradition. Deren Jugendmannschaften, U8 bis U16, trainieren bereits auf dem Sportplatz der Wilma-Rudolph-Schule. Doch die U 18 und die Herrenmannschaften, die in der ersten und zweiten Bundesliga spielen,  trainieren derzeit in der Jungfernheide, wo auch die Spiele ausgetragen werden. Man wolle einen gemeinsamen Platz in Steglitz-Zehlendorf haben, erläuterte Stefan Hansen, Manager des BRC. Deshalb habe man beim Bezirksamt nachgefragt, wo man unterkommen könne. Das schlug dem BRC den Standort Am Hegewinkel vor.

Geplant ist ein 70 mal 120 großes Spielfeld inklusive Auslaufflächen.  Angedacht ist, dafür Kunstrasen zu verwenden, weil dieses weniger Pflege braucht als Rasen und keiner Regeneration bedarf, erläuterte die Bezirksstadträtin. Geplant ist zudem ein Clubhaus, in der die Geschäftsstelle des Vereins sowie Umkleidekabinen, die auch von der Schule genutzt werden können, untergebracht werden, wie Hansen erklärte.  Weiterhin angedacht ist eine Tribüne mit Platz für maximal 376 Personen sowie eine Flutlichtanlage. Die werde aber nur in den Randmonaten genutzt – im März und November, wenn es früher dunkel wird. „Es wird keine Flutlichtspiele geben“, versicherte Hansen. Große Veranstaltungen würden weiterhin am Maifeld stattfinden.

Auch die Schule soll von der „Ertüchtigung“ des Sportfeldes profitieren. Nicht nur, dass sie es während der Unterrichtszeit bis 16 Uhr nutzen kann, der Verein wird auch eine neue Laufbahn errichten. Alle Planungen seien vorher mit der Schule abgesprochen worden, versicherte der Vereinsmanager, noch bis vergangene Woche habe man die Bedarfe angepasst.

Man wolle nicht baulich in die Waldsiedlung „Bruno Taut“ eingreifen, erklärte Richter-Kotowski, ebenso stellte sie in Aussicht, dass ein Verkehrskonzept erstellt  werden soll für die ohnehin bestehenden Verkehrsprobleme in der Straße. Dass die sich durch den Zuzug des Vereins noch verschärfen werden, glaubte sie nicht. Auch Hansen versicherte, dass es nicht mehr Verkehr und Parkplatzprobleme durch den Verein geben werde. Die Vereinsmitglieder wohnten zumeist in Zehlendorf und würden dann per Fahrrad kommen, andere gründeten Fahrgemeinschaften. Die Busse mit den Spielern an Spieltagen könnten ebenfalls nicht in die Straße Am Hegewinkel fahren, weil die zu schmal sei. Doch für die Anwohner waren dies alles fadenscheinige Erklärungen, die nicht dazu gemacht waren, ihnen ihre Sorgen zu nehmen. Auch die Ausführungen, dass man natürlich Lärm- und Lichtschutzgutachten vorlegen werde, dass man sich selbstverständlich an die gesetzlichen Vorgaben dafür halten werde, nahmen den Anwohnern die Zweifel nicht.

Während für Richter-Kotowski die Neugestaltung eine „win-win-Situation“ ist, von der die Schule profitiert – sie stellte klar, dass der Bezirk keine Mittel hat, um die dortige Sportanlage zu sanieren – sahen sich die Anwohner hier als Verlierer. Sie fürchteten um die Anmutung und die Ruhe in der Siedlung sowie auf dem benachbarten Waldfriedhof. „Das ist nicht lustig: Dort findet eine Beerdigung statt und hier wird geschrien“, legte eine Anwohnerin ihre Sorgen dar; als Existenz bedrohend empfand eine weitere Anwohnerin die Planungen. „Wir haben viel Geld bezahlt, um hier in Ruhe zu wohnen“, sagte sie.

Auch wenn, wie Hansen erklärte, nur durchschnittlich 80 Zuschauer zu den Bundesligaspielen kämen, so gehen die Anwohner davon aus, dass die Zahl steigen wird, weil der Verein expandieren will.

Was sei mit dem Sportfeld an der Sachtlebenstraße und dem Stadion an der Onkel-Tom-Straße, wo es bereits Flutlicht und mehrere Fußballplätze gebe – warum ziehe der Verein nicht dorthin, fragten viele der Anwesenden. Doch das sei nicht möglich, erklärte Richter-Kotowski. Zwar gebe es ein Gutachten aus dem Jahre 2010, das an der Sachtlebenstraße die Möglichkeit sieht, sowohl Rugby als auch Baseball und Softball gemeinsam unterzubringen. Doch das damals ausgewiesene Rugby-Feld sei von den Ausmaßen her nicht wettbewerbstauglich, führte sie aus. Wolle man ein solches dort einrichten, müsse man an die mit Krankenhausabfällen kontaminierte Fläche gehen. Denn wegen des Buschgrabens müsste eine Wanne in den Boden eingebracht werden. Derzeit gehe man von Kosten von 4,9 Millionen Euro aus. Im Ernst-Reuter-Stadion hingegen sei der Kunstrasen nicht geeignet für Rugby und die einzige Rasenfläche von Hertha 03 Zehlendorf belegt.

Doch gerade mit der Aussage zur Sachtlebenstraße waren einige Zuhörer nicht einverstanden, sie bezichtigten die Stadträtin, die Unwahrheit zu sagen und beriefen sich dabei immer wieder auf die Pläne von 2010, die den Bau eines Rugby-Spielfeldes darlegten.

Die Projektvorstellenden auf dem Podium agierten an diesem Abend teilweise unglücklich und sorgten so für noch mehr Verwirrung und Ärger unter den Bürgern. So sagte Hansen erst nach wiederholter Nachfrage,  dass an mindestens 16 Wochenenden Bundesligapiele stattfinden würden, plus mögliche Achtel-, Viertel- und Halbfinalspiele um die Deutsche Meisterschaft; zudem hatte Hansen zum Anfang erklärt, dass es in dem Clubhaus keine Gastronomie geben werde, um dann später zu erklären, dass eine vereinsinterne Gastronomie angedacht ist, um die Gästemannschaften zu versorgen. Diese sei aber nicht öffentlich, und es werde auch kein Alkohol ausgeschenkt.

Zweieinhalb Stunden wurde um die Anlage gestritten, dabei ginge es nicht gegen den Verein, betonten mehrere Anwohner, sondern man verlange, dass auf die Anwohner Rücksicht genommen werde. „Wir haben Angst, dass wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden“, fasste es ein Zuhörerin in Worte. Die Worte „Anwalt“, „Klage“ und „Gericht“ fielen mehrmals an diesem Abend. Hansen hingegen verstand die Welt nicht mehr: „Wir kommen mit allem entgegen und gehen auf die Leute zu und werden demnächst mit Klagen übersät.“

Es soll nicht die letzte Anwohnerversammlung gewesen sein, versprach Richter-Kotowski. Sobald die Planungen weiter fortgeschritten seien und erste Pläne vorlägen, werde man wieder einladen. Dann auch einen größeren Personenkreis, denn viele der Anwesenden seien nur durch die Nachbarn über die Informationsveranstaltung informiert worden, hieß es.

(go)