
Villa in der Klingsorstraße 119. Von 1980 bis 2012 war hier das medizinhistorische Institut der FU untergebracht. Zuletzt kamen in dem Haus Geflüchtete und Wohnungslose unter. | Foto: Daniela von Treuenfels
Seit einigen Wochen ist die Unterkunft für wohnungslose Menschen in der Klingsorstraße 119 Ecke Marschnerstraße auf Anordnung des Gesundheitsamtes geschlossen.
Das bestätigte der zuständige Stadtrat Tim Richter den Stadtrand-Nachrichten auf Anfrage. Schimmel an den Wänden, vermüllte Räume, Tierbefall – bei einer Begehung aufgrund von Beschwerden trafen Mitarbeiter des Bezirksamtes auf die ganze Palette der Verwahrlosung. Das Gesundheitsamt ordnete daraufin die sofortige Schließung an, berichtet der Stadtrat. Anschließend seien Kammerjäger und Handwerker ans Werk gegangen. Der private Eigentümer habe die Aufforderung erhalten, das Gebäude vom Müll zu befreien.
Das ist wohl auch geschehen, wie eine direkte Nachbarin bei einer zufälligen Begegnung berichtet. Sie folgt unseren neugierigen Blicken vom Bürgersteig aus und erklärt, bis vor Kurzem habe hier noch jede Menge Müll gelegen, der nun größtenteils abgefahren worden sei. Die ältere Dame ist froh über die Ruhe, die nun wieder eingekehrt ist. Der Lärm der Bewohner habe sie und andere Nachbarn doch sehr gestört. Am Anfang, sagt sie, sei noch alles erträglich gewesen.
Der Anfang muss in etwa 2014 gewesen sein. Der Eigentümer (dessen Namen Stadtrat Richter nicht nennt) kaufte die große Villa 2012 vom Land Berlin. Das medizinhistorische Institut der FU Berlin zog aus. Neuer Mieter wurde ein Betreiber von Unterkünften für wohnungslose Menschen (dessen Namen Stadtrat Richter auch nicht preisgeben möchte). Ab 2014 wurden in der Klingsorstraße zunächst Flüchtlingsfamilien untergebracht.
„Die waren teilweise auch laut“, erinnert sich die Nachbarin, „aber das war hauptsächlich Kinderlärm, und dagegen habe ich nichts“. Im Laufe der Jahre habe sich das Publikum gewandelt, was auch der Stadtrat bestätigt. Zunehmend seien alleinstehende wohnungslose Erwachsene in der Klingsorstraße untergekommen, darunter viele Männer. Richter ist als Dezernent für Soziales zuständig für die Unterbringung von unfreiwillig Wohnungslosen. Also von Menschen, die in Berlin ihre Wohnung verloren haben oder keine Bleibe finden.
Die Zahl der Betroffenen hat sich in den vergangenen 25 Jahren verfünffacht, wie eine vor einem halben Jahr veröffentlichte Studie der Alice Salomon Hochschule für Sozialwesen dokumentiert. Demnach lag die Zahl der untergebrachten Personen im Januar 2023 bei 34.935. Grundlage für die Unterbringung ist das Allgemeine Sicherheits- und Ordungsgesetz (ASOG), welches das Land Berlin im Falle von drohender oder bestehender Wohnungslosigkeit zum Handeln verpflichtet. Zuständig für die Umsetzung sind die Bezirke. 2023 betrugen die Gesamtkosten für ASOG-Unterbringungen in Berlin laut der ASH-Studie knapp 355 Mio. Euro.
Professorin Susanne Gerull, gemeinsam mit 16 Studierenden Verfasserin der Expertise, geht mit den Verantwortlichen hart ins Gericht. So liege der Fokus auf der Gefahrenabwehr, soziale Unterstützung spiele eine Nebenrolle. In den Mindeststandards für die ASOG-Unterbringung sei eine soziale oder psychologische Begleitung nicht vorgesehen, einige Einrichtungen ließen die Bewohner auf sich alleine gestellt. Die Qualität und die hygienischen Bedingungen seien sehr unterschiedlich, unzumutbare Zustände kein Einzelfall. Das Forscherteam macht diverse Vorschläge zu kurzfristigen Verbesserung und langfristigen Strukturveränderungen.
Wie die Situation der Wohnungslosen konkret in der Klingsorstraße einzuordnen ist, wird eine Aufarbeitung zeigen müssen. Auf Gremien und Ausschüsse kommt einiges an Arbeit zu.
Daniela von Treuenfels
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Foto: Inka Thaysen/RAZ Verlag[/caption]
Helfende Hände gesucht: der Suppenbus braucht Menschen, die einmal in der Woche in der Schloßstraße eine Kelle Wärme ausgeben.
Der Suppenbus in Steglitz zeigt, was möglich ist, wenn viele Menschen gemeinsam handeln: Nachdem das Projekt zwischenzeitlich aufgrund fehlender Fahrer pausieren musste, brachte ein öffentlicher Aufruf die Wende. Dank neuer freiwilliger Helfer konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden.
Neue Unterstützung dringend gesucht
Um das Angebot langfristig zu sichern, werden erneut ehrenamtliche Fahrer oder Helfer gesucht. Der Einsatz umfasst etwa fünf Stunden pro Woche und beinhaltet das Einsammeln von Lebensmitteln, den Transport der Suppe sowie die Ausgabe vor Ort. Zusätzlich steht ein personeller Wechsel an: Da sich der derzeitige ehrenamtliche Leiter des Suppenbusses ab August neuen Projekten widmet, wird eine engagierte Person gesucht, die künftig organisatorische Verantwortung übernimmt und das Projekt koordiniert.
Dabei gilt ausdrücklich: Die Leitungsrolle ist nicht an Fahrdienste gebunden. Wer den Überblick behält, gerne organisiert und ein soziales Projekt aktiv mitgestalten möchte, kann diese Aufgabe auch unabhängig vom Fahren übernehmen – vorausgesetzt, es finden sich genügend Fahrer.
Bewährtes Projekt im Stadtteil
Seit seinem Start im Frühjahr 2023 ist der Suppenbus zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden. Jeden Dienstag bietet er in der Schloßstraße nicht nur warme Mahlzeiten, sondern auch Begegnung, Austausch und Unterstützung im Alltag.
Kontakt und weitere Informationen
Interessierte erhalten weitere Informationen bei Maike Loerzer, Ansprechpartnerin im Gutshaus Lichterfelde, unter der Telefonnummer 0172 5 34 38 75 oder
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