Der Orgelbau prägte in diesem Jahr die Geschichte der Pauluskirche in Zehlendorf. Foto: Denkmalschutzbehörde

 

Der Klang zweier neuer Orgeln und das wieder zu entdeckende Lichtspiel der frei gestellten großen Südrosette laden nicht nur die Gemeindemitglieder zum festlichen Kirchgang. In diesem Monat, wenn die beiden Orgeln feierlich eingeweiht werden,  wird es wohl ähnlich wie zur Einweihung der Pauluskirche vor rund 110 Jahren sehr voll.

Der repräsentative Sakralbau ist im Oktober das Denkmal des Monats in Steglitz-Zehlendorf.

Die Kirche entstand 1903 bis 1905 nach einem Entwurf des königlichen Baurats Hubert Ludwig Oswald Stier. Mit entscheidend für das Gelingen war der ausführende Maurermeister August Jänicke. Im Gegensatz zur Dorfkirche an der alten Verbindung nach Potsdam markiert die neugotische Kirche auf einem Eckgrundstück den neuen Zehlendorfer Ortskern, der ein Vierteljahrhundert später durch den Bau des Rathauses ergänzt wurde.

Ursprünglich hatte die Orgel ihren Platz auf der Ostempore. 1926 jedoch setzte man sie um auf die Südempore, über den Haupteingang. In den 1950er Jahren sorgte der Architekt Werner Gabler im Inneren für die radikale Ernüchterung der Nachkriegszeit. Neben Kanzel und Altar wurden der komplette Putz mit allen Malereien und nahezu allen neugotischen Verzierungen entfernt. Nach Abriss der kleinen Taufkapelle schaffte sich die Gemeinde ein Ensemble aus Plexiglas für das „zeitgemäße“ Taufbecken und Vortragspult an. Der Innenraum wurde schlicht glatt geputzt, das äußere Sichtmauerwerk 1990 sehr gründlich gereinigt. Durch den Einbau von Glaswänden gewann man abgetrennte, multifunktionale Nebenräume unter den Seitenemporen.

Doch die Ende der 1960er Jahre neu installierte Walcker-Orgel zeigte mit der Zeit so schwerwiegende Mängel, dass es mit vertretbarem finanziellem Aufwand  nicht möglich war, diese zu reparieren. Ein Fachbeirat entwickelte ein Gesamtkonzept für einen musikalischen Neubeginn. Man verwarf die Idee der Universalorgel. Zum einen hätte sie weiterhin die große Fensterrosette verdeckt und zum anderen wäre der größte Teil der Orgelliteratur mit klanglichen Kompromissen verbunden gewesen. Und die Orgel hatte bekanntlich auf der Südempore nicht ihren originären Standort. Daher führten liturgische und konzertante Überlegungen zu der Idee, zwei Orgeln mit einem jeweils eigenen, unverwechselbarem Klangprofil zu bauen.

So erhielt die Ostempore eine kleine Barockorgel, die Rowan West aus Altenahr entwarf und die besonders gut für die Werke Johannn Sebastian Bachs geeignet ist. Die Orgel auf der Südempore hingegen orientiert sich mit ihrem französisch-romantischen Klangprofil an den Instrumenten von Aristide Cavaillé-Coll. Karl Schuke aus Berlin-Zehlendorf baute sie und stellte dabei geschickt die bleiverglaste Rosette frei.

Die Orgel wirkt durch ihre Komposition wie ein Bestandteil der Kirchenarchitektur, die kleine Orgel eher wie ein größeres Accessoire. Die gereinigten Bleigläser der Rosette haben zum eigenen und zum Schutz vor Sonneneinstrahlung und Temperaturschwankungen und nebenbei aus energetischen Gründen außen eine passgenaue Isolierverglasung erhalten. Auf der gegenüberliegenden Nordseite hinter dem Altar erstrahlen die ebenfalls gereinigten Chorfenster neu.

Mit dem Einbau der Orgeln wurden statische Eingriffe nötig, die umgekehrt die Beseitigung der unschönen, nicht historischen Zuganker unter der Südempore und die Wiederherstellung des ursprünglichen Eindruckes der Kirche ermöglichten.

Bis eine Orgel spielbereit ist, vergeht ungefähr ein Jahr. Der Aufbau der vorgefertigten Einzelteile in der Kirche erfolgte in den letzten drei Monaten. Dann wurden die Orgeln an ihrem Spielort bestehend aus zirka 1.500 metallenen und hölzernen, zwischen sechs Millimeter und fünf Meter langen Pfeifen intoniert.

Die neuen Orgeln sind bestechende Handwerksarbeiten, aus besonders hochwertigem Material, das in akkurater, traditioneller Bautechnik verarbeitet wurde, vor allem dank der Beck ́schen Stiftung, der Stiftung Kirche im Dorf, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der Lottogelder und vielen weiteren Spenden.

Der Klang der neuen „Königinnen unter den Instrumenten“ erschallt während eines Festgottesdienstes am 20. Oktober um 14 Uhr zum ersten Mal öffentlich.

(Michaele Brunk/Denkmalschutzbehörde)