Jungunternehmer und Fachleute aus der Wirtschaft diskutierten über Gründungen in Berlin und deren Rahmenbedingungen. Foto: Ringwald

Eine Woche vor der Berliner Gründerwoche hatte die .garage Berlin zu einer eigenen Gründerwoche nach Steglitz eingeladen. Nach Fachvorträgen und Buchpremieren endete sie mit einer intensiven Diskussion.  Das Thema des Podiums, schwungvoll moderiert von Petra Schwarz, umfasste ein weites Feld, nämlich den faktischen Großteil der Gründungen: die kleinen und kleinsten, von denen sonst selten die Rede ist. Und die Frage danach, ob und wenn ja inwiefern sie dem Wirtschaftsstandort Berlin nützen.

Als hilfreicher Einstieg für die Runde erwies sich ein Blick auf jüngstes Zahlenwerk: Die Zahl der Gründungen in Deutschland ist insgesamt rückläufig. Doch geht sie bundesweit schneller zurück als in Berlin, wo auch der reine Saldo (mehr Neugründungen als Insolvenzen / Gewerbeabmeldungen) positiv sei. Gut 70 Prozent aller Gründungen sind nach drei bis fünf Jahren noch am Markt. 60 Prozent  hiervon haben in dieser Zeit bis zu vier neue Arbeitsplätze geschaffen.

Die Sogwirkung Berlins hätte auch mit dem Status „billigste Stadt in Europa“ zu tun und der Boom habe sich – ganz unromantisch – schlicht aus der Not herausentwickelt, so Professor Dr. Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW). Der aktuelle Transformationsprozess, den man an Wirtschafts- und Technologiestandorten wie Adlershof sowie in Bezirken wie Mitte und Friedrichshain andererseits sieht, würde noch einige Jahrzehnte andauern müssen, um Berlin wirtschaftlich auf eine Ebene mit Stuttgart oder München zu heben. Berlin stünde deutschlandweit super da, was die Entwicklung kreativen Potenzials anginge; weltweit jedoch – und was „Mobile Urban Technologies“ oder MINT-Ideen anbelangt, rund 25 mal schwächer als zum Beispiel Silicon Valley.

Doch sagen Zahlen nichts über die Qualität einzelner Geschäftsideen aus. Und funktioniert, da waren sich die Diskutanten einig, Berlin ganz anders als das Silicon Valley.

Gründungsideen müssen ausgestaltet, auch kleine Gründungen nachhaltig sein, damit sie dem Wirtschaftsstandort Berlin Nutzen bringen, brachte Dr. Constantin Terton von der Industrie- und Handelsmakker die Frage nach der Rolle von Gründungen für die Hauptstadt für sich auf den Punkt. Wenn langfristig aufgestockt würde, vermutete Thorsten Karge, Mitglied des Abgeordnetenhauses und Forschungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, sei dies als Zeichen für die mangelnde Tragfähigkeit der Idee oder mangelndes Unternehmertum seitens des Gründers zu werten. Er sage dies als Wirtschaftspolitiker, nicht Arbeitsmarktpolitiker. Kritikos hielt dagegen, „Aufstocken“ sei kein Problem der Erwerbsform sondern des Marktes. Es gäbe schließlich genügend Menschen, die von ihrer sozialabgabenpflichtigen Arbeit ohne ergänzende Leistungen bei weitem nicht leben könnten.

Jeannette Hagen, freie Journalistin und Autorin hält den Anspruch an wirtschaftliche Nachhaltigkeit nur mithilfe nachhaltiger Förderung für realistisch: Durch die Zerstörung wichtiger Förderinstrumente wie dem Gründungszuschuss würde die wichtige Übergangszeit, in der sich die Unternehmerpersönlichkeit festige und der Aufbau des Kundenstammes voranschreite, unnötig geschwächt. Gerade in dieser Phase würden viele Gründer vorzeitig aufgeben. Und schlimmstenfalls aufgrund der mangelnden Kultur des Scheiterns und fehlenden Mitteln in kritischen Zeiten „dranzubleiben“ einen Spiegel für ihre Fähigkeiten verlieren.

Für ihre jüngsten Publikation, das eBook „Das Prinzip .garage“, das sie gemeinsam mit Thomas Mampel geschrieben hat, hat sie bundesweit Gründer interviewt. Und hat durchgängig erfahren, wie wertvoll die professionelle Begleitung, auch in der ersten Nachgründungszeit, für die gesunde wirtschaftliche und persönliche Entwicklung gewesen ist.

Maria Mpaloura hat ihre Nachbarschaftshilfe-Plattform „domerang“ ohne Förderung, Kredite oder Fremdleistungen gegründet. Geschäftsfrau durch und durch, holt sie alles aus eigener Kraft heraus und – mit der Unterstützung stiller Teilhaber aus ihrem privaten und professionellen Netzwerk. Eine Leistung, der die Anwesenden Respekt zollten. Und doch könnten viele Menschen diesen Weg so nicht gehen, aus vielerlei Gründen. Die Frage bleibe: Haben sie dennoch ein Recht und verdienen die Chance, sich selbst ihren eigenen Arbeitsplatz zu schaffen? Wenn ja, wie sollen sie Ideen tragfähig ausgestalten, wenn erfolgreiche Förderprojekte wie der Gründungszuschuss mit flottem Rotstift gestrichen werden? Wie, wenn solche Fehlentscheidungen so leicht zu fällen und nötige Gesetzesänderungen so schwer herbeizuführen sind?

Mpaloura war eine von mehreren Gründern, die bei „Best Practice“-Voträgen Besuchern einen Einblick in ihre Gründung, die Probleme und Chancen gab.

(Kirsten Kohlhaw)