
Carola Keßler möchte unbedingt an einem 300 Kilometer langen „Polar-Rennen“ in Skandinavien teilnehmen. Dafür braucht sie möglichst viele Unterstützer, die online für sie stimmen. Foto: Baumann
Bei eisiger Kälte draußen schlafen und innerhalb von fünf Tagen 300 Kilometer durch die Eiswüste zurücklegen müssen – was für die meisten nach einem Albtraum klingt, ist für Carola Keßler aus Lichterfelde der größte Herzenswunsch. Die 39-Jährige hat sich um die Teilnahme am Fjällräven Polar 2018 beworben und hofft nun auf die Unterstützung der Steglitz-Zehlendorfer: Denn, um dabei sein zu dürfen, braucht sie so viele Online-Stimmen, wie sie kriegen kann.
„Die Teilnahme an diesem Rennen ist buchstäblich unbezahlbar“, erklärt Carola. „Man kann nur durch einen sehr speziellen Bewerbungsprozess ausgewählt werden. Einen garantierten Platz bekommt derjenige, der die meisten Stimmen hat.“
Das Polar-Rennen wird von einem schwedischen Hersteller für Outdoor-Ausrüstung und Funktionsbekleidung organisiert. Bei dem Rennen müssen die Teilnehmer innerhalb von fünf Tagen 300 Kilometer mit dem Hundeschlitten durch die Wüste aus Schnee und Eis nördlich des Polarkreises zurücklegen. Die Strecke führt vom norwegischen Signaldalen bis nach Jukkasjärvi im schwedischen Teil Lapplands. Dabei überqueren die Teilnehmer zugefrorene Seen und hohe Bergabschnitte, fahren durch verschneite Wälder und karge Tundra. „Für mich würde mit der Teilnahme ein Traum in Erfüllung gehen“, schwärmt die 39-Jährige. „Als ich im Sommer davon erfahren habe, war für mich sofort klar – ‚da musst du mitmachen, das ist genau dein Ding!’“ Dabei sei sie eigentlich eine „Frostbeule“ lacht die Hobbysportlerin. „Beim Zelten nehme ich mir meistens eine Wärmeflasche mit in den Schlafsack, und das schon bei den deutschen Temperaturen.“
Raus aus der Komfortzone
Doch dieser Herausforderung will sie sich unbedingt stellen. Dafür tut sie alles, was in ihrer Macht steht: „Ich habe alle meine Freunde dazu animiert, für mich zu stimmen, doch das alleine reicht natürlich nicht. Also habe ich Flyer gedruckt und verteile sie nun überall im Bezirk. In den nächsten Tagen bin ich auf den Weihnachtsmärkten unterwegs und werbe dort für mich“, erzählt sie. Es sei schon komisch und erfordere viel Mut, „ahnungslose Passanten anzuquatschen“, lacht sie, doch für ihren Traum sei sie dazu bereit. Bei dem Interview erzählt Carola auch von ihrem Vorhaben für den Abend: „Heute bin ich beim Spiel der Eisbären dabei und darf dort in der Pause über die Lautsprecher von der Aktion berichten.“ Sie sei schon nervös, man spreche ja schließlich nicht jeden Tag vor Tausenden von Menschen. Doch auch das sei eine Gelegenheit, die eigene Komfortzone zu verlassen. Darum gehe es ja schließlich auch bei dem Rennen – etwas auszuprobieren, was man noch nie getan hat, wovor man Respekt habe. „Normalerweise bin ich eher in den Wüsten unterwegs – warm, karg, Sand und Steine. Genau deshalb ist das eine unglaubliche Herausforderung, der ich mich unbedingt stellen möchte.“
In ihrem Heimatbezirk ist die Hobbysportlerin oft am Teltowkanal, auf dem Mauerweg und auf anderen „Lichterfelder Laufstrecken“ anzutreffen. „Wandern, laufen, mich einfach in der Natur aufhalten ist meins“, erzählt die Ausschreibungsmanagerin. Seit einiger Zeit organisiert sie regelmäßig die sogenannten „Trainingswanderungen“ durch Berlin und Brandenburg. „Für eine meiner geplanten ‚Groß-Wanderungen‘ wollte ich etwas trainieren und habe mir überlegt, dass vielleicht auch andere Wanderbegeisterte aus dem Bezirk mitmachen wollten“, erzählt Carola. Kurzerhand hat sie bei Facebook eine Veranstaltung erstellt und diese öffentlich gemacht. „Und es haben sich überraschend viele Menschen angemeldet. Bei einigen Wanderungen waren wir dann fast 70 Leute“, erzählt sie.
Abstimmung endet am 14. Dezember
Doch die bis zu 100 Kilometer langen Märsche durch die Region reichen der Lichterfelderin schon lange nicht mehr. „Bei der Urlaubsplanung suche ich immer nach Lauf- oder Wander-Veranstaltungen, bei denen ich mitmachen kann.“ Ihre gelaufenen Wettkampfkilometer spendet die Berlinerin jährlich für i-run-for-life. Bei der Aktion werden gelaufene Kilometer von der Deutschen PalliativStiftung in Geldspenden umgewandelt und kommen gemeinnützigen, hospizlich-palliativen Einrichtungen zugute. Auch mit ihrem Aufruf nach Stimmen für den Fjällräven Polar 2018 möchte die Lichterfelderin etwas Gutes tun: Bei Erreichen einer bestimmten Stimmanzahl spendet Keßler einen Betrag an den NABU – Naturschutzbund Deutschland e. V. „Das mache ich unabhängig davon, ob ich gewinne“, sagt sie. „Ich halte mich so viel in der Natur auf, so kann ich auch mal etwas zurückgeben.“
Um den Traum von der skandinavischen Polarwüste erleben zu dürfen, stellen sich die Bewerber in einem kurzen Schreiben und mit einem Video auf der Internetseite des Veranstalters vor. Auch Carola hat sich etwas Besonderes einfallen lassen und einen „Abenteuer-Kuchen“ aus Lego „gebacken“. Zu sehen ist das Video unter http://polar.fjallraven.com/contestant/?id=48 dort kann auch gleich die Stimme abgegeben werden. Doch die Konkurrenz ist groß: Outdoor-Begeisterte aus 50 Ländern geteilt in 10 Ländergruppen bewerben sich um die Teilnahme. Pro Ländergruppe werden nur zwei Plätze vergeben – einen Platz bekommt derjenige mit den meisten Stimmen, den zweiten Teilnehmer bestimmt die Fjällräven-Jury selbst. Aktuell steht Carola in ihrer Ländergruppe (Deutschland-Schweiz-Österreich) auf Platz 7.
Wer die abenteuerlustige Lichterfelderin mit seiner Stimme unterstützen möchte, sollte nicht lange zögern, die Abstimmung endet am 14. Dezember.
(eb)












Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Mit Eltern, Kindern und hochrangigen Gästen ging am Wochenende ein temporäres Beteiligungsprojekt von Kindern und für Kinder an den Start. Der Kirchenraum der Patmos-Gemeinde in der Steglitzer Gritznerstraße wurde dafür komplett umgekrempelt.
Der seit 1963 bestehende würfelförmige Gemeindesaal, in dem sonst eine rituelle Ordnung mit Orgel, Altar, Kanzel und Stuhlreihen besteht, hat nun den Charakter eines Indoor-Spielplatzes. Es gibt Höhlen, eine Bastelecke, Tobeflächen und „Aquarien“ mit Fischen.
Fische, logisch. Denn rund um eine Insel ist Wasser, und da ist auch Leben. Genau wie auf der Insel, dort wohnen die Kinder. Über allem schwebt Frieda, die Taube. Sie achtet darauf, dass es allen gutgeht. Das ist das von den Kindern erdachte Konzept der Friedensinsel.
Eine Transformation vom Kirchensaal zur Friedensinsel ist nicht nur ungewöhnlich, sondern hat alle Beteiligten Hirn, Kraft und Zeit gekostet. Der Kirchenkreis Steglitz stand als Geldgeber zur Seite. Am Anfang standen Berichte aus der Partnergemeinde im schwedischen Göteborg, erzählt Gemeindepädagogin Stefanie Conradt. Dort gebe es schon länger einen (dauerhaften) extra gestalteten Raum für Kinder. Auch in Deutschland fänden sich Beispiele: In Hannover, Hildesheim oder Hamburg bieten Gemeinden den Jüngsten zeitweise oder permanent eigene Orte für ihre Themen und Fragen.
Stefanie Conradt fand mit ihrem Wunsch nach einem Beteiligungsprojekt Verbündete in der Pfarrerin der Patmos-Gemeinde und dem Kirchenkreis Steglitz-Zehlendorf. Die Umsetzung wurde über einen Zeitraum von 16 Monaten intensiv geplant und vorbereitet: Ein Kirchenraum, der unter der Beteiligung von Kindern ganz nach ihren Ideen und Bedürfnissen ausgestattet ist und in dem das passiert, was Kinder sich wünschen. Ein Ort zum Spielen, Ruhen, Reden, Tanzen, Hören und Feiern.
Rund 300 Kinder beteiligten sich an Aktionstagen und Umfragen und formulierten ihre Ideen und Wünsche für die Friedensinsel. Der zehnköpfige Kinderrat mit Kindern zwischen 5 und 11 Jahren beriet diese Ideen mit Studierenden des Masterstudiengangs Bühnenbild der Technischen Universität Berlin. Nach mehreren Abstimmungsrunden gestalteten die Studierenden den Kirchenraum nach den Wünschen der Kinder um.
Am Sonnabend wurde die umgestaltete Kirche nun feierlich eröffnet – auf Socken, denn Schuhe sind hier (wie auch Handys, Schimpfwörter, Essen und Trinken) nicht erlaubt; so haben es die Kinder entschieden.
[caption id="attachment_102993" align="aligncenter" width="273"]
Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Bischof Christian Stäblein präsentierte sich also untenrum schwarz-gelb, während er oben exakt den Ton traf. Kurzweilig und kindgerecht und in einer Art Mitmach-Ansprache verdeutlichte der Geistliche anhand von Willkommensgesten das Ziel der Friedensinsel: Ankommen, sich sicher fühlen und wachsen. Auch die Ghettofaust – „meine Lieblingsbegrüßung“ – sei eine herzliche Gebärde: zunächst verschlossen, öffnet sie sich zu einem fröhlichen Gruß. Darum, so Stäblein, gehe es hier: aus sich herauskommen, sich die Welt erschließen und sich darin entwickeln.
In Vertretung des Regierenden sprach Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson zur Gemeinde. Ihre Botschaft: Ihr Kinder seid die Zukunft, habt die Chance zu gestalten, „und das müsst ihr auch“. Was die Politik tut, um Ressourcen und Strukturen für die Beteiligung von Kindern bereitzustellen, sagte die Senatorin nicht. Da war es doch gut, dass die anwesenden Bezirksstadträte (Tim Richter (CDU), Carolina Böhm (SPD) und Malgorzata Sijbrandij (CDU)) nicht zu Wort kamen. Die Lokalpolitiker hätten erklären müssen, dass Steglitz-Zehlendorf es im Gegensatz zu vielen anderen Bezirken noch nicht geschafft hat, ein Kinder- und Jugendparlament zu etablieren. Die BVV wird erst in dieser Woche einen Beschluss dazu fassen.