Im Jahr 1949 löste sich die Kirchengemeinde Schönow von Teltow. Zehn Jahre später realisierte sie am Rande der Telefunken-Wohnsiedlung, in der Andréezeile in Zehlendorf, einen eigenen Sakralbau mit Gemeindehaus. Den kühnen Entwurf lieferte der in der Nachbarschaft zusammen mit Ewald Bubner sein erstes Büro betreibende Frei Otto. Inmitten der Nachkriegssiedlung setzte er mit dem Bau eine Landmarke.
Der Entwurf brilliert durch Leichtigkeit und Transparenz. „…mit der delikaten Dachkonstruktion und dem Campanile, der einer Zellstruktur im Mikroskop gleicht…“, so beschreibt es Falk Jäger am 12. März 2015 im Berliner Tagesspiegel.Der Raum greift die archaische Typologie des Zeltes auf. Die geneigten Dachflächen reichen fast bis zum Boden, die Stirnseiten sind komplett verglast. Die Konstruktion aus Zuggliedern ist sichtbar wie die mit Heringen in der Erde verankerten Seile eines Zeltes.

Kirche Schönow
Gestaltung und Konstruktion des Turms sind eins, wie der Natur abgeschaut. Zwölf übereinander gestellte offene Stahlwürfel erreichen eine Höhe von 24 Metern. Den obersten schmückt das beleuchtete Kreuz, die drei unteren je eine Glocke: „Hoffnung – Teltow – Schönow“. Es hieß, der Turm habe zum Vorbild das Skelett einer Kieselalge.
Der Blick auf den Altar und das schwebende Kreuz führt direkt in die freie Natur. Die Walcker-Orgel wurde 2009 verkauft und durch eine Orgel der Firma Klop Orgelbouw ersetzt, die sich durch ihre Holzpfeifen auszeichnet. Auch eine Besonderheit ist die 3,30 Meter hohe Madonna aus Afrika mit Kind. Taufstein, Kanzel und Altar stehen als Monolithe im Kontrast zu der transparenten und filigranen Bauweise. Das Logo der Kirchengemeinde fasst dieses grafisch zusammen.

Kirche Schönow, Altar
Und so spiegeln sich die Ideen des Architekten der Schönower Kirche auch heute noch im Gemeindeleben wieder: „Unsere Kirche […] erzählt auf ihre Weise vom Wesen unserer Gemeinde: Viel Glas und Licht prägen ihr Erscheinungsbild, das sowohl an ein Schiff als auch an ein Zelt erinnert. So wollen auch wir eine Gemeinde sein, die offen ist für die Welt und die Menschen um sich herum …“
Frei Otto (1925 – 2015) war leidenschaftlicher Segelflieger. Daher stammen seine Kenntnisse in Leichtbaukonstruktionen. An der TU Berlin schrieb er seine Dissertation über „Das hängende Dach“. Er eröffnete die Entwicklungsstätte für Leichtbauweise und leitete das Studienprojekt Biologie und Bauen. 2015 erhielt Otto posthum, neben Gottfried Böhm, als einziger deutscher Architekt den Pritzker-Preis – die weltweit wichtigste Architekten-Auszeichnung.
Zu seinen Werken zählen neben der Schöner Kirche der deutsche Pavillon auf der EXPO 1967 in Montreal und die berühmten Seildächer des Münchener Olympiageländes. Er entwarf mit Vorliebe temporäre Dachkonstruktionen zum Beispiel 1977 für Pink Floyd. „Für mich zählte immer nur der Augenblick …“, wie das Schutzzelt, das drei Stunden den Berliner Philharmonikern zur Einweihung der Interbau 1957 vor Schloss Bellevue diente.
Text: Michaele Brunk
Redaktion: Dr. Jörg Rüter
Fotos: Kirchengemeinde Schönow, Denkmalschutzbehörde












Max Liebermann, Wannsee, 1925, Pastell, Privatbesitz[/caption]
Erneut lädt die Liebermann Villa in ihrem diesjährigen Jubiläumsjahr zu einer außergewöhnlichen Ausstellung ein, mit der sie eine kreative Facette des Künstlers Max Liebermann präsentiert, die selten im Focus der Öffentlichkeit steht: Liebermanns Pastelle, seine Welt in Kreide.
von Ulrike Meyer
Waagerecht liegend, sorgfältig verpackt in speziellen Klimakisten und hoch versichert, so erreichten die wertvollen Pastellbilder von Max Liebermann das gleichnamige Museum am Wannsee.
Über 100 Pastelle hat Liebermann der Nachwelt hinterlassen und nun gibt es in seinem ehemaligen Sommerhaus die Gelegenheit, eine besondere Auswahl der zum Teil unbekannten Werke zu bewundern. Zu verdanken ist dies der großzügigen Unterstützung privater Sammler, der Düsseldorfer Galerie Ludorff und der Sammlung Mathis + Roland, Berlin, in Kombination mit ausgewählten Werken, die im Besitz der Liebermann Villa sind.
„Es ehrt uns, dass zahlreiche private Leihgeber aus ganz Deutschland uns ihr Vertrauen schenken und wir diese Werke hier am Wannsee zeigen dürfen“ - so Viktoria Bernadette Krieger, Projektleiterin der Ausstellung.
Lichtgeschützt, in sanft abgedunkelten Räumen und auf zartem, grauen Grund strahlen die Pastelle mit ihrer intensiven Leuchtkraft den Gästen entgegen. Dieses dezente und zugleich elegante Ambiente ist eine ideale Bühne, auf der sich der Zauber der Liebermannschen Pastelle entfaltet.
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Max Liebermann, Blumenbeet im Wannseegarten mit Blick auf den Fischotterbrunnen, 1919, Pastell auf Velin, Privatbesitz[/caption]
In den späten 1880er Jahren, Liebermann war längst als anerkannter Künstler etabliert, entdeckte er für sich den Reiz der Pastellmalerei, die er durch seinen Kollegen Edgar Degas kennengelernt hatte. Liebermann schätzte, trotz dessen antisemitischer Haltung, den künstlerischen Wert Edgar Degas', und er war von dessen Pastellarbeiten beeindruckt. Der französische Modernist, der sich schon zehn Jahre früher als Liebermann mit dem Medium Pastell auseinandersetzte und u.a. seine berühmten Ballettszenen mit Pastellkreiden schuf, war der Vorreiter in der modernen Pastellmalerei. Auf seine Veranlassung kreierte Gustave Sennelier für ihn eine spezielle Farbpalette, die bis heute berühmten Ecu-Pastellkreiden, von denen es mittlerweile ein großes Sortiment von 525 Farbtönen gibt.
Liebermann entwickelte im Laufe der Jahre aus der Zeichnung heraus seine Pastelltechnik. Mit der farbigen Kreide löste er sich von starren Konturen, er arbeitete spontaner, sein Stil wurde zunehmend leichter und skizzenhafter. Er nutzte haptisch die gesamte Bandbreite der Maltechnik, die ihm die Pastellkreide bot: Er verwischte und vermischte die Kreide mit den Fingern, verrieb sie mit den Handballen, glättete sie mit einem Estompen und stäubte oder schichtete die Kreide zu leuchtenden Motiven. Als Malgrund dienten ihm spezielle Papiere wie Bütten, Ingres, Velin, Karton oder Graupapier, auf deren Oberflächen die pudrige Kreide gut haften blieb. Liebermann adelte das Pastell als ein eigenständiges Medium. Stilistisch wurde er zunehmend freier, er rückte das Motiv zugunsten der reinen Bildwirkung in den Mittelpunkt, konzentrierte sich auf den Strich und ließ auch Leerstellen als Bildakzente zu.
In einem Aufsatz von 1898 zu Edgar Degas charakterisierte Liebermann das Zeichnen mit Pastell als „eine rein sinnliche Kunst, die nicht zu verstehen, sondern nur zu empfinden ist“.
Die Pastellkreiden ermöglichten dem Impressionisten Liebermann dieses sinnliche Malen vor Ort. Mit ihnen konnte er schnell und unmittelbar seine Empfindungen und Beobachtungen mit weichen, samtigen Kreidestrichen umsetzen, denn Pastellkreiden eignen sich hervorragend, um en plein air zu arbeiten, sie sind unkompliziert zu transportieren und liegen leicht in der Hand.
Sophia Peix, Kuratorin und wissenschaftliche Volontärin, maßgeblich für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung verantwortlich, beschreibt Liebermanns Arbeitsweise mit den Worten:
Die Pastelle Liebermanns „folgen weniger einer ausgearbeiteten Komposition als einer direkten Reaktion auf das Gesehene und eröffnen so einen besonderen Zugang zur Wahrnehmung des Künstlers“.
Seinen Motiven blieb der Künstler auch bei seinen Pastellen treu - vor allem die atmosphärisch dichten Strandszenen von seinen holländischen Sommerurlauben in Noordwijk beeindrucken. Sie zeugen von einer derart ästhetischen Reduktion, dass durch Liebermanns Konzentration auf das Wesentliche, die Küste mit ihrer Weite, ihren Wellen und ihrer Gischt unmittelbar spürbar wird.
Für Liebermanns Strandbilder mit dem Medium Pastell bewunderte ihn auch sein Zeitgenosse, der Kunstkritiker Harry David, der 1912 im Berliner Tageblatt schrieb:
„[E]ntzückende[…] kleine[…] Pastellskizzen: grünliches Meer mit regengrauem Himmel und den feinen, so lebendigen Figuren im Hintergrund. [Es ergibt sich] nicht nur Weichheit, sondern zuweilen eine Tiefe und Fülle des Tones, die kaum von der Oelfarbe übertroffen wird. Und geradezu überraschend ist es, daß [Liebermann] auf solchen Blättchen mit diesem trockenen Kreidestaub auch das helle Sonnenlicht zu geben weiß.“
Lebendige Ansichten aus dem Berliner Tiergarten, flirrende Wannseebilder, aber auch sehr private Szenen aus seinem Familienleben wie die zarte Pastellskizze seiner Enkelin Maria Riezler als Kleinkind - die Bandbreite der Motive Liebermanns fasziniert.
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Max Liebermann, Kleiner Lockenkopf - Maria Riezler, die Enkelin des Künstlers im Kinderwagen, 1918, Pastell, Galerie Ludorff,[/caption]
Und immer wieder fängt Liebermann die blühende Pracht seines Gartens ein, der für ihn nach seinen Wünschen und Ideen von dem Berliner Stadtgartendirektor Albert Brodersen gestaltet wurde. Besonders in seinen späteren Lebensjahren wurde der kunstvoll angelegte Garten zu seinem Refugium und zu einer bedeutenden Inspirationsquelle. In dem großen Ausstellungsraum der Villa offenbaren farbkräftige Pastelle Liebermanns Liebe zu seinem Garten, zeigen mit dem detailverliebten Blick des Künstlers die Gartenanlage in ihrer ganzen jahreszeitlichen Blütenfülle und aus immer neuen Perspektiven. Es sind unter anderem diese Pastelle, die den Gärtnern der Liebermann Villa als Vorlage dienen und ihnen ermöglichen, den Garten auch heute noch im Sinne Liebermanns zu hegen und zu pflegen. Damals wie heute blühen in Liebermanns Garten farbstarke Blumensorten wie die gelbe Goldrute, der blaue Sommersalbei, Löwenmäulchen, gelbe, orangene und rote Mädchenaugen und gelbe Riesensonnenhüte. Auch für die Gäste des Museums ist der Garten mit seiner wechselnden Blütenpracht und dem Blick auf den Wannsee eine unvergleichliche Oase.
Hier „am authentischen Ort seines Schaffens, können wir die blühende Farbwelten, die Besuchende in den Sommermonaten im Künstlergarten finden, mittels dieser Werke auch in unsere Ausstellungsräume holen“ - so Dr. Evelyn Wöldicke, Direktorin der Liebermann-Villa.
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Max Liebermann, Der Rosengarten in Wannsee, um 1928, Pastell auf Velin, Galerie Ludorff, Düsseldorf[/caption]
Es sollte aber noch bis zu seinem 80. Geburtstag im Juli 1927 dauern, bis auch die Pastelle von Max Liebermann als eigenständige Werkgruppe in einer großen Ausstellung der Öffentlichkeit gezeigt wurden. 1927 realisierte der Verleger und Kunsthändler Bruno Cassirer mit 80 Arbeiten Liebermanns die erste große Pastellausstellung. Damals bewunderte der Kunstkritiker Karl Scheffler die Entwicklung dieser Werkgruppe im Œuvre des Berliner Malers mit den Worten „zu einem geschmeidigen Werkzeug der Impression hat er das Pastell gemacht.“
Die Einzelausstellung der 80 Pastelle war eine besondere und auch weitere Würdigung für den Künstler Max Liebermann, der 1927 anlässlich seines 80. Geburtstags auch zum Berliner Ehrenbürger ernannt wurde.
Nun feiert die Liebermann Villa knapp hundert Jahre später ihren Namensgeber mit einer exquisiten Ausstellung, indem sie den Focus auf die Werkgruppe seiner Pastelle setzt und ehrt so in besonderer Weise eine weniger bekannte Facette Max Liebermanns, einen der bedeutendsten Künstler der Moderne.