Resiliente Schulen: Druck der AfD verfängt nicht

Resiliente Schulen: Druck der AfD verfängt nicht

Foto: Daniela von Treuenfels

 

Dienstaufsichtsbeschwerde, Mitfilmen eines kompletten Demonstrationszuges, Präsenz zeigen am Rande der Protestveranstaltungen – die AfD und ihre Netzwerke üben Druck auf ihre Gegner aus. Minderjährige Schüler sind erschrocken, Lehrer erbost. Nun steht in Lichterfelde West eine Familiendemo für Vielfalt und Demokratie an. Zu den angekündigten Rednern gehört eine Grundschülerin. Unter den Zuhörern wird auch ihre Schulleiterin sein. 

400 Teilnehmer haben die Organisatoren angemeldet. Am S-Bahnhof Lichterfelde West sollen sich am Sonntag (17. März, 15 Uhr) Menschen einfinden, um ein Zeichen zu setzen für Gemeinschaft, Toleranz und Respekt. „Die Idee dazu kam mir gemeinsam mit meiner elfjährigen Tochter. Sie war bereits mit mir auf einer der großen Demos in Mitte und wir wollten gern eine lokale Demo hier veranstalten, zu der auch Familien mit jüngeren Kindern kommen, weil sie es nicht weit haben“, sagte eine der beiden Initiatorinnen.

Die berufstätige Mutter dreier Kinder hat zum ersten Mal eine Demonstration angemeldet und gehört damit zu einem größer werdenden Kreis von Menschen, die sich gegen den erstarkenden Rechtsextremismus zur Wehr setzen. Sie fühlt sich gerüstet: „Wir haben uns gut vernetzt mit Organisator:innen der Hand in Hand Demo und Omas gegen Rechts, die uns bei der Organisation unterstützen.“

„Geplant ist ein buntes Programm mit kindgerechten Reden und Musik, wir arbeiten noch an den Einzelheiten“. Aus ihrem Umfeld und besonders aus der Schule habe sie viele positive Rückmeldungen erhalten. Lehrkräfte hätten die Thematik im Unterricht aufgegriffen, wer im Kunstunterricht ein Plakat malen wollte, hätte das tun dürfen.

Eine Mehrheit dürfte sich an dieser Stelle entspannt zurücklehnen und sich zufrieden zeigen, dass eine Bildungsanstalt ihren Job erledigt. Der Auftrag der Schule ist im Berliner Schulgesetz festgehalten: „Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.“

Die AfD, gegen die sich die derzeitigen Protestveranstaltungen vielfach explizit richten, sieht das naturgemäß anders. Die Partei und ihre Netzwerke sind der Meinung, Kinder würden manipuliert. Demonstrierende Jugendliche seien das Ergebnis von Indoktrination.

Die Rechtsextremen und ihre parlamentarischen Freunde reagieren mit Einschüchterungsversuchen. Ein Blick zurück:

Laut sein gegen Menschenfeindlichkeit: „Ich habe Angst“

1300 Schüler und Schülerinnen (Polizeiangaben) zogen am 28. Februar über die Schloßstraße, um gegen den wachsenden Rechtsextremismus und speziell gegen die AfD zu demonstrieren. Ab 9 Uhr störten hunderte junge Leute die Ruhe vor dem Shoppingtrubel. Jugendliche aus verschiedenen Schulen hatten sich auf Einladung der AG Rassismus der Fichtenberg-Oberschule versammelt. Sie wollten, wie es im Aufruf hieß, „zeigen, dass es nicht mehr reicht, nicht faschistisch zu sein. Es ist höchste Zeit eine aktiv antifaschistische Haltung zu zeigen.“

 

Schüler aus dem ganzen Bezirk folgen einem Aufruf der Fichtenberg-Oberschule zur Demonstration gegen die AfD | Foto: Daniela von Treuenfels

 

Elia Mai hat den Aufruf verfasst und gehört zur rund 20köpfigen Gruppe, die die Veranstaltung organisiert hat. „Weil wir viel zu sagen haben, und wir wollen gehört werden“, erzählt sie am Rande des Zuges. „Und wir wollen nicht abwarten, bis wir 18 sind und dann ein Kreuzchen machen. Laut sein mit mehreren hundert Menschen ist außerdem eindrucksvoller, als in der Wahlkabine zu stehen.“,

Laut ist es tatsächlich, die Stimmung ist friedlich und ausgelassen. „Ganz Berlin hasst die AfD“, auch hier sind die Rufe zu hören, Standardrepertoire bei vielen Protesten gegen Rechts derzeit. Das passt so gar nicht zur fröhlichen Stimmung hier – aber warum richtet sich der Groll so explizit gegen die AfD?

„Die AfD hat es geschafft, den Rechtsextremismus in die Mitte der Gesellschaft zu holen, und da gehört er nicht hin. Rechtsextremismus ist menschenfeindlich“, empört sich Elia Mai. Björn Höcke beispielsweise verharmlose Adolf Hitler, „und wenn ich mir vorstelle, dass der Mann eine Wahl in Thüringen gewinnen könnte, wird mir schlecht. Die Partei ist auch kein großer Freund von queeren Menschen wie mir oder meinem transgender Freund. Mir macht Angst, dass ich in diesem Land für etwas gehasst werde, das ich mir nicht ausgesucht habe.“

Den Vorwurf der Indoktrination seitens ihrer Lehrer weist sie zurück. Es habe einen Erwachsenen gebraucht, um die Demo anzumelden. „Ansonsten haben wir Schüler alles selbst gemacht. Wir haben Reden geschrieben und den Aufruf verfasst, und wir sind im Austausch mit der Polizei. Lehrer haben wir manchmal um Rat gefragt. Wir sind insgesamt sehr stolz auf uns, und wir alleine sind dafür verantwortlich, dass wir heute hier stehen.“

Währenddessen stehen am Rande des Protestzuges Personen, die das Geschehen beobachten und mit ihren Smartphones aufnehmen. Der Bezirksverordnete Dennis Egginger-Gonzales (Die Linke)  erkennt darunter den Vorsitzenden der AfD Steglitz-Zehlendorf Volker Graffstädt und seinen Stellvertreter Matthias Pawlik. Pawlik, so Egginger-Gonzales, habe den Demozug gefilmt. Das Fotografieren und Filmen einer öffentlichen politischen Versammlung ist nicht verboten. Aber, gerade wenn es um Minderjährige geht, moralisch fragwürdig, zumal wenn ein Zweck nicht klar erkennbar ist.

 

„Und die AfD ist auch da“, sagt der Reporter in seinem Beitrag in der Abendschau vom 28. Februar. Der Herr im schwarzen Mantel ist das AfD-Mitglied Joachim Andreas. Ganz offensichtlich lösen seine Aktivitäten bei den jungen Demonstranten Irritationen aus. | Screenshot: rbb Abendschau

 

Gräffstädt und Pawlik wissen, dass sie sich auf sehr dünnem Eis bewegen. Das veranschaulicht indirekt ein facebook-Video, das beide am Rande der Demo an der Kreuzung Schloßstraße Ecke Grunewaldstraße zeigt. Sie sprechen darin von ihrer Intervention bei der bezirklichen Schulaufsicht, die dazu geführt hat, dass die Veranstaltung nicht wie ursprünglich vorgesehen als „Unterricht an anderem Ort“ gilt, sondern als unentschuldigtes Fehlen gewertet wird. Die Bezirkspolitiker verweisen stolz darauf erreicht zu haben, dass vor allem Grundschüler der Veranstaltung ferngeblieben seien, was sie aber nicht belegen. Ein Erfolg für die AfD, und – so wörtlich – „ein Erfolg für die Demokratie“.

Hochinteressant ist, was Gräffstädt und Pawlik nicht erwähnen. Sie sagen nicht, dass sie und ihre Sympathisanten minderjährige Teilnehmer einer Demonstration fotografiert oder gefilmt haben. Sie verschweigen, dass sie Irritationen ausgelöst haben. Sie unterschlagen, dass sie sich dem Vorwurf der Einschüchterung ausgesetzt sehen.

Ganz offensichtlich will die Partei anschlussfähig bleiben an bürgerliche Kreise, die möglichweise ein solches Vorgehen nicht billigen würde. Gleichzeitig bedient die AfD sich des Instrumentariums der außerparlamentarischen Rechten, die sich ebenfalls immer mehr radikalisiert.

Ob das wortlose Abfilmen oder der Auftritt in schmissigen Video-Statements in den sozialen Netzwerken, die körperliche Nähe als Drohgebärde scheint den AfD-Politikern wichtig. Der Abgeordnete Carsten Ubbelohde reiste extra aus Reinickendorf an, um vor dem Gebäude des Fichtenberg-Gymnasiums dessen Schulleiter „Missbrauch von Kindern für seine politischen Ansichten“ vorzuwerfen. Kinder seien „neutral“ zu informieren und nicht „gegen eine bestimmte politische Richtung“ zu instrumentalisieren. „So ein Mensch gehört aus dem Schuldienst entfernt.“

 

Der AfD-Abgeordnete Carsten Ubbelohde vor dem Fichtenberg-Gymnasium. | Screenshot: facebook

 

Ubbelohde spricht „als Vater einer Tochter im Schulalter“, als Beschützer argloser Kinder. Fragwürdige Aktivitäten rechter Akteure, die Protestaktionen im Netz „dokumentieren“ und Jugendliche verunsichern, bleiben unerwähnt und unkommentiert.

Lilienthal-Gymnasium: rechter Blogger streamt komplette Demo live

Einige Tage vor der Demonstration der Fichtenberg-Schüler wurde der Friedenszug des Lilienthal-Gymnasiums (hier lesen Sie die Reden der Schüler) begleitet von einem YouTuber, der dem rechten Spektrum zugeordnet wird. „Der Beobachter“ heißt der Kanal, Uwe Rassek ist der Mann dahinter. Zwei Stunden lang hat er den Demonstrationszug von der Schule in der Ringstraße bis zum Herrmann-Ehlers-Platz live gestreamt, das Video ist weiter online.

Rassek spricht im Off betont moderat. Er sei „Mitte“, suche doch nur das Gespräch. Doch auf seinem Kanal finden sich fast ausnahmslos „Dokumentationen“ von Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und Versammlungen in der jüngeren Vergangenheit, in denen Bürger sich für Demokratie, Menschenrechte und Toleranz einsetzen. Ein weiteres Thema des Video-Bloggers ist „Medienkritik“: Besonders die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender stoßen auf Missfallen, konkret der Rechtsextremismus-Experte des RBB Olaf Sundermeyer ist ihm ein Dorn im Auge.

 

Friedenszug des Lilienthal-Gymnasiums am 22. Februar | Foto: Daniela von Treuenfels

 

Von einem solchen „Beobachter“ zwei Stunden lang gefilmt worden zu sein, kann schon sehr verstören. Im Lilienthal-Gymnasium ist das gar nicht gut angekommen. Lehrer Florian Bublys sagt dazu: „Das Entsetzen auf Seiten der Schülerinnen und Schüler scheint groß. Im schlimmsten Fall führt diese Art der Berichterstattung dazu, dass Jugendliche ein Unbehagen oder gar Ablehnung entwickeln, auch zukünftig an Demonstrationen teilzunehmen. Und selbst wenn das legal wäre, ist es wohl mindestens moralisch zu verachten.“

Bublys wehrt sich auch gegen die Kommentare, in denen unterstellt wird, dass die Schüler in der Schule indoktriniert und staatlich falsche Sachverhalte vermittelt würden.  Man dürfe nicht zuzulassen, dass im Netz solche Verdrehungen der Grundwerte und dessen Verteidigung abgebildet würden, so der Lehrer.

Nun ist es eine Sache, mit Jugendlichen demokratische Prozesse einzuüben und sie eine Demonstration vorbereiten und durchführen zu lassen. Aber Grundschüler? Verstehen die das überhaupt?

Unterstützung von der Schulleiterin

In der Clemens-Brentano-Grundschule befindet sich der Kunstraum, in dem derzeit einige Plakate für die Demonstration am Sonntag entstehen. Die Einladung der Fichtenberg-Oberschule zur Teilnahme am Protest gegen Rechtsextremismus hat die Rektorin tatsächlich ausgeschlagen, wie die Stadtrand-Nachrichten aus dem Kreis des Kollegiums erfuhren. Aber nicht, weil irgendjemand ihr das nahegelegt hätte. Sondern weil es explizit gegen eine bestimmte Partei ging, das wäre kleinen Kindern nicht vermittelbar gewesen.

Aber dass es notwendig ist, für seine Werte – Vielfalt, Gerechtigkeit, Toleranz… – einzustehen, das könnten kleinere Kinder durchaus verstehen, so die Einschätzung der Pädagogen. Die Schulleiterin unterstützt die Demonstration am Sonntag, die aus der Elternschaft ihrer Schule heraus entstanden ist. Sie wird am Sonntag dabei sein, wenn ihre Schüler und deren Familien sich versammeln, um ihre Werte zu verteidigen.

 

Daniela von Treuenfels

 

 

4 Kommentare

  1. Eine Schande, dass Schulen für diese linke Ideologie und Propaganda instrumentalisiert werden. Demokratie heißt Toleranz und Meinungsvielfalt Es bedeutet ein Austausch von Argumenten. Eine Diskussion und die beste Lösungsfindung und nicht: Kampf gegen rechts. Daraus entsteht nur eine dann vermutlich linke Diktatur. Selbst in den wenigen bürgerlichen Gebieten herrschen jetzt Zustände wie in Kreuzberg SO36…

    • Rechtsextremismus ist keine zulässige Meinung im Sinne des Grundgesetztes.

      • Rechtsextremismus ist überhaupt keine Meinung, es ist schlicht ein inakzeptables Ausleben falscher Ideen, ebenso übrigens wie jede andere Form von Extremismus auch.

      • Extremismus ist überhaupt keine Meinung sondern wohl eher eine Grundhaltung von Menschen, die außerhalb der Gesellschaft stehen. Hierbei ist es meiner Meinung nach völlig egal woher dies kommt.

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Liebermanns Pastelle – eine Welt in Kreide

[caption id="attachment_103533" align="aligncenter" width="1002"] Max Liebermann, Wannsee, 1925, Pastell, Privatbesitz[/caption]   Erneut lädt die Liebermann Villa in ihrem diesjährigen Jubiläumsjahr zu einer außergewöhnlichen Ausstellung ein, mit der sie eine kreative Facette des Künstlers Max Liebermann präsentiert, die selten im Focus der Öffentlichkeit steht: Liebermanns Pastelle, seine Welt in Kreide. von Ulrike Meyer Waagerecht liegend, sorgfältig verpackt in speziellen Klimakisten und hoch versichert, so erreichten die wertvollen Pastellbilder von Max Liebermann das gleichnamige Museum am Wannsee. Über 100 Pastelle hat Liebermann der Nachwelt hinterlassen und nun gibt es in seinem ehemaligen Sommerhaus die Gelegenheit, eine besondere Auswahl der zum Teil unbekannten Werke zu bewundern. Zu verdanken ist dies der großzügigen Unterstützung privater Sammler, der Düsseldorfer Galerie Ludorff und der Sammlung Mathis + Roland, Berlin, in Kombination mit ausgewählten Werken, die im Besitz der Liebermann Villa sind. „Es ehrt uns, dass zahlreiche private Leihgeber aus ganz Deutschland uns ihr Vertrauen schenken und wir diese Werke hier am Wannsee zeigen dürfen“ - so Viktoria Bernadette Krieger, Projektleiterin der Ausstellung. Lichtgeschützt, in sanft abgedunkelten Räumen und auf zartem, grauen Grund strahlen die Pastelle mit ihrer intensiven Leuchtkraft den Gästen entgegen. Dieses dezente und zugleich elegante Ambiente ist eine ideale Bühne, auf der sich der Zauber der Liebermannschen Pastelle entfaltet.   [caption id="attachment_103532" align="aligncenter" width="966"] Max Liebermann, Blumenbeet im Wannseegarten mit Blick auf den Fischotterbrunnen, 1919, Pastell auf Velin, Privatbesitz[/caption]   In den späten 1880er Jahren, Liebermann war längst als anerkannter Künstler etabliert, entdeckte er für sich den Reiz der Pastellmalerei, die er durch seinen Kollegen Edgar Degas kennengelernt hatte. Liebermann schätzte, trotz dessen antisemitischer Haltung, den künstlerischen Wert Edgar Degas', und er war von dessen Pastellarbeiten beeindruckt. Der französische Modernist, der sich schon zehn Jahre früher als Liebermann mit dem Medium Pastell auseinandersetzte und u.a. seine berühmten Ballettszenen mit Pastellkreiden schuf, war der Vorreiter in der modernen Pastellmalerei. Auf seine Veranlassung kreierte Gustave Sennelier für ihn eine spezielle Farbpalette, die bis heute berühmten Ecu-Pastellkreiden, von denen es mittlerweile ein großes Sortiment von 525 Farbtönen gibt. Liebermann entwickelte im Laufe der Jahre aus der Zeichnung heraus seine Pastelltechnik. Mit der farbigen Kreide löste er sich von starren Konturen, er arbeitete spontaner, sein Stil wurde zunehmend leichter und skizzenhafter. Er nutzte haptisch die gesamte Bandbreite der Maltechnik, die ihm die Pastellkreide bot: Er verwischte und vermischte die Kreide mit den Fingern, verrieb sie mit den Handballen, glättete sie mit einem Estompen und stäubte oder schichtete die Kreide zu leuchtenden Motiven. Als Malgrund dienten ihm spezielle Papiere wie Bütten, Ingres, Velin, Karton oder Graupapier, auf deren Oberflächen die pudrige Kreide gut haften blieb. Liebermann adelte das Pastell als ein eigenständiges Medium. Stilistisch wurde er zunehmend freier, er rückte das Motiv zugunsten der reinen Bildwirkung in den Mittelpunkt, konzentrierte sich auf den Strich und ließ auch Leerstellen als Bildakzente zu. In einem Aufsatz von 1898 zu Edgar Degas charakterisierte Liebermann das Zeichnen mit Pastell als „eine rein sinnliche Kunst, die nicht zu verstehen, sondern nur zu empfinden ist“. Die Pastellkreiden ermöglichten dem Impressionisten Liebermann dieses sinnliche Malen vor Ort. Mit ihnen konnte er schnell und unmittelbar seine Empfindungen und Beobachtungen mit weichen, samtigen Kreidestrichen umsetzen, denn Pastellkreiden eignen sich hervorragend, um en plein air zu arbeiten, sie sind unkompliziert zu transportieren und liegen leicht in der Hand. Sophia Peix, Kuratorin und wissenschaftliche Volontärin, maßgeblich für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung verantwortlich, beschreibt Liebermanns Arbeitsweise mit den Worten: Die Pastelle Liebermanns „folgen weniger einer ausgearbeiteten Komposition als einer direkten Reaktion auf das Gesehene und eröffnen so einen besonderen Zugang zur Wahrnehmung des Künstlers“. Seinen Motiven blieb der Künstler auch bei seinen Pastellen treu - vor allem die atmosphärisch dichten Strandszenen von seinen holländischen Sommerurlauben in Noordwijk beeindrucken. Sie zeugen von einer derart ästhetischen Reduktion, dass durch Liebermanns Konzentration auf das Wesentliche, die Küste mit ihrer Weite, ihren Wellen und ihrer Gischt unmittelbar spürbar wird. Für Liebermanns Strandbilder mit dem Medium Pastell bewunderte ihn auch sein Zeitgenosse, der Kunstkritiker Harry David, der 1912 im Berliner Tageblatt schrieb: „[E]ntzückende[…] kleine[…] Pastellskizzen: grünliches Meer mit regengrauem Himmel und den feinen, so lebendigen Figuren im Hintergrund. [Es ergibt sich] nicht nur Weichheit, sondern zuweilen eine Tiefe und Fülle des Tones, die kaum von der Oelfarbe übertroffen wird. Und geradezu überraschend ist es, daß [Liebermann] auf solchen Blättchen mit diesem trockenen Kreidestaub auch das helle Sonnenlicht zu geben weiß.“ Lebendige Ansichten aus dem Berliner Tiergarten, flirrende Wannseebilder, aber auch sehr private Szenen aus seinem Familienleben wie die zarte Pastellskizze seiner Enkelin Maria Riezler als Kleinkind - die Bandbreite der Motive Liebermanns fasziniert.   [caption id="attachment_103530" align="aligncenter" width="955"] Max Liebermann, Kleiner Lockenkopf - Maria Riezler, die Enkelin des Künstlers im Kinderwagen, 1918, Pastell, Galerie Ludorff,[/caption]   Und immer wieder fängt Liebermann die blühende Pracht seines Gartens ein, der für ihn nach seinen Wünschen und Ideen von dem Berliner Stadtgartendirektor Albert Brodersen gestaltet wurde. Besonders in seinen späteren Lebensjahren wurde der kunstvoll angelegte Garten zu seinem Refugium und zu einer bedeutenden Inspirationsquelle. In dem großen Ausstellungsraum der Villa offenbaren farbkräftige Pastelle Liebermanns Liebe zu seinem Garten, zeigen mit dem detailverliebten Blick des Künstlers die Gartenanlage in ihrer ganzen jahreszeitlichen Blütenfülle und aus immer neuen Perspektiven. Es sind unter anderem diese Pastelle, die den Gärtnern der Liebermann Villa als Vorlage dienen und ihnen ermöglichen, den Garten auch heute noch im Sinne Liebermanns zu hegen und zu pflegen. Damals wie heute blühen in Liebermanns Garten farbstarke Blumensorten wie die gelbe Goldrute, der blaue Sommersalbei, Löwenmäulchen, gelbe, orangene und rote Mädchenaugen und gelbe Riesensonnenhüte. Auch für die Gäste des Museums ist der Garten mit seiner wechselnden Blütenpracht und dem Blick auf den Wannsee eine unvergleichliche Oase. Hier „am authentischen Ort seines Schaffens, können wir die blühende Farbwelten, die Besuchende in den Sommermonaten im Künstlergarten finden, mittels dieser Werke auch in unsere Ausstellungsräume holen“ - so Dr. Evelyn Wöldicke, Direktorin der Liebermann-Villa.   [caption id="attachment_103531" align="aligncenter" width="860"] Max Liebermann, Der Rosengarten in Wannsee, um 1928, Pastell auf Velin, Galerie Ludorff, Düsseldorf[/caption]   Es sollte aber noch bis zu seinem 80. Geburtstag im Juli 1927 dauern, bis auch die Pastelle von Max Liebermann als eigenständige Werkgruppe in einer großen Ausstellung der Öffentlichkeit gezeigt wurden. 1927 realisierte der Verleger und Kunsthändler Bruno Cassirer mit 80 Arbeiten Liebermanns die erste große Pastellausstellung. Damals bewunderte der Kunstkritiker Karl Scheffler die Entwicklung dieser Werkgruppe im Œuvre des Berliner Malers mit den Worten „zu einem geschmeidigen Werkzeug der Impression hat er das Pastell gemacht.“ Die Einzelausstellung der 80 Pastelle war eine besondere und auch weitere Würdigung für den Künstler Max Liebermann, der 1927 anlässlich seines 80. Geburtstags auch zum Berliner Ehrenbürger ernannt wurde. Nun feiert die Liebermann Villa knapp hundert Jahre später ihren Namensgeber mit einer exquisiten Ausstellung, indem sie den Focus auf die Werkgruppe seiner Pastelle setzt und ehrt so in besonderer Weise eine weniger bekannte Facette Max Liebermanns, einen der bedeutendsten Künstler der Moderne.

Ulrike Meyer

  Der Sommer 2026 steht für die Liebermann Villa ganz im Zeichen der Pastellkunst. Bis zum 21. September sind die Pastelle von Max Liebermann zu sehen. Alle, die in die Liebermannsche Welt der Kreide eintauchen möchten, sei nicht nur ein Besuch der Ausstellung bzw. eine Führung durch die Ausstellung empfohlen, sondern auch das spannende Begleitprogramm: „Abendatelier“ - Pastellzeichenkurse en plein air, ab dem 2. Juli 2026.  „Gartenstudio: Sommer in Pastell“ - Familienworkshop für Kinder und Familien, am 28. August und am 20. September, jeweils um 11 Uhr. „Sommeratelier: Im Sommer entsteht Kunst am See“ - Workshop für Jugendliche, am 18.06, 16.07. und 13.08., jeweils von 16-18 Uhr Hinzu kommen im Rahmen des Jubiläumsjahres besondere Angebote: „Wannsee After Work“, Sommerabende mit Musik, Tanz und Bar im Garten, am 22.05., 12.06., 28.08. und 11.09., jeweils ab 19 Uhr. „Open-Air: Klassik, Lyrik& Jazz“, am 29.06. „Kontraste in Blech“, Beginn 19.15 Uhr Benefizkonzert mit dem Trompetenquintett des Deutschen Symphonie-Orchesters. am 11.08. „Zwischen Welten – Anna Margolia Trio“ Benefizkonzert mit Jazzgitarre, Kontrabass und Gesang. Und als krönender Höhepunkt des Sommers in der Liebermann Villa das „Sommerfest: Die „Jubiläumsfeier – 20 Jahre Liebermann-Villa“, am 25. Juli, ab 10 Uhr. Alle Termine sind verfügbar unter: liebermann-villa.de/veranstaltungen Private Führungen auf Anfrage unter: fuehrungen@liebermann-villa.de Öffnungszeiten der LIEBERMANN-VILLA Oktober bis April täglich, außer dienstags, 11 – 17 UhrMai bis April täglich, außer dienstags, 10 – 18 Uhr An Feiertagen geöffnet Eintritt Regulär 12 €, ermäßigt 6 € Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren     Die Stadtrand-Nachrichten finanzieren sich durch Spenden ihrer Leserinnen und Leser. Wenn es Ihnen hier gefällt, Sie etwas Spannendes entdeckt oder etwas Neues gelernt haben, können Sie uns via Paypal ein Trinkgeld dalassen. Herzlichen Dank! Hier geht es zu unserem Paypal-Konto