Im April hat sich die Denkmalschutzbehörde Steglitz-Zehlendorf für das Oktogon im Bahnhof Wannsee als Denkmal des Monats entschieden.
Der heutige Bahnhof Wannsee (früher Dreilinden) wurde 1890/91 als Vorort- und Fernbahnhof im Stil des Historismus erbaut. 1927 wurde das Empfangsgebäude abgebrochen und 1927/28 das heutige Bahnhofsgebäude von Richard Brademann im Stil des Expressionismus erbaut. Gleichzeitig wurde unter dem Kronprinzessinnenweg eine Tunnelverbindung von den Bahnsteigen zu den Schiffsanlegestellen mit einem im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfenen Zugangsgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite geschaffen. Der Bahnhof erhielt ferner 1928 drei ebenfalls im Stil der Neuen Sachlichkeit gehaltene Stellwerke („Ws“, „Wsa“, „Wsk“) nach einem Entwurf von Richard Brademann.
Das lang gestreckte dreigeschossige Empfangsgebäude stellt mit seinem zentralen achteckigen EingangspavilIon und
seiner eindrucksvollen Reihung expressionistischer spitzwinkliger Fenster beziehungsweise Eingänge, die in einer offenen Pergola ausklingen, eine baukünstlerische Rarität unter den Berliner Bahnhöfen dar, zu deren hoher gestalterischer Qualität eine Fülle von Einzelheiten beitragen. Dazu gehört insbesondere die Gestaltung der Halle mit ihren sich nach oben verbreiternden, einen gestaffelten Oberlichtaufsatz tragenden Pfeilern und ihrer mit prismenförmigen Profilriemchen durchzogenen Klinkerplattenverkleidung oder die Materialkombination aus rostrotem Edelputz und braunvioletten Klinkerplatten an der Außenfassade. Gestalterisch schlüssig ist die seitliche Fortsetzung des unteren Oberlichtaufsatzes als zurückgesetztes drittes Geschoß der beiden Gebäudeflügel.
Eine gleiche gestalterische Qualität weist das hoch über der Königstraße angeordnete, wie eine Landmarke in die
Stadtlandschaft wirkende Reiterstellwerk „Ws“ auf, das seine besondere ästhetische Wirkung aus der auf die scheinbar reine Funktion beschränkte, knappe Formensprache und aus der Materialkombination von Stahl und Klinker bezieht.
Vom ursprünglichen Vorortbahnhof sind noch die gußeisernen Stützenreihen und die schmiedeeiserne Gittereinfriedung am Abgang des heutigen Fernbahnhofs erhalten, während die beiden S-Bahnsteige noch die ursprünglichen genieteten Y- oder Verbundstützen mit nach innen geneigtem Holzdach tragen. Von der Ausstattung von 1928 sind noch acht inzwischen erneuerte Bahnsteig-Aufbauten in mit Fliesen ausgefachtem Stahlfachwerk als ehemalige Warteräume, Abfertigungskioske und Toilettengebäude erhalten.
Der Bahnhof Wannsee besitzt geschichtliche – hier baugeschichtliche – Bedeutung, weil er mit seinen Baulichkeiten ein überragendes Zeugnis für die Berliner Verkehrsbauten der zwanziger Jahre darstellt, das sich in der ungewöhnlichen Kombination von expressionistischer Repräsentationsarchitektur (Bahnhofsgebäude mit Eingangshalle) und rein sachlicher Funktionsarchitektur (Tunnelzugang, Bahnsteigaufbauten und Stellwerke) manifestiert.
Künstlerische Bedeutung besitzt der Bahnhof Wannsee, weil seine Baulichkeiten in ihrer künstlerischen Durchbildung eine derart überragende gestalterische Qualität aufweisen, dass er zu den bedeutendsten architektonischen Leistungen auf dem Gebiet des Verkehrswesens in Berlin gerechnet werden muß.
Der Bahnhof Wannsee besitzt wissenschaftliche Bedeutung, weil er mit seinen Baulichkeiten zu den wichtigsten
Leistungen im Gesamtwerk des Architekten Richard Brademann gehört, das noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung bedarf.
Für das Stadtbild ist der Bahnhof von Bedeutung, weil er mit seinem Eingangsgebäude und dem Reiterstellwerk „Ws“ zwei Bauten aufweist, die mit ihrer qualitätvollen Architektur derart prägend für das Ortsbild von Wannsee sind, dass sie zu den wichtigsten Identifikationsobjekten dieses Ortsteils gerechnet werden müssen. Bereits die künstlerische Bedeutung des Bahnhofs Wannsee begründet in Verbindung mit seinen besonderen gestalterischen Qualitäten das Erhaltungsinteresse der Allgemeinheit. Hinzu kommt eine besondere geschichtliche, wissenschaftliche und stadtbildprägende Bedeutung, die sich daraus ergibt, dass der Bahnhof zu den bedeutendsten baulichen Zeugnissen unter den Berliner Verkehrsbauten gehört.
Wenn Bahnhöfe des 20. Jahrhunderts die Kathedralen der Moderne sind, hätten viele eine eigene Bauhütte verdient. So gesehen erstrahlt der Eingangspavillon des Bahnhofs Wannsee mit der endlich restaurierten Verkleidung seiner Pfeiler um ein kleines Stück seines historischen Antlitzes bereichert. Dank der Verlegearbeiten der Baufirma Riedel mit nach gebrannter Keramik der Firma Crinitz.
Henrik Schnedler, Denkmalschutzbehörde


















Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]