
Foto: Baumann
Am 15. Dezember 1872 wurde der Bahnhof Lichterfelde West eröffnet. Anlässlich des Jubiläums ist der Bahnhof das Denkmal des Monats Dezember.
An der Strecke Berlin-Magdeburg entwickelte sich nach der Gründung des Wilhelminischen Kaiserreiches die Hauptschlagader des Südwestens. Es entstanden prachtvolle, Garten geschmückte Lebenswelten und Villenkolonien für stadtmüde Berliner. Hierbei war „Großlichterfelde“ neben der Kolonie Alsen am Wannsee der wohl wichtigste Kristallisationskern für das Heranwachsen ehemaliger Landgemeinden zu beliebten Vororten Berlins.
Neben seinen zahlreichen Umbenennungen ist auch die Nutzungsgeschichte des Bahnhofes vielseitig. Unmittelbar am Empfangsgebäude befand sich ein Seitenbahnsteig, der nach dem Bau des heutigen Mittelbahnsteiges 1891 von Kaiserlichen Sonderzügen genutzt wurde. Bis 1945 fuhren auf diesem Gleis die sogenannten „Bankierzüge“, die Direktverbindungen von Zehlendorf zum Potsdamer Platz. 1904 gründete man auf dem Gütergelände die Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafen-AG (spätere Goerzbahn) und erschloss über den Dahlemer Weg die Gewerbegebiete am Teltowkanal und Schönow. Den westlichen Bereich des Güterbahnhofs Lichterfelde bauten die amerikanischen Alliierten während des Kalten Krieges zum Militärbahnhof um. Das sogenannte „Railway Transportation Office“ diente täglich zweimal als Portal für Infanteristen, die von Bremerhaven oder Frankfurt am Main nach Berlin oder wieder in die Bundesrepublik versetzt wurden. Auch die Bundespost versorgte über das „RTO“ West-Berlin. 1965 zerstörte ein Feuer im linken Flügel des Empfangsgebäudes Dach und Saal. Erst 20 Jahre später kann dieser dank bürgerschaftlichen Engagements und des eigens gegründeten Bahnhofsvereines Lichterfelde West als Treffpunkt und Senioren-Freizeiteinrichtung wieder eröffnet werden. Das Empfangsgebäude befindet sich seit 2005 in Privateigentum.
Auch wenn der Bahnhof Lichterfelde West nicht in die Geschichte der „Kathedralen der Moderne“ eingegangen ist, wie die berühmtesten Beispiele dieser Architektur genannt werden, so kommt ihm doch weit mehr als nur eine rein funktionale Bedeutung zu. Mit seiner schlichten Backsteinarchitektur aus günstigem Gelbbrand markiert er städtebaulich ein Zentrum und den wichtigsten Erschließungsort des Villenquartiers. Sein Uhrenturm und das hoch aufragende Belvedere bieten eine Signifikante, die in den Potsdamer Turmvillen von Ludwig Persius ihr Vorbild findet. Die dreiachsige Portalarkade der Giebelschauseite mit vor gelagerter Freitreppe lädt zur Passage durch das Gebäude ein und öffnet umgekehrt den erhabenen Blick auf den zum Vorplatz erweiterten Straßenraum der Baseler Straße. Ihre von Südwesten heranführende Allee schwenkt in Höhe der Curtiusstraße um 45 Grad, um so frontal auf das Empfangsgebäude und das Portal zu führen. Die Inszenierung wird von den flankierenden Wohn- und Geschäftsbauten malerisch unterstrichen und bildet die Kulisse für ein vitales Marktgeschehen mit Geschäften und Lokalen. Dabei wurde das große „Cafe-Restaurant Hans Sachs“ von 1893 mit seinem Festsaal in der Baseler Straße 1 mehrfach umgebaut und präsentiert sich heute als Zeile mit alt eingesessenen Läden.
Der gegenüber liegende Westbazar hingegen von 1897 war von Beginn an als Versorgungszentrum angelegt und bietet durch seine Dreiflügeligkeit weiteren Freiraum für Aufenthalt und Handel in einem kleinen Ehrenhof. Routiniert verlieh Georg Böhme, einer der wohl geschäftstüchtigsten Maurermeister und Bauunternehmer in Großlichterfelde, mit dem Scheinfachwerk der Platzkulisse eine historisierend gediegene Anmutung. Für die Realisierung mussten zwei Villen der 1870er Jahre weichen. Heute ist der Westbazar das letzte Beispiel für ein derartiges Zentrum in Berlin vor 1918. Sein Pendant, der ehemalige Ostbazar (Jungfernstieg 25) wurde 1955 abgetragen.
Einen ganz besonderen Akzent setzt das pittoresk bemalte Haus Baseler Straße 5, des dort von Paul Emisch 1895 gegründeten Bank- und Immobiliengeschäftes. Das Repertoire spätmittelalterlicher Ikonografie wird detailreich und aufwendig in der kürzlich restaurierten Fassadenmalerei zelebriert, um den Bewohnern von Lichterfelde vor allem eins zu zeigen: So schön kann Besitzerstolz sein!
Einen Einblick in die Geschichte des Bahnhofes gibt es am Wochenende 15./16. Dezember, wenn der 140. Geburtstag groß mit einem Bahnhofsfest gefeiert wird. In dessen Mittelpunkt steht eine Ausstellung zur Geschichte der Wannssebahn-Haltestelle. Fotos und Schautafeln erinnern unter anderem an den dortigen „Amibahnhof“ und die Auswirkungen des Ost-West-Konflikts. Dazu sind Exponate zur Eisenbahn- und S-Bahngeschichte zu sehen. Die Ausstellung wird am Sonnabend um 10.3o Uhr von Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) eröffnet.
Zum Festauftakt dampft und zischt es gewaltig: Wer will, kann am Sonnabend im Führerstand einer historischen Dampflokomotive mitfahren und am Sonntag auf Rangierlokomotiven der Märkischen Kleinbahn. Dazu gibt es Rundgänge durchs Bahnhofsviertel mit Wolfgang Holtz (Sonnabend 14.30 Uhr/Sonntag 14 Uhr), und Klaus-Dieter Liebig führt Besucher über den ehemaligen Güterbahnhof Lichterfelde West (Sonnabend12.30/Sonntag 13 Uhr). Über seine ganz persönlichen Erfahrungen berichtet am Sonntag um 11.30 Uhr Autor Horst Bosetzky, der sich in seinen Büchern stets als Eisenbahnliebhaber zu erkennen gibt. Abgerundet wird das Programm mit Musik und Tanz, Videoinstallationen und Kinderquiz. Das ganze Programm gibt es unter www.lichterfelde-west.net/bahnhofsfest.htm.
Anlässlich des Jubiäums erscheint am 15. Dezember ein Kiezbuch, in dem die Autoren Harald Hensel und Christiane Kundt die 140-jährige Geschichte des Bahnhofes beleuchten. Die „’Lichterfelder Bahnhofsgeschichte(n)‘ – 140 Jahre Bahnhof Lichterfelde West“ sind für zehn Euro im Bürgertreffpunkt erhältlich.
Dr. Jörg Rüter
Denkmalschutzbehörde












Foto: Patrick Meyer[/caption]
Von Milwaukee über Asien nach Steglitz-Zehlendorf, vom US-Soldaten zur Berliner Radiolegende. Ende März ist Rik de Lisle gestorben, er wurde 79 Jahre alt.
Ein Beitrag von Patrick Meyer
„Hi! Icke bin’s, der Alte Ami, Rik de Lisle!“ Jahrzehnte lang begrüßte Rik so die Berlinerinnen und Berliner zu seinen Shows, auch als die Stadt noch geteilt war. Er war schon mit Mitte 30 der „Alte Ami“ - weil er einer der ältesten Kollegen in der Redaktion war und es einfach auch gut klang. Viele waren überrascht, dass hinter der markanten Stimme mit dem unverwechselbaren amerikanischen Akzent aus dem Radio ein weißer, bärtiger Mann stand.
Rik, der Junge aus Milwaukee war durch eine Verkettung überraschender Umstände in West-Berlin gelandet: inmitten des Kalten Krieges strandete er auf einer kleinen Insel, wo Punks und Bankangestellte zusammen ein Bier tranken und sich gegenseitig den Sinn des Lebens erklärten. West-Berlin war so ein absurdes, weltpolitisches Konzept, das dem AFN-Diskjockey, der aus dem Rettungssanitäter geworden war, gefiel und in der Stadt bleiben ließ. Für immer. Rik hatte Berlin verstanden.
Obwohl man hörte, dass er nicht in Lichterfelde oder Charlottenburg aufgewachsen war, bestand schnell kein Zweifel mehr daran, dass Rik ein Berliner Original war. Er liebte die Menschen, aber nicht unbedingt das Rampenlicht. Ein Typ, der sich interessierte, aber nicht wollte, dass man ihm die Zeit stiehlt. Ein Perfektionist seines Fachs, der Talente erkannte und förderte, Einsatz forderte und mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hielt, auch wenn das bedeuten konnte, jemanden zu verletzen.
Den Hörern war das Wurscht, weil sie spürten, dass er Radio liebte. Er brachte amerikanische Musik und das freiheitliche Lebensgefühl in den Alltag vieler Menschen, die oft mit dem Kassettenrecorder die neuesten Songs aufnehmen wollten, die Rik in seinen Shows spielte.
Als ich ihn irgendwann fragte, ob wir sein Leben nicht dokumentarisch festhalten sollten, fand er die Idee erst befremdlich und stimmte dann doch zu. So entstand 2017 der englischsprachige Film „
Das ist einer der schönsten Bahnhöfe die ich kenne